Eintritt nur für Jugendliche bis 99!», heisst es auf einem riesigen grünen Plakat an der Steuerbordseite des dreistöckigen Baus im Basler Industriequartier Dreispitz, inmitten von Lagerhallen, Garagen und Containern. In den nahe gelegenen Baselcitystudios werden CDs aufgenommen und finden regelmässig Partys statt: ein trendiger Ort für «Job Factory Store – The Trendhouse», das neue Basler Warenhaus von Jugendlichen für Jugendliche allen Alters.

Désirée Schmitts Arbeitstag beginnt um sechs Uhr morgens. Die 18-Jährige arbeitet als Junior – so werden die jungen Arbeitsleute in der Job Factory genannt – im Take-away im Eingangsbereich. Mittags hilft sie als Kellnerin im Restaurant im dritten Stock mit. «Ich versuche immer, beim Bedienen zu lächeln. Das ist herzerwärmend», meint sie ernst. Sie sei manchmal etwas unsicher und ungeschickt, da helfe das Lächeln.

Keine geschützte Werkstatt


Morgens um halb sieben kommen die ersten Stammkundinnen und trinken einen Kaffee. Zwei Franken kostet die Tasse, ein halber Liter Coca-Cola zwei Franken fünfzig. Günstige Preise in zeitgemässer, schicker Industrieästhetik: schwarze Böden, orange Decken, Neonlicht und viel Aluminium.

Maximal zwölf Monate dauert Désirées Praktikum. «Mein Traumberuf ist eigentlich Tierpflegerin», sagt sie und fingert an ihrem silbernen Halskettchen herum, «aber ich habe leider keine Lehrstelle gefunden.» Nach dem zehnten Schuljahr hat sich die blonde Baslerin über 100-mal beworben – und nur Absagen erhalten. «Das war sehr frustrierend. Ich machte mir immer wieder vergeblich Hoffnungen.» Nach dem Praktikum will sie eine Lehrstelle als Servicefachangestellte suchen. Ihre Chancen stehen nicht schlecht, lernt sie doch während ihrer Zeit in der Job Factory auch, wie man Bewerbungen schreibt und sich gut präsentiert.

Den jungen Leuten eine Chance geben, das ist das Credo von Robert Roth, Gründer und Präsident der Job Factory Basel AG. Roth hat bereits vor 25 Jahren in Kleinbasel die Stiftung Weizenkorn gegründet, eine Werkstatt für psychisch angeschlagene Jugendliche. Dort arbeiten heute 160 Leute. In der Job Factory sollen es bald 120 sein. Vor ein paar Jahren seien Lehrer zu ihm gekommen, die ihren Schülern keine Lehrstellen vermitteln konnten. «Sie baten, die Stiftung Weizenkorn für solche Jugendliche zu erweitern.» Doch Roth wollte nicht, dass junge Schulabgänger den Berufseinstieg in einer geschützten Werkstatt beginnen müssen. «Es kann doch nicht sein, dass wir keinen Platz für solche jungen Menschen haben.»

Hohe Arbeitslosigkeit unter Jungen


Im Jahr 2000 gründete Roth die Job Factory als Firma, die Arbeitsplätze produzieren soll. «Ich bin sehr zufrieden, dass wir das ohne Steuergelder und Subventionen geschafft haben!» Über 200 Aktionäre, Vereine und Einzelpersonen sowie seine Stiftung spendeten Geld für das Projekt.

Heute arbeiten rund 80 Jugendliche in der Job Factory, deren Flaggschiff das Ende Oktober 2003 eröffnete Jugendwarenhaus ist. In den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft sind über 2000 Jugendliche ohne Stelle. Die Arbeitslosigkeit bei den 15- bis 24-Jährigen in der Schweiz ist so hoch wie nie: Sie liegt bei 8,4 Prozent – mehr als doppelt so hoch wie die durchschnittliche Erwerbslosenquote von vier Prozent. Eine alarmierende Entwicklung, denn wer so jung den Einstieg ins Berufsleben verpasst, dem droht eine schwierige Zukunft. «Wir müssen in die Jungen investieren», ist Robert Roth überzeugt. «Wenn es nicht gelingt, alle zu integrieren, kommen grosse Probleme auf uns zu.»

