Gemeint war er gut, doch für die meisten ist er ein Ärgernis: der fünfwöchige Basiskurs am Anfang der kaufmännischen Lehre. «Völlig unnötig», kommentiert Philippe Hug, Stift im dritten Lehrjahr bei der Gemeinde Reinach AG. «Ich habe sehr wenig gelernt, und wenn man dann endlich in den Betrieb kommt, muss man wieder bei null anfangen.» Ähnlich äussert sich Debora Huber, die bei der Treuhandgesellschaft BDO Visura in Aarau das dritte Lehrjahr absolviert: «Wir sollten nach diesem Kurs selbstständig arbeiten können, aber das funktioniert nicht. Im Betrieb läuft es anders, als wir das in der Theorie gelernt haben.»

Unterstützt werden die Lernenden von ihren Chefs: «Es ist nicht gut, wenn die Lehrlinge am Anfang so lange weg sind. Bis sie sich im Betrieb zurechtfinden, wird es Weihnachten – das ist schlecht für die Integration», kritisiert Rudolf Vogt, BDO-Visura-Partner in Aarau. Und Peter Walz, Gemeindeschreiber von Reinach, der sich intensiv mit der Reform der kaufmännischen Lehre beschäftigt, meint: «Wegen der engen zeitlichen Vorgaben im Basiskurs können die Lernenden gar nicht bedarfsgerecht eingesetzt werden.»

Verunsicherte Lehrmeister



Als vor zwei Jahren die neue Ausbildung in Kraft gesetzt wurde, glaubten viele, einen grossen Wurf gelandet zu haben. «Noch nie musste ein dermassen komplexes Reformwerk bei so vielen Akteuren neu eingeführt werden», sagt Ursula Renold, Direktorin ad interim im Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT). Man sei sich auch bewusst gewesen, dass die Umsetzung schwierig würde. Inzwischen sind die Schwierigkeiten in gewissen Regionen aber so gross, dass eine Task-Force bis Ende 2005 Vorschläge für die Reform der Reform unterbreitet, die aufs Schuljahr 2006 in Kraft treten soll.

Fatal ist die Entwicklung bei den Lehrstellen: Nach BBT-Angaben ging die Zahl der kaufmännischen Lehrstellen zwischen 2001 und 2004 um elf Prozent zurück. Gewisse Kantone und Schulen melden sogar einen Rückgang zwischen 15 und 25 Prozent. Auch die Politik ist alarmiert: Die Aargauer FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi appellierte Ende September in einer Anfrage an den Bundesrat: «Viele Lehrmeister sind verunsichert und stellen keine Ausbildungsplätze mehr bereit. Ich möchte, dass der Bundesrat ihnen darlegt, wie in Zukunft die Ausbildung wieder vereinfacht wird. Die Weichen für die Lehrstellen im nächsten Jahr werden heute gestellt, und deshalb wäre ein Signal ganz wichtig.»

«Die öffentliche Verwaltung hat zwar mehr Lehrstellen geschaffen», sagt Gemeindeschreiber Walz, «aber ich begreife alle Betriebe, die die Ausbildung nicht mehr attraktiv finden. Man hat aufgrund der engen zeitlichen Vorgaben kaum mehr Spielraum, die Lehrlinge nach den Bedürfnissen des Betriebs einzusetzen.» Und Renate Girardi, Ausbildnerin bei der BDO Visura, bemängelt: «Die Lernenden sind so lange weg, dass eine vernünftige Ausbildungsplanung fast unmöglich ist.» Für Abwesenheiten sorgen etwa zweiwöchige Ausbildungseinheiten, die Debora Huber sauer aufstossen: «Nicht nur in der ersten, sondern auch in der zweiten Woche mussten wir zuerst nur Zeitung lesen, über die Artikel diskutieren und dann selber eine Zeitung machen. Ich weiss nicht, was das mit meiner Ausbildung zu tun hat.»

