Es ist still im Zimmer der 4. Primarklasse von Villaz-St-Pierre FR. Vier Mädchen und vier Jungen wissen nicht, wohin sie blicken sollen. Madame Debrot hat eine offensichtlich unangenehme Frage gestellt: «Wie nennt man das, wenn man sein Geschlechtsteil streichelt und es im Bauch zu kribbeln beginnt?» Bei allen anderen Fragen schossen die Hände in die Höhe. Ohne Probleme zählten die Schülerinnen und Schüler Körperveränderungen während der Pubertät auf, erklärten die Befruchtung beim Menschen und konnten sogar Vulva und Plazenta auf der Wandtafelzeichnung orten. Doch Madame Debrots Fragen zu erotischen Gefühlen verursachen Schweigen. Als sie erzählt, dass Frauen und Männer beim Liebemachen viel Lust empfinden, kichern die Schüler.

Zehnjährige mit Fragen zu Pornos
Liliana Debrot ist Sexualpädagogin und unterrichtet Primar- und Sekundarklassen im Kanton Freiburg. Wie überall in der Westschweiz und im Tessin führen hier externe Fachpersonen den Sexualkundeunterricht durch. Bereits im Kindergarten werden die Kleinen an Themen wie «sexueller Missbrauch» herangeführt.

Am Schluss des Unterrichts fordert die Sexualpädagogin die Kinder auf, Fragen zu notieren, die sie nächstes Mal behandeln wollen, anonym. Auf kleinen Zetteln steht: «Tun Tampons weh?» - «Warum steigt der Penis manchmal hoch?» Normale Fragen, findet Debrot.

Letzte Woche, in einer 6. Klasse, sei auf einem Zettel gestanden: «Warum schreien die Frauen immer, wenn ein Mann in sie eindringt?» Liliana Debrot wusste, dass sie mit den Kindern über Pornographie sprechen muss - was sie auf dieser Schulstufe nur tut, wenn die Schüler sie darauf ansprechen. Sie unterrichtet seit 15 Jahren. Früher war Pornographie selten ein Thema. Hin und wieder habe ein Schüler ein Pornovideo des Vaters oder eines Bekannten gesehen und wollte mehr darüber wissen. «Aber diese Schüler waren nie jünger als 15 Jahre», so Debrot. Heute werden oft Fragen zu Pornos gestellt, immer häufiger von Zehnjährigen. Kinder sehen die Bilder auf Videos, auf Handys oder im Internet - die Kommunikationsmittel sind vielfältiger und zugänglicher geworden.

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Funkstille im Elternhaus
Cornelia Bessler, Leiterin der Fachstelle Kinder und Jugendforensik der Uni Zürich, weiss aus ihrer Arbeit mit jugendlichen Sexualstraftätern: «Ein sehr hoher Prozentsatz konsumiert Pornos und geht davon aus, dass darin das normale Sexualverhalten gezeigt wird.» In Musikclips fänden ihre Vorstellungen Bestätigung. Bands wie die Böhsen Onkelz demonstrierten ein sehr sexistisches Verhalten. «Viele Mädchen wissen nicht, wie sie sich dagegen wehren können.» Bessler beobachtet eine Überflutung der Jugendlichen durch sexualisierte Bilder. Gleichzeitig wüssten viele der minderjährigen Sexualstraftäter wenig über die reale Sexualität.

Auch Liliana Debrot begegnet in ihrem Unterricht immer wieder Schülern, die «erstaunlich wenig» wissen. Hält sie bei einer Klasse den Wissensstand für unzureichend, empfiehlt sie zusätzliche Lektionen. Ihrer Meinung nach müsste der Sexualkundeunterricht insgesamt häufiger stattfinden. «Ein Dutzend Stunden, die über die ganze Schulzeit verteilt sind, reichen nicht aus für ein so komplexes Thema.»

