Von der Maturitätsschule für Erwachsene in Frauenfeld habe ich 1999 zum ersten Mal gehört. Die Stelle, die ich eben beim Fürsorgeamt des Kantons Thurgau angetreten hatte, sollte meine letzte sein. Dann, mit 63, fing ich als Älteste der Schule das berufsbegleitende neusprachliche Gymnasium an. Damit erfüllte ich mir einen Kindheitstraum.

Schon nach der Primarschule wollte ich ans Gymnasium gehen, um später Medizin zu studieren. Aber mein Vater verfügte, ich müsse wie meine Schwester eine Banklehre machen. Er war damals krank und hatte Angst, eine bevorstehende Operation nicht zu überleben. An Widerspruch war nicht zu denken.

So habe ich 50 Jahre später nachgeholt, was mir damals verwehrt wurde: Ich ging ins Gymnasium. Das erforderte viel Disziplin. Während der Schulstunden erklärten die Lehrer den Stoff in geraffter Form und erwarteten, dass wir bis zur nächsten Lektion alles durchgearbeitet hätten. Mir fehlte aber oft die Zeit dafür. Denn bis vor einem Jahr arbeitete ich jede Woche 30 Stunden im Büro und hütete auch noch an drei Tagen meine drei Enkel. So blieben mir zum Lernen nur die Sonntage und die Abende. Zum Glück lerne ich rasch. Einzig mit Mathematik hatte ich Mühe.

Nicht alle hatten Verständnis

Zu meinen Mitschülern hatte ich einen sehr guten Draht. Sie akzeptierten mich und meine Art. Einmal erdreistete ich mich, mich bei einem Lehrer für meine Klasse einzusetzen. Er möge uns nicht wie 16-jährige Mittelschüler behandeln, immerhin seien wir Erwachsene, die im Berufsleben bereits ihren Mann oder ihre Frau gestanden oder einen Haushalt mit kleinen Kindern gemanagt hätten. Der Lehrer nahm mir diese Kritik furchtbar übel.

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Einige Bekannte machten mir zum Vorwurf, dass ich in meinem Alter noch eine Ausbildung auf Kosten der Steuerzahler machte, die mir beruflich überhaupt nichts mehr bringt. Deshalb war es nicht immer einfach, aber die Standing Ovations an der Maturafeier liessen mich alle Vorwürfe vergessen. Und 4,7 ist ja auch keine schlechte Note.

Das Glück war mir nicht immer hold, ich hatte oft zu kämpfen. Auch heute noch muss ich etwas dazuverdienen. Von Montag bis Samstag trage ich Zeitungen aus, zwei Touren täglich. Um zwei Uhr nachts stehe ich auf, um halb sieben Uhr bin ich fertig. Ohne Auto wäre das nicht zu machen. Aber weil mein alter Ford bereits über 200'000 Kilometer hinter sich hat, häufen sich die Reparaturen. Für ein neues Auto reicht das Geld nicht. Daneben lebe ich von der AHV und einer kleinen Rente. Eine Witwenrente erhalte ich nicht. Mit meinem Lebenspartner, der 2006 kurz nach seiner Pensionierung starb, habe ich zwar 40 Jahre zusammengelebt, verheiratet waren wir aber nicht.

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Meinen ersten Mann, den Bruder einer Kollegin, hatte ich früh geheiratet. Meine Eltern waren nicht gerade begeistert. Ich war schwanger, verlor das Kind aber noch vor der Heirat. Später habe ich von ihm dann doch noch ein Kind bekommen. Erst nach der Hochzeit merkte ich, dass mein Mann Alkoholiker war. Er kam jeden Abend betrunken nach Hause. Oft verprügelte er mich, auch als ich schwanger war. Nach drei Jahren liess ich mich scheiden.

Für den eineinhalbjährigen Buben erhielt ich lediglich 150 Franken Alimente pro Monat. Das Gericht begründete das so: «Sie haben eine Lehre gemacht, und es hat haufenweise offene Stellen. Sie können arbeiten gehen.» Das war 1965.

Gearbeitet habe ich immer, lange Jahre bei Privatbanken in Zürich. Mit 27 erlebte ich sogar einen Banküberfall mit. Wenige Tage zuvor hatte uns der Direktor das Verhalten bei einem Überfall erklärt. Als dann zwei Männer den Schalterraum betraten, einer mit einer Maschinenpistole bewaffnet, glaubten wir, das sei jetzt die Hauptprobe. Doch als er meine Kollegin vom Stuhl riss und mich am Zopf packte und gegen die Wand drückte, realisierten wir: Es gilt ernst. Die beiden Männer stürmten mit 450'000 Franken aus der Bank, wir hinterher. Einer wollte, als er durch die Parkanlage am Bürkliplatz rannte, auf uns schiessen, doch seine Pistole hatte eine Ladehemmung. Der zweite begann das Geld wegzuschmeissen. Ich sammelte die Päckchen ein. Am Schluss fehlten nur ein paar hundert Franken. Die Räuber wurden gefasst, ich erhielt von der Versicherung 350 Franken Belohnung.

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Mit 56 die erste Homepage programmiert

Mein zweiter Lebenspartner war gelernter Landwirt, machte sich dann aber selbständig. Viel Geld hatten wir nie. Bis 1993 wohnten wir in alten Bauernhäusern ohne jeden Komfort. Aber für die Kinder war das Leben auf dem Land mit über 60 Mutterschafen paradiesisch. Mein erstes Kind aus dieser Beziehung, heute eine Doktorin der Naturwissenschaften, wurde 1971 geboren. Später kamen zwei weitere dazu.

Ich kaufte mir einen IBM-Composer, eine Art Schreibmaschine, mit der ich von zu Hause aus arbeiten konnte. 1996 machte die Firma Konkurs, ich war arbeitslos. Um mich besser zu qualifizieren, besuchte ich Computerkurse. Mit 56 Jahren liess ich mich in die Geheimnisse des Programmierens von Webseiten einführen und lernte, animierte Homepages zu erstellen. Diese Neugier hat mir geholfen, mit 67 noch die Matura zu machen.

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Sollte ich jemals studieren, würde mich Politologie reizen – oder ein Sprachstudium, wenn das Latein nicht wäre. Wenn ich aber daran denke, was ein einziger Studienplatz die Gesellschaft kostet, frage ich mich schon, ob das sinnvoll wäre. Zuerst aber mache ich jetzt mal Pause, lese, spiele wieder Klavier und führe meinen Bobtail Gassi.