Ohne diese Reform verkäme die kaufmännische Lehre zum Auslaufmodell», sagt Niklaus Aerni von Marti-Reisen in Bern. Er muss es wissen, denn seit bald zwei Jahrzehnten bildet er in seinem Betrieb die Lehrlinge aus. In dieser Zeit hat er gerade zweimal Besuch von einem Vertreter des Amts für Berufsbildung erhalten, das die Qualität der betrieblichen Ausbildung zu kontrollieren hat. «Das zeigt ja», so Aerni, «welches Gewicht der Ausbildung im Betrieb beigemessen wird.»

Das soll nun anders werden. Nachdem während Jahrzehnten ausschliesslich die Berufsschule weiterentwickelt wurde, erhält nun die Ausbildung im Betrieb deutlich mehr Gewicht und stärkere Strukturen. Im ersten Lehrjahr sind die Lehrlinge zwar länger in der Berufsschule (zwei Tage pro Woche) und in Kursen. Doch im dritten Lehrjahr, wenn sie über grössere Fähigkeiten verfügen, stehen sie dem Betrieb länger zur Verfügung.

Damit die Erstlehrjahrsstifte im Betrieb nutzbringend eingesetzt werden können, besuchen sie zu Beginn der Lehre ganztags einen Basiskurs von fünf bis sechs Wochen an der Berufsschule. Sie lernen darin die heute elementaren Fertigkeiten wie die Textverarbeitung am PC und den Gebrauch der Kommunikationsmittel, wobei auch kurze Telefonate in Englisch und Französisch trainiert werden.

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Nach einigen Wochen Arbeit im Betrieb erfolgt ein weiterer Blockkurs, der vom Branchenverband organisiert ist. Die Lehrlinge erwerben sich dort branchenspezifische Fähigkeiten.

Benotung von «Modelllehrgängen»

Einschneidend sind die Neuerungen im betrieblichen Teil der Lehre. Die Branchenverbände haben «Modelllehrgänge» erarbeitet, die als Drehbuch der betrieblichen Ausbildung während dreier Jahre dienen: Neu müssen Lehrlinge innerhalb von drei Jahren elf «Arbeits- und Lernsituationen» (ALS) bewältigen. Die ALS sind die Bausteine, aus denen sich das fachliche Rüstzeug des Kaufmanns in einer bestimmten Branche zusammensetzt. Im Reisebürosektor heisst das etwa, ein Kundengespräch führen zu können oder die Konkurrenzprodukte zu kennen. Der Lehrmeister benotet die ALS, wobei die sechs besten für den betrieblichen Teil der Abschlussprüfung zählen.

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In den drei Lehrjahren müssen die jungen Kaufleute im Betrieb auch insgesamt drei Prozesseinheiten meistern. Eine Prozesseinheit ist ein kompletter betrieblicher Ablauf, der sich aus mehreren Elementen zusammensetzt. So erhält der angehende Banker etwa die Aufgabe, den Ablauf einer Privatkontoeröffnung zu beschreiben und zu visualisieren – von der Abklärung des Kundenbedürfnisses bis zum Verkaufsabschluss und den nachfolgenden administrativen Tätigkeiten. Der Lehrmeister benotet auch die Prozesseinheiten; sie zählen ebenfalls für die Abschlussprüfung.

Das neue Modell wird gegenwärtig in der «normalen» Lehre erprobt. Später wird das System auch für die Ausbildung zur Berufsmatura angepasst.

Für die Lehrbetriebe bedeutet die neue KV-Lehre einen zusätzlichen Aufwand. Ausbildner Niklaus Aerni von Marti-Reisen: «Bis sich das neue System eingespielt hat, bedeutet dies für mich Arbeit am Wochenende.» Die Grossbanken verfügen bereits über eine interne Schulung für Lehrlinge. Nur muss diese ganze Organisation auf das neue System abgestimmt werden. Curdin Duschletta, Leiter Talent Development bei der UBS in Zürich: «Allein die Organisation und die Durchführung der Prozesseinheiten sind sehr zeitaufwändig und arbeitsintensiv.»

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Am grössten aber dürften die Schwierigkeiten für die kleinen und mittleren Betriebe (KMU) sein, die keinem Branchenverband angehören. Für diese Betriebe hat die «Interessengemeinschaft zur Unterstützung der kaufmännischen Grundausbildung» einen Ordner mit allgemeinen Arbeits- und Lernsituationen sowie Prozesseinheiten zusammengestellt. Um daraus klug zu werden, muss sich der Lehrmeister wohl einen Tag in Klausur begeben.

Zu kostspielig für Kleinbetriebe

Der Berner Berufsschulinspektor Beat Meyenberg spricht denn auch Klartext: «Die Banken und Versicherungen haben diese Reform diktiert. Die grosse Mehrheit der Lehrlinge ist aber in KMU beschäftigt.» Meyenberg bangt um diese Lehrstellen. Grund: Kleinbetriebe können nicht einen Mitarbeiter freistellen, um Prozesseinheiten zu bewerten; allein schon die Einführungskurse für die Lehrlingsbetreuer belasten sie schwer. Deshalb, so Meyenberg, müsse die öffentliche Hand sich an diesen Kosten beteiligen. Allerdings steht der Gewerbeverband, der die KMUs vertritt, voll hinter der Reform.

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Unisono loben die Lehrbetriebe den Basiskurs der KV-Handelsschulen – doch diese haben damit ihre Mühe. Walter Herth, Mitglied der Schulleitung der Zürcher Business School: «Für den Basiskurs der Erstsemestrigen brauchen wir viele Lehrer und jede Menge Schulraum. In dieser Zeit können wir den normalen Unterricht für die Lehrlinge der höheren Semester nicht aufrechterhalten.» Die Business School geht darum neue Wege: Die Lehrlinge der höheren Semester geniessen in dieser Zeit Online-Unterricht ab Internet.

Noch nicht entschieden ist das Schicksal eines zukunftsträchtigen Projekts – eines dreiwöchigen Fremdsprachenaufenthalts für Lehrlinge in Frankreich oder England. Er käme einem Quantensprung in der Ausbildung gleich, kostet aber eine Menge Geld. Eine Gelegenheit für alle Politikerinnen und Wirtschaftsführer, die das helvetische Lehrsystem preisen, den Tatbeweis zu erbringen.

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