Eine im April publizierte Analyse des Kompetenzzentrums Sexualpädagogik der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz stellt fest, dass sich die schulische Aufklärung in der Regel auf die Vermittlung von reinem Fachwissen beschränkt, die wichtigen Beziehungsaspekte aber zu wenig thematisiert. Über den Wissensstand der Schüler weiss die Forschung nicht viel. Ausser dass er - vor allem in der Deutschschweiz - stark vom Engagement der einzelnen Lehrer abhängt. Viele Schulen haben keine verbindlichen Vorgaben für die Aufklärung.

Nach den Fällen sexueller Gewalt unter Jugendlichen in Rhäzüns, Zürich-Seebach und Steffisburg rückte das Thema Prävention und damit auch die Aufklärung ins Rampenlicht. Kinderschutz Schweiz und die Schweizerische Kriminalprävention diskutierten darüber im Mai an einem runden Tisch. Marina Costa von der Zürcher Fachstelle für Sexualpädagogik «Lust und Frust» war der Meinung, dass der Sexualkundeunterricht in vielen Schulen unzureichend umgesetzt werde - ein Zustand, der im Hinblick auf eine professionelle Präventionsarbeit unakzeptabel sei. «Es wird erwartet, dass Sexualaufklärung in der Familie stattfindet. Dort hängt deren Qualität aber von der familiären Einstellung zur Sexualität und den Geschlechterrollen ab», sagt Costa. Liliana Debrot bestätigt diese Aussage: Das Thema Sexualität sei trotz medialer Dauerpräsenz in vielen Haushalten tabu.

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Lehrer müssen nachsitzen
In der Schweiz ist die Qualität der Sexualpädagogik föderalistisch geprägt: Ein Kind im aargauischen Wettingen erfährt bis zu Beginn der Sekundarstufe wenig oder gar nichts über Sexualität. Im freiburgischen Villaz-St-Pierre hingegen nimmt es alle sexuellen Organe und deren Funktion mit den dazugehörenden Gefühlen durch, aber auch Hygiene und sexueller Missbrauch sind ein Thema. Während Romandie und Tessin Sexualkunde strukturell in die Lehrpläne eingebettet haben, fehlt es in der Deutschschweiz an einer systematischen Verankerung.

Das soll sich jetzt ändern. Das Bundesamt für Gesundheit hat diesen Missstand in der pädagogischen Verantwortung erkannt und das Kompetenzzentrum in Luzern beauftragt, die Lehrpläne der Schulen zu harmonisieren und eine entsprechende Ausbildung der Lehrpersonen zu entwickeln. Sexualunterricht muss künftig flächendeckend stattfinden. «Sozialpädagogik soll, basierend auf definierten Kompetenzen und Lehrzielen, in den neuen Lehrplänen der Romandie und der Deutschschweiz verankert werden», sagt Titus Bürgisser, Leiter des Kompetenzzentrums. Die Entwicklung der sexuellen Identität müsse als Teil der allgemeinen Pädagogik verstanden werden. «Die Fälle von sexueller Gewalt unter Jugendlichen zeigen die Brisanz der Thematik. Der Sexualkundeunterricht muss ernster genommen und der Umgang zwischen den Geschlechtern verstärkt im Alltag reflektiert und eingeübt werden.»

Das Modell Westschweiz möchte man nicht einfach übernehmen. «Externe, periodisch anwesende Pädagogen machen ausgezeichneten Unterricht, können aber nicht schnell genug auf aktuelle Themen reagieren», so Bürgisser. Vieles passiere im Alltag. Eine Mischung aus externen Fachleuten und gut ausgebildeten Lehrern erachtet er als ideal. Ab nächstem Studienjahr soll für Lehrer eine moderne Ausbildung stattfinden, in der auch Pornographie und sexuelle Gewalt behandelt werden. Der neue Lehrplan für Sexualpädagogik in Schulen wird in die grossen nationalen Lehrplanprojekte integriert und tritt 2011 in Kraft. Bis dann werden die kichernden Kids aus Madame Debrots Schulzimmer wohl niemanden mehr brauchen, der ihnen erklärt, dass Sexualität mit Lust zu tun hat.

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Weitere Infos

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