Dreimal hallt der Gong durch das altehrwürdige Gebäude der Universität Zürich. Er ruft zur Vorlesung und zieht die Studentinnen und Studenten wie ein Magnet zu den Unterrichtsräumen. Der Hörsaal 180 ist zum Bersten voll. Einführung in die Publizistikwissenschaft steht auf dem Programm. Viele Studenten müssen auf Klappstühlen und auf der Treppe Platz nehmen oder gar stehen.

Der Professor doziert über Mikrofon. Die Studierenden schreiben mehr oder minder eifrig mit. Der 24-jährige David Oppenheim ist einer von rund 200 Studenten, die im vergangenen Jahr mit dem Publizistikstudium in Zürich begonnen haben. Das sind 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Diese Explosion der Studentenzahlen traf das Institut für Publizistik- und Medienwissenschaft, das gerade mal zwei Professoren hat, ziemlich unerwartet.

Doch nicht nur in diesem Fach nehmen die Studentenzahlen seit 1995 ständig zu. Im letzten Jahr waren rund 95000 Studierende an den Schweizer Hochschulen immatrikuliert, 20000 mehr als 1985. Vor allem im sozialwissenschaftlichen Bereich steigen die Zahlen rasant. Entschieden sich vor zehn Jahren noch 8500 Studentinnen und Studenten für Fächer wie Psychologie, Soziologie oder Publizistik, sind es heute bereits 14000. Die Frauen sind mit knapp zwei Dritteln klar in der Uberzahl.

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Im Vergleich dazu wuchsen die Rechtswissenschaften in geordneteren Bahnen. Dort legten die Studentenzahlen innerhalb der letzten zehn Jahre nur um 15 Prozent zu. Bei den Wirtschaftswissenschaften ist gar eine leichte Abnahme festzustellen.

Ein absoluter Gegentrend aber zeichnet sich bei den Bauingenieuren ab. Im Juli dieses Jahres schlug die ETH Lausanne deswegen Alarm. In den nächsten 20 Jahren, so ihre Prognose, werde es zu einem besorgniserregenden Mangel an Diplomingenieuren kommen.

Der Drang in die neuen Medien
Die Jugend setzt ganz offensichtlich auf andere Berufe: So ist insbesondere die Medien- und Publizistikwissenschaft vom Exoten- zum Trendfach mutiert. Noch vor zehn Jahren waren es gesamtschweizerisch nur 75 Studenten, die Publizistik- und Medienwissenschaft belegten. Jetzt sind es 1200. Teilweise hat das damit zu tun, dass Publizistik an einigen Universitäten zum Hauptfach aufgewertet wurde.

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Die plötzliche Beliebtheit des Studiums erklärt sich Heinz Bonfadelli, Professor für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich, aber anders: «Es werden nicht nur die traditionellen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen erforscht, sondern auch neue Medien wie Internet. Zudem nehmen auch die Public-Relations immer mehr an Bedeutung zu.»

Für David Bosshart, Trendanalytiker und Direktor des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon ZH, weckt der boomende Mediensektor mit Internet, TV und Videojournalisten eine Goldgräberstimmung. Dem stimmt auch Student David Oppenheim zu: «Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Die Medien werden immer wichtiger.» Entsprechend steigen die Berufschancen.

Claudia Honegger, Soziologieprofessorin an der Universität Bern, schätzt die Arbeitsmarktsituation für Soziologiestudenten als sehr gut ein. Die Zeit, als sozialwissenschaftliche Studien als brotlos galten, sei vorbei. Auch Heinz Bonfadelli sieht vorerst keine Engpässe für angehende Publizistikwissenschaftler, da sich die Medienlandschaft Schweiz schnell entwickle und immer neue Tätigkeitsfelder geschaffen würden.

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Bessere Chancen garantiert aber auch ein anders strukturierter Studiumaufbau. In Bern etwa studieren Soziologen und Ökonomen im ersten Jahr zusammen. So werden ihnen Schlüsselqualifikationen vermittelt, die die Privatwirtschaft verlangt.

