Jugendliche sollen neu wie Erwachsene arbeiten. Der Bundesrat will das Schutzalter für Lehrlinge von 20 auf 18 Jahre senken. Auch das Tabu der Nacht- und Sonntagsarbeit fällt weg. So will es der Revisionsentwurf zum Arbeitsgesetz, der derzeit in der Vernehmlassung ist.

Sollte die Senkung des Schutzalters durchkommen, könnten junge Werktätige in Zukunft als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Ein Übel, das bereits in der Gastronomie zu beklagen ist: Berufsschullehrer ärgern sich, dass sie morgens um acht Uhr oft vor übermüdeten Lehrlingen stünden, die bis sechs Stunden vorher im Service gearbeitet hätten – obwohl der Jugendschutz eine Ruhezeit von 12 Stunden garantiert.

Kaum noch Zeit für Hausaufgaben

Der Vorschlag des Bundesrats ignoriert, dass Lehrlinge neben einer Erholungsphase – wie sie Erwachsenen gewährt wird – auch Zeit für ihre Hausaufgaben brauchen. Ausserdem würde der Lehrlingsschutz für viele Auszubildende gerade einmal ein Jahr dauern, da Jugendliche heute ihre Lehre oft erst mit 17 Jahren beginnen.

«Die Senkung des Schutzalters auf 18 Jahre entspricht dem europäischen Standard», verteidigt Christiane Aeschmann, Leiterin Arbeitnehmerschutz beim Staatssekretariat für Wirtschaft, den Revisionsentwurf. Die Jungen seien durch das neue Berufsbildungsgesetz geschützt, das 2004 in Kraft treten wird. «Zudem sind die Lehrlinge mit 18 Jahren volljährig und können ihre Lehrverträge kündigen.»

Gerade dies werden aber die wenigsten tun, die eine der spärlich gesäten Lehrstellen gefunden haben: Derzeit bewerben sich 18 Jugendliche für eine KV-Lehrstelle, um eine Informatik-Lehrstelle konkurrieren gar 37 Bewerberinnen und Bewerber.

Keinen Schutz bietet das neue Berufsbildungsgesetz all jenen jungen Angestellten, die keine Lehre absolvieren. Ihr Schutzalter soll gemäss Revisionsentwurf von 19 auf 18 Jahre gesenkt werden. «Alle Jugendlichen», egal, ob im Lehrverhältnis oder nicht, hätten ein «Recht auf gleichen Schutz», sagt Peter Sigerist, Zentralsekretär Ressort Berufsbildung beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund. «Ein einheitlicher Jugendschutz könnte auch besser kontrolliert werden.»

Das neue Berufsbildungsgesetz ist nur ein Rahmengesetz. Konkrete Schutzvorschriften müssten in zusätzlichen Berufsbildungsverordnungen branchenspezifisch ausgehandelt werden. Dies laufe «auf eine Zersplitterung der Schutzvorschriften» hinaus, befürchtet Peter Sigerist. Nicht gelten lassen will er auch das Argument vieler Arbeitgeber, dass der heutige Jugendschutz die Ausbildungsbereitschaft der Firmen einschränke. «Der Mangel an Lehrstellen ist vielmehr die Folge der Wirtschaftsflaute.»

Die Betriebe profitieren von Lehrlingen

Dass Lehrlinge – auch mit dem bisherigen Jugendschutz – für die Unternehmen rentieren, illustriert eine Studie der Universität Bern: In rund zwei Dritteln aller Betriebe bringen Lehrlinge mehr ein, als sie kosten. Im Jahr 2000 erarbeiteten sie einen Gewinn von 400 Millionen Franken. Auch das verbleibende Drittel der Betriebe profitiert von der Lehrlingsausbildung: Bleiben die jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Lehrabschluss im Betrieb, fallen die Kosten für Personalsuche und Einarbeitung weg.

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