Normalerweise landen sie im Abfall. Doch für Andrea Stocker sind die Metalldeckel von Bierflaschen der Rohstoff für kleine Schmuckstücke: Mit feinem Draht, getrockneten Blumen und Leim gestaltet sie daraus elegante Fingerringe, «ganz nach meinen eigenen Vorstellungen».

Andrea Stocker beendet gerade das erste Lehrjahr als Floristin im Blumengeschäft von Stefan Linder. Doch die Stiftin ist auch Unternehmerin: Zusammen mit ihren vier Ausbildungskolleginnen betreibt sie im Aarauer Bahnhof den Filialbetrieb Blumen Linder young. Und das offenbar erfolgreich. Stefan Linder ist jedenfalls «sehr zufrieden» mit der Entwicklung: «Es gab schon Leute, die fanden, die Lehrlinge würden hier schönere Sachen machen als die Floristinnen im Hauptgeschäft.»

Solche Komplimente sind Balsam für das Selbstwertgefühl der Jugendlichen. Und ein Beleg dafür, dass Mitbestimmung schon bei den Lehrlingen einsetzen sollte. «Wenn ich um Rat gefragt werde, fühle ich mich ernst genommen», schreibt KV-Absolventin Pascale in einem Internetforum. «Und wenn ich mich ernst genommen fühle, bin ich motivierter und kreativer.
Ich denke mit und mache Anregungen, wo andere einfach funktionieren und kommentarlos ausführen.»

«Partizipation ist ein zentrales Element der schweizerischen Demokratie», sagt Doris Summermatter, Leiterin des Schwerpunktprogramms Jugendliche und junge Erwachsene bei der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. «Zur Lehrlingsausbildung gehört auch, Jugendliche in Sachen Mitwirkung fit zu machen und ihr Verantwortungsgefühl zu entwickeln.»

Mitbestimmung zahlt sich aus


Doris Summermatter kann sich auf zahlreiche Studien stützen, die zeigen, dass eine partizipative Betriebskultur weit mehr bringt als eine autoritäre: grössere Arbeitszufriedenheit, mehr Motivation, höhere Frustrationsresistenz und letztlich mehr Leistungsbereitschaft. «Zudem bringen Jugendliche eine frische Optik und unverbrauchte Kreativität ein», so Summermatter. Zu guter Letzt wisse man heute, dass sich Partizipation auch kostenseitig rechne: «Es gibt weniger Fehlzeiten und Krankheitsausfälle.»

Stefan Linders Lehrlinge haben seit knapp fünf Jahren das Sagen im Zweitgeschäft. Vier bis fünf Mal im Jahr wählt das Team ein Thema und gestaltet den Laden entsprechend um. Zuletzt hiess das Motto: «Begiessen Sie mit uns den Sommer.» «Eines Tages kam eine Kollegin mit einer farbigen Giesskanne und schlug vor, diese als Vase für ein Gesteck zu verwenden», erzählt Andrea Stocker. «Daraus entstand die Idee für unsere Sommeraktion.»

Für Gefässe und Accessoires haben die angehenden Floristinnen ein Budget zur Verfügung. Die Schnittblumen bestellen sie im Hauptgeschäft, die Teamsitzungen organisieren sie selbst. Das Mehr an Freiraum, so Stefan Linder, verlange aber auch ein Mehr an Engagement: Abends hat das Geschäft bis 19 Uhr offen, am Samstag bis 18 Uhr. Und wenn die Lehrlinge für den Valentinstag einen speziellen Flyer kreieren, verteilen sie ihn morgens um sieben gleich selbst.

Damit die Grundausbildung gewährleistet ist, arbeiten die Lehrlinge wechselweise im Hauptgeschäft und in der eigenen Filiale. Zudem werden sie von einer Floristin betreut. «Als junge Frau kann sie viel besser auf die Lernenden eingehen – da stört der Chef nur», schmunzelt Inhaber Stefan Linder. Dass das Konzept aufgeht, belegt der Anerkennungspreis, den das kantonale Amt für Berufsbildung verlieh. Und Philipp von Arx errang nur zwei Jahre nach Abschluss seiner Lehre bei Linder den ersten Platz an der letztjährigen Berufsweltmeisterschaft.

Stiftenfirma in der Grossfirma


«Wir lösen preiswert Ihre Informatikprobleme», lautet die Eigenwerbung der Firma BZLeFi in Neuhausen am Rheinfall. Thomas Weber ist für die Administration und den Verkauf zuständig – als Mediamatik-Lehrling: «Selbstverständlich bieten wir im Webbereich einen Fullservice an, von der Konzeption bis zur Wartung», erklärt er selbstbewusst. «Schauen Sie sich unter www.bzlefi.ch unsere Referenzen an.»

Die anderen vier Mitarbeitenden sind Informatiklehrlinge. Rund 70 000 Franken Umsatz macht das Team in einem Jahr. Gewinnzahlen sind von Thomas Weber keine zu erfahren. Stattdessen preist er die Vorteile moderner Computernetzwerke: «Gerade für Privathaushalte wird das immer interessanter.»

Die Lehrlingsfirma ist Teil des Berufsbildungszentrums der Industriebetriebe SIG und Georg Fischer. Rund 250 Jugendliche sind hier tätig – und sollen mitwirken, wo immer sie können. Denn letztlich, so die Überzeugung von Bruno Leu, dem Geschäftsführer des Zentrums, «sind die einzelnen Lehrlinge dafür verantwortlich, dass sie die Ausbildung bekommen, die sie wollen und brauchen. Diese Verantwortung können sie aber nur wahrnehmen, wenn die Möglichkeit besteht, sich einzubringen.»

Das heisst zum Beispiel: Die Stifte bewerten ihre Vorgesetzten, sie können in einem Lehrlingskomitee mitmachen, und sie sind beteiligt, wenn neue Verhaltensregeln formuliert werden. Bruno Leu, seit 20 Jahren in der Lehrlingsausbildung tätig, geht es längst um mehr als fachliche Inhalte: «Die jungen Leute sollen arbeitsmarktfähig und lebenstüchtig werden.» Oder anders ausgedrückt: «Jeder Lehrling sollte an einer Gemeindeversammlung aufstehen und ein Votum abgeben können.»

Partizipation, so verstanden, kann Jugendlichen genau jenes Gefühl vermitteln, das sie in dieser Lebensphase brauchen: «Ich bin wichtig!»

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