Christoph Küffer, Leiter Hochschulrekrutierung im Unternehmensbereich Privat- und Firmenkunden bei der UBS, stellt jährlich 300 Hochschulabgänger ein, grösstenteils Betriebswirtschafter. Willkommen sind zwar auch Absolventen der philosophischen Fakultät, vorzugsweise aber mit einer betriebswirtschaftlichen Zusatzqualifikation, erklärt Küffer.

Nebenjobs werden wichtiger
«Für Hochschüler mit sehr guten Qualifikationen ist der Arbeitsmarkt zurzeit fantastisch, viele Firmen reissen sich um die Besten», sagt auch Bruno Schläpfer, Partner bei Mc Kinsey & Company. Das Gros der Mittelmässigen hingegen habe es heute schwieriger als früher, «und für die schlechten Studenten siehts lausig aus».

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Immer wichtiger werde aber, was ein Student sonst noch mitbringe, sagt Schläpfer: «Neben den überdurchschnittlichen Noten im Studium zeichnet sich der von uns gesuchte Mitarbeiter durch ein breites Persönlichkeitsprofil aus. Beispielsweise können das besondere Leistungen im Sport, in der Kultur oder im Militär sein.» Gefragt sind zudem Kommunikations- und Teamfähigkeit, Eigenverantwortung und Einsatzbereitschaft.

Dies alles sind Tugenden, die ein Sozialwissenschaftler eigentlich mitbringen sollte. Dennoch sind Karrieren in der Wirtschaft bei ihnen bis heute eher selten. Eine Umfrage der «Handelszeitung» bei den 95 grössten Firmen der Schweiz ergab, dass nur gerade 1,5 Prozent der Topmanager ein geisteswissenschaftliches Studium aufweisen. Fast die Hälfte der Topmanager sind Wirtschaftswissenschaftler. 40 Prozent haben ein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen.

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Das Studium gehört zum Lifestyle
Das könnte sich bald ändern. Sicher ist: Das Klischee vom Taxi fahrenden Dr. phil. oder dem Müll einsammelnden Soziologen hat ausgedient. Das bestätigt eine Studie des Basler Bildungsforschers Markus Diem über die Beschäftigungssituation der Neuabsolventen an Hochschulen. Daraus geht klar hervor, das sich die Arbeitsmarktsituation für sozial- und geisteswissenschaftliche Akademiker seit dem Konjunkturtief von 1992 deutlich verbessert hat.

Diem hat auch festgestellt, dass das Studium immer weniger berufsrelevant ist. Wenn ein Student schon während der Ausbildung in einem bestimmten Arbeitsbereich Erfahrungen sammle, arbeite er nach dem Studium meist dort weiter.

Ein prominentes, wenn auch nicht alltägliches Beispiel, wie eine Beschäftigung während des Studiums zum Beruf werden kann, ist die Karriere der Zürcher Stadträtin und ehemaligen Ständerätin Monika Weber. Nach der Matur auf dem zweiten Bildungsweg studierte Weber Philosophie, Politologie und Allgemeines Staatsrecht. Daneben amtete sie als Kantonsrätin, wurde später National- und schliesslich Ständerätin. Das Studium, das sie damals hauptsächlich aus Interesse gewählt hat, habe ihr die nötige «Weite im Denken» gegeben, sagt sie heute.

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Doch auch wenn der Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen gegenwärtig gut aussieht, müssen angehende Akademiker umdenken. Ein Unistudium, so Markus Diem, ist heute nichts besonders Exklusives mehr, sondern vielmehr eine Variante einer normalen Ausbildung, bei der auch eine spätere Arbeitslosigkeit nicht ausgeschlossen sei. Auch Trendanalytiker Bosshart vertritt diese Ansicht: «Das Hochschulstudium hat an Prestige und Stellenwert verloren. Es gehört zum Lifestyle, neben der Uni etwas anderes zu machen.»

Dies tut auch Publizistikstudent David Oppenheim. Er sucht sich in nächster Zeit einen Job in der Public-Relations-Abteilung einer Telekommunikationsfirma, um seinem Berufsziel einen Schritt näher zu kommen. Seine Chancen stehen gut.

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