Gérald Zimmermann ist Co-Leiter des Mobility Office der Universität Basel.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Beobachter: Was bringt ein Auslandssemester?
Gérald Zimmermann: Der Einblick in ein fremdes Bildungs- und Forschungssystem ist unumstritten eine grosse Bereicherung. Gerade für jene, die an einer kleinen Universität studieren, kann es interessant sein, den Betrieb in einer grossen Schule kennenzulernen. Aus den Erfahrungsberichten wissen wir, dass viele aber auch ihre Heim-Uni während eines Auslandssemesters besser zu schätzen lernen, wenn sie die teils bürokratischen Abläufe an anderen Unis sehen.

Beobachter: Doch das Leben besteht nicht nur aus Lernen, schon gar nicht während eines Auslandssemesters. Oder?
Zimmermann: Nein, auf keinen Fall. Ein Auslandssemester sollte eine ganzheitliche Erfahrung sein. Viele Studierende sind zum ersten Mal so lange und weit weg von zu Hause. Das wollen und sollen sie ausnutzen, Land, Leute und Kultur kennenlernen. Eine Auslandserfahrung ist für die persönliche Entwicklung sehr förderlich.

Beobachter: Immer wieder hört man, es ginge im Ausland vor allem darum, Party zu machen und ohne viel Aufwand viele Kreditpunkte zu bekommen.
Zimmermann: Party machen die Studenten auch hier. Dafür müssen sie nicht ins Ausland. Doch wie gesagt: Auch diese Erfahrung gehört zum Leben und insbesondere zu einem Auslandssemester dazu. Wer jedoch glaubt, im Ausland würden einem Punkte geschenkt, der täuscht sich gewaltig. Bislang habe ich nicht den Eindruck bekommen, die Studierenden kämen zu einfach zu ihren Punkten. Eher das Gegenteil war der Fall.

Beobachter: Dass Studierende im Ausland erworbene Punkte nicht gutgeschrieben bekamen?
Zimmermann: Ja, das kommt vor. Etwa wenn sie spontan eine Vorlesung besuchen, das aber nicht mit ihrer Heim-Uni absprechen. In diesem Fall ist es möglich, dass der Kurs nicht angerechnet wird. Daher sollte man schon vor Semesterbeginn sämtliche Vorlesungen von der Heim-Uni absegnen lassen.

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Beobachter: Wie aufwendig ist die Vorbereitung auf ein Auslandssemester insgesamt?
Zimmermann: Wer mit einem Programm wie Erasmus ins Ausland geht oder die Abkommen zwischen Partneruniversitäten nutzt, bei dem hält sich der Aufwand in Grenzen.

Beobachter: Das heisst konkret?
Zimmermann: Häufig reicht schon das Ausfüllen eines Formulars. Je nach Universität kommen ein Leistungsausweis, ein Lebenslauf und ein Motivationsschreiben dazu.

Beobachter: Die bisherigen Leistungen sind bei der Bewerbung für einen Auslandsstudienplatz also relevant?
Zimmermann: Das ist sehr unterschiedlich. Je nach Fakultät und Destination gibt es ein Kontingent. Haben sich mehr Studenten angemeldet, als Studienplätze zur Verfügung stehen, wird natürlich auch auf die Leistung geachtet. In seltenen Fällen muss die Heim-Uni sogar bestätigen, dass der Bewerber zu den besten seines Jahrgangs gehört. Im Erasmus-Programm finden aber die meisten Interessierten einen Platz.

Beobachter: Wie gut muss man die entsprechende Fremdsprache beherrschen?
Zimmermann: Viele Unis bieten mittlerweile Kurse in Englisch an. Man sollte deshalb in dieser Sprache in etwa auf Advanced-Niveau sein.

Beobachter: Manche Studierende organisieren ihr Auslandssemester selbständig. Ist das nicht sehr aufwendig?
Zimmermann: Es ist tatsächlich um einiges aufwendiger, sich selbständig um einen Studienplatz zu kümmern. Man benötigt meist ein sehr umfangreiches Dossier mit Bewerbungsschreiben, Leistungsnachweisen, Empfehlungen und Testresultaten. Hinzu kommen die manchmal exorbitanten Semester­gebühren von bis zu 25000 Franken.

Beobachter: Welche Gründe sprechen dennoch für eine selbständige Organisation?
Zimmermann: Wer in einem Land studieren möchte, mit dem die Heim-Uni noch keine Verträge geschlossen hat, muss sich selbst organisieren. Bei Elite-Universitäten muss man sich zudem fast immer selbständig bewerben, weil sie keinem dieser Programme angeschlossen sind. Letztlich hat man aber auch bei der Kurswahl grössere Freiheiten als als Gaststudent.

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Beobachter: Wann ist denn eigentlich die beste Zeit für ein Auslandssemester?
Zimmermann: Wir empfehlen das zweite Studienjahr. Viele Programme setzen den Abschluss des ersten Semesters voraus. Vom letzten Semester raten wir ab, um nicht den Abschluss des Bachelors zu gefährden oder hinauszuzögern. Im Masterstudium ist es generell schwieriger, einen Platz zu finden – wobei es gewisse Programme gibt, die sich explizit an Masterstudenten richten.

Studium: Viele Wege führen ins Ausland

Erasmus-Programm: Studierende besuchen mindestens drei und maximal zwölf Monate lang Vorlesungen an einer dem Erasmus-Programm angeschlossenen Universität in Europa. Die Anmeldung besteht meistens aus einem zweiseitigen Formular. Zusätzlich muss man einen Studienvertrag ausfüllen, der festhält, welche Vorlesungen man besuchen will. Während des Aufenthalts bleibt man an der Heimuniversität immatrikuliert und zahlt auch dort seine Semestergebühren. Der Austausch wird je nach Gastuniversität mit einem Stipendium zwischen 200 und 230 Euro monatlich unterstützt.

Partneruniversitäten: Dank weltweiten bilateralen Abkommen lassen sich Gast­semester an Partner-Unis der Heimuniversität ebenfalls relativ leicht organisieren. Bei dieser Variante darf der Student ein bis zwei Semester im Ausland verbringen, ohne sich in der Schweiz exmatrikulieren zu müssen. Dadurch bleiben auch die Studiengebühren unverändert. Je nach Heimuniversität gibts einen finanziellen Zustupf für die Reisekosten, oder man kann ein Stipendium beantragen.

International Student Exchange Program: Weniger bekannt ist das ISE-Programm (ISEP), ein globales Netzwerk, dem rund 150 Universitäten in den USA und weitere 150 weltweit angeschlossen sind. Der Austausch ist insbesondere während des Bachelorstudiums möglich. Auch hier bleibt der Student an der Heimuniversität immatrikuliert – er muss aber eine Einschreibegebühr von rund 370 Franken sowie rund 5500 Franken pro Semester für Unterkunft und Verpflegung entrichten.

Schweizerische Mobilität: Ein bis zwei Semester an einer anderen Schweizer Universität zu verbringen – dazu reicht ein Formular. Finanzielle Unterstützung gibt es keine.

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