Hans Hinder, 55, ist Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie und wohnt in St. Gallen.

Beobachter: Was bedeutet der Lehrbeginn für einen 16-jährigen Jugendlichen?
Hans Hinder: In erster Linie eine enorme Anpassungsleistung. Der Schritt von der Schulbank ins Berufsleben ist ein Schritt in eine völlig andere Welt. Lehrlingen wird meiner Meinung nach sehr viel mehr abverlangt als Gymnasiasten.

Beobachter: Inwiefern?
Hinder
: Auf Lehrlinge prasseln anfänglich unglaublich viele neue Eindrücke ein. Die Arbeitstage sind lang, ihre Tagesstruktur verändert sich, vielleicht können sie gewissen Hobbys nicht mehr nachgehen. Zudem ist die Arbeit ungewohnt und streng, und nach Feierabend müssen sie noch für die Berufsschule büffeln.

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Beobachter: Und im Gegensatz zur Schule arbeiten die Jugendlichen nicht mehr nur für sich, sondern für einen Vorgesetzten.
Hinder
: Genau. Früher hatten sie bloss den Lehrer. Jetzt erteilt ihnen ein Chef Aufträge, die sie in einer bestimmten Zeit zu erfüllen haben. Eine völlig neue Situation. Und: Sie lernen erstmals am eigenen Leib eine Hierarchie kennen - und wie es ist, manchmal untendurch zu müssen.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Hinder
: Viele Jugendliche treten ihre Lehrstelle mit idealisierten Vorstellungen an. Sie haben genug von der Schule und denken, sie könnten nun bloss noch machen, was ihnen Freude bereitet. Dann stellen sie fest, dass sie hin und wieder auch die Kaffeemaschine putzen müssen.

Beobachter: Wie gehen die Jugendlichen mit all diesen Veränderungen um?
Hinder
: Die meisten sind die ersten Wochen und Monate sehr müde. Und dennoch geniessen viele Jugendliche diese Veränderungen auch. Im Idealfall konnten sie ihre Wunschlehre beginnen - das gibt ihnen das Gefühl von Freiheit, sie tun etwas, was sie wirklich wollen. Das stärkt ihr Selbstvertrauen und löst einen Reifeschub aus. Man kann sagen: Lehrlinge werden im Lauf ihrer Ausbildung zu Erwachsenen.

Beobachter: Gymnasiasten werden doch auch erwachsen...
Hinder: Natürlich, aber Gymnasiasten leben länger in ihrer eigenen Welt, sie können sich ihr Leben länger selber einteilen. Lehrlinge haben nach ihrer Ausbildung ein paar Lektionen des Lebens gelernt, die Gymnasiasten und Gymnasiastinnen noch bevorstehen. Sie sind emotional und sozial reifer. Sie bewegen sich selbständiger durch die Welt. Sie haben gelernt, wie man sich in der Gesellschaft bewähren und durchsetzen muss.