Der Perspektivlosigkeit gerade noch entronnen ist Baris Aydin. Der 16-jährige Junior arbeitet im Musicstore im Untergeschoss des «Trendhouse». Baris, dessen Name auf Türkisch «friedlicher Sonnenaufgang» bedeutet, war nach dem Realschulabschluss ein Jahr lang arbeitslos. «Ich war den ganzen Tag daheim, wusste nicht, was ich tun sollte.»

Depressiv zu Hause gesessen


Obwohl er einige Schnupperlehren im Verkauf und bei der Post absolvierte, fand er keine Lehrstelle. Als jüngstes von vier Geschwistern – der Bruder arbeitet in einer Fleischwarenfabrik, die beiden Schwestern sind verheiratet und wohnen nicht mehr daheim – sei er zu Hause depressiv geworden, erzählt Baris. Auch seine Eltern waren oft nicht da: Die Mutter arbeitet in einer Textilreinigung, der Vater als Reinigungsmann in einem Spital.

Baris’ Cousin erzählte ihm von der Job Factory. «Er sagte, dass dort Junge ohne Lehrstelle arbeiten könnten.» Baris schnupperte eine Woche in der Schreinerei und erhielt einen Praktikumsplatz. Seit der Eröffnung des Warenhauses arbeitet er als Verkäufer von Musikinstrumenten und -zubehör. Stolz zeigt Baris auf die elektrischen und akustischen Gitarren: «Cool, oder?» Selber spielt er die türkische Gitarre Saz und Keyboard. Seine Eltern seien sehr froh, dass er nun endlich Arbeit habe.

Morgens ist nicht viel los im Musicstore. Baris richtet die Auslagen her, hilft an der Kasse. Ist keine Kundschaft im Laden, spielt er Keyboard. In solchen Momenten komme manchmal sein Chef vorbei und ermahne ihn, Arbeit zu suchen. «Doch das ist mein Problem: Ich weiss oft nicht, was ich hier tun soll», gesteht Baris, «aber ich arbeite daran.» Er verschwindet nach hinten und bündelt Karton.

Nachmittags wirds geschäftiger, viele junge Kunden kommen vorbei und probieren Instrumente aus. Baris schaut zu und hilft, wenn er kann. Nach Ablauf seines einjährigen Praktikums will er eine Lehrstelle als Pöstler suchen: «Das ist sicher cool, morgens mit meinem Scooter die Briefe zu verteilen und nachmittags freizuhaben.»

Daniel Städeli lächelt, als er von Baris’ Traumberuf erfährt. Der 28-Jährige ist Ausbildner. Anderthalb Tage pro Woche werden die Juniors in Deutsch, Mathematik und Bewerbungskunde unterrichtet. Baris kennt er vom Mathematikkurs. «Es ist schön, wenn die Jugendlichen merken, wo ihr Platz im Leben ist», sagt er. Viele kämen mit überhöhten Selbsteinschätzungen und Erwartungen und müssten erst lernen, dass mit ihren schlechten Schulnoten vieles einfach nicht möglich sei – «eine schmerzhafte Erfahrung».

Städeli ist gelernter Fahrzeugschlosser mit einer Zusatzausbildung in kirchlicher Sozialarbeit. Er sieht aus wie der nette Junge von nebenan und vermittelt viel Enthusiasmus: «Ich freue mich über die kleinsten Lernerfolge.»

