Die kaufmännische Lehre ist der beliebteste Weg in den Beruf: Von den jährlich 100'000 Schulabgängern in der Schweiz wählt rund jeder zehnte die Ausbildung der kaufmännischen Grundausbildung. Nicht zuletzt auf Druck der Wirtschaft, die mehr Branchennähe verlangte, wurden die Anforderungen an die Lehrlinge mit der KV-Reform erhöht: Sie sieht vor, dass Lehrlinge selbstständiger arbeiten und am Arbeitsplatz mehr Verantwortung übernehmen. Die Ausbildungsteile Schule und Betrieb sind neuerdings gleichwertig. Entsprechend müssen auch die Lehrmeister ihre Stifte benoten.

Nach fünfjähriger Pilotphase wurde die neue Ausbildung im Herbst 2003 eingeführt. Von den Firmen, die mehr Aufwand für die Ausbildung der Lehrlinge leisten müssen, kommt teils massive Kritik. Selbst grosse Unternehmen klagen über die administrative Zusatzbelastung. Roche etwa hat deshalb im Jahr 2003 keine KV-Lehrlinge eingestellt, erst 2004 nahm der Pharmakonzern erneut KV-Stifte an.

Ein Jahr nach Einführung kündigt sich bereits die Reform der Reform an: Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie lancierte ein Projekt mit dem Ziel, Schwachstellen der KV-Reform aufzuzeigen und innerhalb von drei Jahren entsprechende Anpassungen zur Verbesserung vorzunehmen. Der Beobachter befragte Heinrich Summermatter, Berufsbildungsexperte des Kaufmännischen Verbandes Schweiz, nach dem Stand der KV-Dinge.

Beobachter: Von 600 befragten Firmen gaben 80 Prozent an, im letzten Jahr Lehrstellen abgebaut zu haben. Begründung: der hohe zeitliche Aufwand der KV-Reform. Geht der Schuss nach hinten los?
Heinrich Summermatter: Kurzfristig mag das so wirken. Doch mit der Zeit wird sich der gewünschte Effekt einstellen. Die KV-Reform ist das grösste Projekt, das je in der Berufsbildung stattgefunden hat. Sicher müssen die Lehrfirmen mehr Zeit investieren, da der betriebliche Ausbildungsteil gestiegen ist. Aber dieses Engagement wird sich für die Zukunft auszahlen. Das Image der KV-Lehre war bereits in den neunziger Jahren angeschlagen, und die Wirtschaft selbst hat zu einem Systemwechsel aufgerufen.

Beobachter: Der Aufruf kam von den Grossunternehmen. Weshalb wurden in der fünfjährigen Pilotphase nicht mehr KMUs involviert?
Summermatter: Es war schwierig, den KMUs ein Projekt in diesem Umfang gut zu kommunizieren – ein Schwachpunkt, ganz klar.

Beobachter: Insbesondere der Finanzsektor übte Druck aus, die KV-Lehre sei zu schullastig. Wieso ziehen sich die Banken jetzt von der neuen Ausbildung zurück?
Summermatter: Es trifft zu, dass die alte Lehrausbildung zu wenig Praxiserfahrung enthielt. Aber der schulische sowie der betriebliche Teil sind jetzt gleichwertig. Aus meiner Sicht entziehen sich die Banken schrittweise dem dualen Bildungssystem, indem sie zugunsten von Allround-Praktika für Maturanden Lehrstellen abbauen. Dieses Vorgehen entspricht nicht den vereinbarten Spielregeln.

Beobachter: Was fordern Sie von den Banken?
Summermatter: Dass sie sich an den ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag halten.

Beobachter: Die Firmen müssen auch tiefer in die Tasche greifen, um auszubilden. Wird damit nicht zu viel verlangt?
Summermatter: Die Kosten sind zumutbar, und die Investition kommt zurück, denn die Betriebe bilden den eigenen Nachwuchs aus. Zudem sind die neuen Kaufleute schneller selbstständig – auch davon profitieren die Lehrfirmen.

Beobachter: Der Reformstart wurde zu einer konjunkturell ungünstigen Zeit umgesetzt. Hat man die Lehrbetriebe überfordert?
Summermatter: Wir können es uns nicht leisten, Ausbildungsplätze von der wirtschaftlichen Lage abhängig zu machen. Wenn die Arbeitgeber ihre Verantwortung weiterhin nicht wahrnehmen, wird sich früher oder später der Staat einschalten. Ob das die Situation vereinfacht, sei dahingestellt.

Beobachter: Wie soll verhindert werden, dass Jugendliche zum Spielball der Konjunktur werden?
Summermatter: Wenn die Wirtschaft nicht genügend Lehrstellen zur Verfügung stellt, müssen Ersatzplätze durch Lehrwerkstätten oder Übungsfirmen geschaffen werden. Die Alternativen sollten so nah wie möglich dem heutigen Modell entsprechen. Die Wirtschaft muss handeln, sonst kippt das System.

Beobachter: Sind die Verbundlehren ein Ersatz?
Summermatter: Dass sich mehrere Betriebe zusammenschliessen und einen Lehrling gemeinsam ausbilden, ist besser als gar nichts. Aber für mich ist das eine Verlegenheitslösung.

Beobachter: Es gibt Tendenzen, die Ausbildung zu privatisieren. Wird in Zukunft das Portemonnaie über eine Lehrstelle entscheiden?
Summermatter: Nein, das wäre der falsche Weg. Die Aufgabe der Berufsverbände und der Bildungspolitiker ist es, langfristig zu planen. Wir werden vom Jahr 2006 an mit einem starken Rückgang der Schulabgänger konfrontiert. Dann wendet sich das Blatt, und es wird an Lehrlingen mangeln.

Beobachter: Die zweijährige Bürolehre wurde mit der KV-Reform abgeschafft. Ist im kaufmännischen Bereich kein Platz mehr für lernschwächere Schüler?
Summermatter: Ich will nicht darum herumreden: Es braucht ganz klar gute schulische Voraussetzungen, um die kaufmännische Ausbildung zu absolvieren.

Beobachter: Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie hat mit einem Pilotversuch die zweijährige kaufmännische Grundbildung mit Berufsattest gestartet. Soll dies die Bürolehre ersetzen?
Summermatter: Mit dem Versuch soll evaluiert werden, inwieweit das Interesse einer solchen Qualifikation besteht. Pro Jahr fangen 1500 Jugendliche eine Bürolehre an. Diese Stellen wollen wir erhalten.

Beobachter: Wie sieht die Zukunft der KV-Lehre aus?
Summermatter: Die Neuerungen müssen sich einspielen, und das System darf nur noch einfacher werden. Die Betriebe sollen die nötige Unterstützung erhalten. Das Gros der Schweizer Bevölkerung ist im Dienstleistungssektor tätig – diesen gilt es weiterhin zu verbessern.

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