Seit sechs Jahren wird gepröbelt, ab Sommer 2003 gilt es ernst: Schweizweit sollen alle KV-Lehrlinge nach dem neuen Reglement der kaufmännischen Lehre ausgebildet werden.

Doch es zeichnet sich ab, dass nicht alle 26 Kantone und 37 nationalen Berufs- und Branchenverbände bereit sein werden: Noch Anfang Oktober verlangten 20 Kantone beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) Unterstützung für die Lehrmeisterausbildung.

Betriebe in Warteposition

Das BBT hat 17812 Lehrbetriebe mit Ausbildungsbedarf erfasst. Vielerorts sind jedoch weder die Leiter der überbetrieblichen Lehrlingskurse noch die Instruktoren der Lehrmeisterkurse bestimmt. Auch an den Berufsschulen sind noch über 3000 Lehrkräfte auszubilden.

Beim BBT reagiert man gelassen. «Eine Lehrmeisterausbildung auf Vorrat würde auf kein positives Echo stossen», sagt Ursula Renold, stellvertretende BBT-Direktorin. «Spätestens im März sollten in allen Kantonen die Verantwortlichen bestimmt sein und die Ausbildungskurse für die Lehrmeister anlaufen.» Optimistisch ist auch Christine Davatz, Vizedirektorin beim Schweizerischen Gewerbeverband: «In der Pilotphase hat die Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Wirtschaft vorbildlich geklappt.»

Ob das so bleibt, ist fraglich. Denn laut Schätzungen aus KV-Kreisen liebäugelt jeder fünfte Lehrbetrieb mit dem Gedanken, wegen der Umstellungen künftig auf die Ausbildung zu verzichten oder in Warteposition zu gehen. Konsequenzen gezogen hat bereits die Roche. 2003 wird der Basler Pharmariese keine KV-Lehrlinge mehr einstellen, um die Ausbildung zu reorganisieren und die Lehrmeisterinnen und Lehrmeister weiterzubilden. Ab 2004 will Roche wieder neue KV-Lehrlinge aufnehmen.

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«Bei jeder Einführung von neuen Ausbildungs- und Prüfungsreglementen ist im ersten Jahr mit einem Rückgang der Lehrverträge zu rechnen», erklärt Davatz. «Anderseits können auch neue Betriebe für die Ausbildung gewonnen werden.»

Manche Lehrbetriebe, die sich an der Pilotphase beteiligten, orten sowohl bei den Kursinhalten als auch bei der Organisation Handlungsbedarf. «Die Arbeits- und Lernsituationen sind stark auf den Verkauf zugeschnitten, viele Tätigkeiten von Produktionsbetrieben sind nicht abgedeckt», kritisiert etwa Toni Kalberer, Lehrlingschef bei der Firma Bernina in Steckborn TG.

Zudem fehle die Qualitätskontrolle durch unabhängige Instanzen: Viele Lehrmeister gäben zu gute Noten. Eine Hürde sei auch die «zu akademische Ausrichtung» der neuen Lehre – bei der Abschlussprüfung 2001 hätten «praxisfremde Fragen» viele Lehrlinge überfordert, sagt Kalberer. Auch punkto Kosten ist die Reform eine Black Box. Christine Davatz rechnet allein für die überbetrieblichen Kurse mit 600 Franken pro Jahr und Lehrling.

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Doch es gibt auch weniger knifflige Probleme: Noch immer wird in der Romandie nach einer Übersetzung für «Kauffrau» und «Kaufmann» gesucht.