So eine Ausbildung kann einem den Psychiater ersparen.» Elisabeth Dinkel schaut von ihren Büchern auf und lacht. Vor gut einem Jahr entschloss sich die 42-Jährige, das Klagen sein zu lassen und ihrem Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben. Seitdem bringen bei den Dinkels nicht nur die Kinder, sondern auch das Mami Noten mit nach Hause.

«Breite Möglichkeiten eröffnen sich»


Elisabeth Dinkel holt ihren KV-Lehrabschluss nach: Zwei Jahre dauert das in ihrem Fall. Weil ihr das selbstständige Lernen des Theoriestoffs schwer fällt, hat sie – obwohl das nicht obligatorisch ist – Lektionen an der Berufsschule belegt.

Leicht fiel ihr diese Entscheidung nicht. Schliesslich hat sie schon manches geschafft im Leben: Sekundarschule, Servicefachschule, Handelsschule, Sprachaufenthalte. Dann kamen die Kinder. Elisabeth Dinkel absolvierte die Bäuerinnenschule und schloss auch die Ausbildung als Katechetin im Nebenamt ab. Zehn Jahre lang gab sie Religionsunterricht. «Ich musste immer öfter mit studierten Katechetinnen konkurrieren, die besser bezahlt wurden als ich», erzählt sie. «Und als ich mich wieder im Gastgewerbe bewerben wollte, war ich zu hoch qualifiziert oder zu niedrig, weil meine Abschlüsse teils nicht eidgenössisch anerkannt sind.»

Die Mutter dreier Kinder fand eine Bürostelle, die es ihr ermöglicht, den in der Jugend verpassten Lehrabschluss nachzuholen. Im 20-Prozent-Pensum wendet sie dort schon jetzt praktisch an, was sie berufsbegleitend in Wirtschaftsgeografie, Rechtskunde, Bürokommunikation und Rechnungswesen an der Kaufmännischen Berufsschule Luzern lernt. «Ich bin privilegiert, weil ich grosse Unterstützung habe. Viele müssen bis zu 100 Prozent arbeiten, um das finanzieren zu können. Das ist sehr hart und erfordert enorme Selbstdisziplin.»

In einem Jahr will Elisabeth Dinkel mit den jungen KV-Lehrlingen die Prüfung schaffen. «Erst war es für mich der Horror, wieder effizient lernen zu müssen», gesteht die Adligenswilerin. «Aber jetzt bin ich froh darum, denn diese Herausforderung gibt Selbstbewusstsein, und der Abschluss eröffnet mir breite Möglichkeiten.»

Wie Elisabeth Dinkel holen jährlich etwa 3000 Erwachsene – mehrheitlich Frauen – im Alter zwischen 20 und 50 Jahren den eidgenössischen Fähigkeitsausweis nach. Fünf Prozent aller Lehrabschlüsse werden damit im Erwachsenenalter abgelegt. Spitzenreiter ist der kaufmännische Bereich. Aber auch aus gewerblich-industriellen Berufen stecken viele die Nase nochmals in die Bücher. Rechtlich stützte man sich bis zu Beginn dieses Jahres auf Artikel 41 des Berufsbildungsgesetzes. Danach konnte zur Lehrabschlussprüfung zugelassen werden, wer anderthalbmal so lang im jeweiligen Beruf gearbeitet hat, wie die dafür vorgeschriebene Lehrzeit beträgt.

«Grösseren Personenkreis motivieren»


Seit Januar 2004 ist die neue Berufsbildungsverordnung in Kraft. Den Artikel 41 als solchen gibt es nicht mehr. Wohl aber die Möglichkeit, den Lehrabschluss nachzuholen. Geändert hat sich vor allem das Qualifizierungsverfahren. Dieses ist heute zwar flexibler, für Laien dadurch aber nicht eben übersichtlicher geworden. Ausserdem variiert es je nach Kanton und Branche. Schon deshalb ist gut beraten, wer sich intensiv bei Berufsberatungsstellen und Berufsbildungsämtern informiert. Generell gilt: Um zur Lehrabschlussprüfung zugelassen zu werden, brauchen Erwachsene heute fünf Jahre Praxis, allerdings nicht mehr zwingend in dem Beruf, in dem sie die Prüfung ablegen wollen.

Neu ist auch die Vielzahl an Lernleistungen, die je nach Beruf für die Qualifizierung angerechnet werden können: Erfahrungen aus Familienarbeit, Weiterbildungskurse, Selbststudium und Modulatteste gehören dazu. «Das soll einen noch grösseren Personenkreis dazu motivieren, einen Lehrabschluss nachzuholen, denn dieser erhöht die Berufschancen deutlich», ist Walter Röllin von der Deutschschweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz überzeugt.

Dennoch sind die Rahmenbedingungen des nachzuholenden Lehrabschlusses nicht nur rosig. Der Zeit- und der Finanzaufwand sei gerade für Frauen oft schwer zu erfüllen und die Information über diese Nachholbildung ungenügend, kritisiert Bildungsforscherin Regula Schräder-Näf.

An der Kaufmännischen Berufsschule Luzern kommt in diesem Jahr erstmals kein Kurs für erwachsene Lehrabschlussprüflinge zustande. Beraterin Monika Scheiwiller erklärt: «Möglicherweise warten viele ab, weil im Zuge der KV-Reform nicht klar ist, wie ihre Betreuung in den Betrieben künftig aussieht. Die Anforderungen an KV-Lehrlinge steigen generell; das gilt auch für Personen, die den Lehrabschluss nachholen. Nur dass sie keinen Lehrlingsstatus haben. Sie lernen berufsbegleitend. Das ist ein Unterschied.» Darum ein Tipp: Mit dem Unternehmen die Lage besprechen – schliesslich zahlt sich ein Lehrabschluss für beide aus.

Buchtipps:
«Lust auf Weiterbildung» von Regula Zellweger

«Lehrabschluss für Erwachsene» (Merkblatt 6, mit Checkliste): Deutschschweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz, Telefon 041 248 50 60; Internet: www.dbk.ch

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