«Lernen aus Fehlern», «Moralische Zugänge zum Menschen», «Behindert die Moral den Erfolg?» – die Publikationsliste von Professor Fritz Oser, Leiter des Lehrstuhls für Pädagogik und Pädagogische Psychologie der Uni Freiburg, ist eindrücklich. Oser gilt als Experte für moralische Belange der Erziehung. Treffend heisst ein weiteres Buch aus der Küche des Instituts: «Die gerechte Gemeinschaft».

In der Praxis aber siehts anders aus. Seit über zwei Jahren belastet ein Streit den Lehrstuhl – und wirft ein schlechtes Licht auf die Gesprächskultur psychologisch geschulter Akademiker. Im April 2000 erhält Oser-Mitarbeiter Tobias Pfister (Name geändert) den blauen Brief – «aus den Ihnen bekannten Gründen». Lektor Pfister ist überrascht: «Mir hat nie jemand gesagt, man sei mit der Leistung unzufrieden.» Er rekurriert gegen die Entlassung und erwirkt eine Neuanstellung mit reduziertem Pensum.

Forscher vor dem Richter
Nun beginnt ein Trauerspiel, das unter anderem zwei Anwälte und das Bezirksgericht beschäftigt. Oser und Pfister sollen zwei Forschungsprojekte vorantreiben – darunter die nationale Studie «Swiss Virtuel Campus» (SVC) mit einem Gesamtbudget von zwei Millionen Franken.

Doch statt Resultate zu präsentieren, zerren sich die Forscher vor den Richter. Grund: Pfister fühlt sich von seinem Professor schikaniert. Oser wolle «einen ihm nicht mehr genehmen jungen Wissenschaftler an seiner persönlichen und beruflichen Entfaltung hindern», heisst es in einer Klageschrift von Pfisters Anwalt. Die Liste der Vorwürfe des Lektors ist lang: Oser unterschlage Daten, vereitle Veröffentlichungen, stelle Hilfskräfte nicht an – und ignoriere Pfister in Mail-Listen und im Vorlesungsverzeichnis. Pfisters Fazit: «Das ist reinstes Mobbing!»

Im März 2001 nimmt Pfister einen Anwalt und ersucht beim Bezirksgericht um vorsorgliche Massnahmen. Schulleitung, Mitarbeitende und Professoren werden einvernommen. Schliesslich arbeitet der Richter eine «Hausordnung» aus, auf dass wieder Ruhe einkehre. Oser wird zur Kooperation verpflichtet – und zwar «unter Androhung von Haft und Busse». Im April kommt es zur Vergleichsverhandlung, die aber nur in einem einzigen Punkt eine Einigung bringt.

Anwalt wirft das Handtuch
Pfister pocht auf eine zweite Verhandlung. Bis dahin vergehen Monate, die Forschungsprojekte leiden. Für die zweite Sitzung im Januar 2002 nimmt auch Oser einen Anwalt. Resultat: Der Streit ist bis heute nicht beigelegt; im April 2002 beantragt Pfister einen dritten Gerichtstermin.

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Dabei haben alle Beteiligten längst die Nase voll. SVC-Gesamtleiter René Hirsig mag kaum noch Stellung nehmen: «Ich habe damit schon unzählige Stunden vertrödelt», klagt der Zürcher Professor. Oser reagiert auf Anfragen des Beobachters mit Schweigen. Sein Anwalt, André Clerc, lässt mitteilen: «Meinem Mandanten kann ich nicht empfehlen, Stellung zu nehmen.»

Die Universität versucht alles, um die Wogen zu glätten: «Obgleich ein Verfahren bezüglich vorsorglicher Massnahmen beim Gericht hängig ist, konnte eine Arbeitsgrundlage gefunden werden, die es nun gilt aufrechtzuerhalten. Es scheint nicht sinnvoll, mit einer Publikation in den Medien jetzt wieder Öl ins Feuer zu giessen und die Beteiligung am SVC-Projekt sowie die implizierten Bundesbeiträge aufs Spiel zu setzen», informiert Hedwig Dubler vom Rektorat. Selbst die Juristen können «nur noch den Kopf schütteln», sagt Pfisters Anwalt Elmar Perler. «Das ist Kindergartenniveau!» Perler hat sein Mandat abgegeben und sorgt sich um offene Rechnungen; Pfister schuldet ihm mehrere tausend Franken.

Hinter vorgehaltener Hand werden happige Vorwürfe laut. Oser sei in Freiburg «ein Halbgott, der keinem Erfolge gönnt», tönt es aus seiner Entourage. Auch Pfister kriegt sein Fett ab. Auszug aus dem Katalog der Vorwürfe: unbrauchbarer Unterricht, fachlich ungenügend, schlecht vorbereitet, zu wenig organisiert. Zudem hätten externe Fachleute in Pfisters Erhebungen «schwerwiegende Fehler» entdeckt und ihn mehrfach gerügt – ohne Erfolg.

Tatsache ist: Solange der Konflikt nicht beigelegt wird, scheinen sich die Forscher vor allem mit sich selbst zu beschäftigen. Dabei liesse die Freiburger Mitarbeit an den zwei Grossprojekten auf konstruktive Beiträge hoffen: Tobias Pfister arbeitet an einem Artikel mit dem wohlklingenden Titel «Gelebte Demokratie».

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