Städeli zeigt in der Kantine der Jugendlichen herum. Es ist kurz nach Mittag, überall liegt Müll auf den Tischen. «Wir müssen hier viel Erziehungsarbeit leisten», seufzt der Ausbildner. Rund einem Fünftel der jungen Leute muss gekündigt werden – meist aus disziplinarischen Gründen wie ständigem Zuspätkommen oder Arbeitsverweigerung. Bei den Stempelkarten steht gut sichtbar an der Wand: «Stempeln für andere Juniors kann zur fristlosen Kündigung führen!» Städeli zuckt mit den Schultern: «Es gibt nichts, was es hier nicht gibt!» Auch Gewalt, Dealen und Sexismus kämen vor – allerdings selten. «Wir arbeiten hier auch mit schwierigen Jugendlichen, das darf man nicht vergessen.»

Ähnlich sieht das Daniel Aebersold, Geschäftsleiter vom Job Training, dem Bereich Ausbildung, Beratung und Arbeitstraining innerhalb der Job Factory. «Bei vielen Jugendlichen müssen wir das Potenzial suchen.»

Das Ziel sei, allen eine Chance zu geben, Perspektiven zu vermitteln, aber auch Grenzen zu setzen. Die Jugendlichen müssen den Berufsalltag kennen lernen und sich damit arrangieren können. Der Erfolg gibt Aebersold Recht: Immerhin 26 Prozent der Juniors finden nach den Praktika eine Lehrstelle, weitere 24 Prozent eine Arbeitsstelle, und 14 Prozent besuchen eine weiterführende Schule.

Auch Srdjan Radovanovic, 17, will nach seiner zweijährigen Anlehre in der Schreinerei eine weitere Ausbildung in Angriff nehmen. «Vielleicht mache ich eine Zusatzlehre als Lagerist», meint er. Der schlaksige Jugendliche arbeitet gern mit den Händen. In der Schreinerei lernt er, wie Küchenmöbel zugeschnitten und zusammengebaut werden. Srdjan kam mit seiner Schwester vor sieben Jahren aus Serbien in die Schweiz. Seine Eltern arbeiteten hier bereits als Lagerist und Küchengehilfin. Srdjan hat noch nie im Jugendwarenhaus eingekauft, obwohl er es schön findet. «Kleidermässig haben die aber nicht so meinen Geschmack.»

Später Nachmittag: Srdjan muss im Trendstore Gestelle schreinern für die Dekoration. Neben dem Blumenladen im Eingangsbereich schneidet er Holzlatten zu. Kollege Baris kommt vom Untergeschoss herauf. Srdjan und Baris kennen sich von der gemeinsamen Schnupperlehre in der Schreinerei. Im Gegensatz zu Srdjan sind für Baris Kleider «sehr wichtig». Wenn er könnte, würde er seinen ganzen – leicht unterdurchschnittlichen – Lehrlingslohn dafür ausgeben.

Die Konkurrenz ist gross


Dieses Problem kennt auch die 18-jährige Loredana Saracino. Sie arbeitet als Junior in der Sportmodeabteilung im zweiten Stock. «Ich habe schon so viel gekauft, Tasche, Schuhe, Sportkleidung, jetzt muss Schluss sein.» Die Italienerin lacht und bedient zwei junge Kundinnen. «Der Renner ist momentan das Turnschuhmodell Speed Cat von Puma», erklärt sie.

Kunden unter 20 bekommen zehn Prozent Rabatt, verrät ein Schildchen neben der Kasse. «Eine tolle Sache», findet Loredana, viele ihrer Kolleginnen seien deshalb auch schon vorbeigekommen. Leider laufe der Laden noch nicht so gut, die Konkurrenz sei gross. In der Nähe sind ein grosser Migros-Markt und das Sportfachgeschäft Athleticum. Keine einfache Aufgabe für den Trendstore, sich in diesem Umfeld mit Sport- und Trendmode, Lifestyle-Artikeln und Blumen zu behaupten. Schliesslich gelten für das Jugendwarenhaus dieselben Marktgesetze wie für alle anderen Läden auch.

Bald ist Feierabend, draussen ist es schon dunkel. Das Jugendwarenhaus erstrahlt in blauem Glanz, geschickt ins Licht gesetzt durch unzählige Neonröhren. Ein gut sichtbares Schiff – auf Erfolgskurs, hoffentlich.

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