Renate Girardi fordert deshalb klipp und klar: «Als Erstes müssten diese Ausbildungseinheiten abgeschafft werden – sie haben zu wenig Praxisbezug.» Nicht ganz so weit gehen will Erich Leutenegger, Rektor der kaufmännischen Berufsschule in Aarau. Kürzlich schickte er im Namen der Aargauer Rektorenkonferenz einen Forderungskatalog nach Bern ans BBT, der unter anderem eine Reduktion der Einheiten von drei auf zwei postuliert. Leutenegger: «Es gibt einerseits eine Überbelastung der Lernenden, und zum andern geht die Ausbildung zu wenig in die Tiefe.»

«Man traut sich das nicht zu»



Im Wirrwarr der neuen kaufmännischen Lehre sind auch die so genannten Prozesseinheiten stark vertreten, die Leutenegger und seine Kollegen ebenfalls um einen Drittel reduzieren wollen. «Es ginge hier eigentlich darum, dass wir einen Arbeitsablauf beschreiben und mögliche Verbesserungen aufzeigen», sagt Debora Huber. «Aber im ersten Lehrjahr hat man zu wenig Erfahrung und traut sich das nicht zu.» Zudem kämen die guten Ideen meist spontan und nicht beim Aufschreiben.

Daniel Holliger, im dritten Lehrjahr bei der Reinacher Gemeindeverwaltung, kann sich nicht über Mangel an Arbeit beklagen. Neben den Aufgaben in den verschiedenen Fächern muss er in diesem Semester eine interdisziplinäre Arbeit und einen Vortrag schreiben, dazu eine Prozess- und eine Ausbildungseinheit erarbeiten. Weil er sich wöchentlich zwei- bis dreimal sportlich betätigt, bleiben nur die Wochenenden. «Störend ist vor allem, dass die Belastung so ungleich verteilt ist. Ich habe den Eindruck, dass da überhaupt nichts koordiniert wird.» Unterstützung erhält er von seinem Chef Peter Walz: «Es gibt Abstimmungsprobleme, und das führt zu grossen Unterschieden bei der Belastung.»

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Happiger Mehraufwand



Debora Huber lernt leicht und wendet im Schnitt täglich eine gute halbe Stunde für die Schule auf. «Die meisten beklagen sich jedoch, dass die Belastung sehr gross sei.» Eine Feststellung, die auch Rektor Erich Leutenegger macht: «Viele Lernende laufen am Limit und fühlen sich wie eine ausgepresste Zitrone.»

Das gilt auch für die Ausbildungsverantwortlichen in den Betrieben, deren zeitliche Belastung stark zugenommen hat. Happigen Mehraufwand verursachen neu die so genannten Arbeits- und Leistungssituationen. «Früher waren das Mitarbeitergespräche, die eine halbe Stunde dauerten. Heute ist der Aufwand rund viermal so hoch, und ich muss etwa sieben Seiten Papier ausfüllen», moniert Renate Girardi.

Peter Walz sieht eines der Probleme darin, dass die Reformvorgaben unterschiedlich interpretiert und teilweise betriebsfremd umgesetzt würden. So empfindet es auch Lehrling Philippe Hug: «Die Lehrer sind meist Theoretiker, und in der Praxis läuft es oft anders, als sie es uns lehren. Da kommt man oft nicht mehr draus.»

Während die kaufmännischen Schulen im Kanton Aargau die Reform vorbildlich umzusetzen versuchen, gehen andere ihren eigenen Weg. «Etliche Kantone», so Walz, «führen den fünfwöchigen Basiskurs in anderer Form durch. Von einer einheitlichen Umsetzung ist man weit entfernt.»

Für Erich Leutenegger ist es deshalb höchste Zeit zum Handeln: «Wir haben viele kritische bis aufgebrachte Reaktionen erhalten und erwarten nun, dass die Task-Force mehr als nur Kosmetik bringen wird.»

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