Beobachter: Im Zürcher Bildungswesen sollen in den nächsten drei Jahren 422 Millionen Franken gespart werden. Die Kantonsschulen warnen vor fatalen Konsequenzen. Was würde denn geschehen?
Peter Ritzmann
: Unter dem rigorosen Sparprogramm würde die Unterrichtsqualität leiden. Die Kantonsschulen haben den Auftrag, Schülerinnen und Schüler zur Hochschulreife zu führen. Diesen Auftrag können wir aber nur erfüllen, wenn wir entsprechende finanzielle Mittel erhalten. Wenn wir weniger Geld erhalten, können wir den heutigen Standard nicht halten.

Beobachter: Weshalb nicht?
Ritzmann: Wir müssten zum Beispiel grössere Klassen bilden. Diese sind jedoch bereits heute grösser als noch vor wenigen Jahren. Viele Mittelschulen haben bei der Sparrunde 2004 ihre Klassen vergrössern müssen.

Beobachter: Wo müssten Sie abbauen?
Ritzmann: Sicher betroffen wäre das Freifachangebot. Wenn das nicht reicht, müsste man sich überlegen, ob man die obligatorische Stundenzahl reduzieren müsste. Das könnte auch Abstriche bei Fächern wie Mathe­matik, Sprachen oder Naturwissenschaften bedeuten.

Beobachter: Offenbar sieht der Kanton aber Möglichkeiten, bei Kantonsschulen zu sparen.
Ritzmann: Der Kanton muss sparen und gibt den Ball einfach an die Schulen weiter. In den letzten Jahren sind aber viele neue Aufgaben auf die Schulen übertragen worden, die Zeit und Geld erfordern. Zugleich haben wir bereits viel gespart. Trotz Überschrei­tung der Schmerzgrenze haben wir an den Bildungszielen festgehalten. Wenn nun eine weitere Sparwelle kommt, dann können wir nicht mehr sparen, ohne dass die Leute etwas davon merken: Das Zürcher Niveau der Hochschulreife ist gefährdet.

Beobachter: Ist das nicht Jammern auf hohem Niveau? Die Schweizer Maturanden sind im internationalen Vergleich unter den besten in Europa.
Ritzmann: Alle betonen, dass Bildung der einzige Rohstoff der Schweiz ist. Wir ­haben hier in der Tat ein sehr gutes Bildungsniveau erreicht. Die Frage ist, ob man das nun gefährden will. Wir sind der Meinung, an der Schule darf nicht gespart werden – weil wir eine Arbeit leisten, die für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz unabdingbar ist.

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Beobachter: Wieso brauchen die Schulen heute mehr Mittel als vor 20 Jahren?
Ritzmann: Für die Mittelschulen trifft das nicht zu. Die reinen Unterrichtskosten pro Schüler sind hier in den letzten Jahren gesunken. Trotzdem ist der Unterricht im Vergleich zu früher stark individualisiert worden. Wir sind weggekommen vom blossen Fron­talunterricht und arbeiten oft in kleinen Gruppen. Im Mittelpunkt der gymnasia­len Schulkultur steht somit die individuelle Förderung der Schüler. Dazu braucht es zusätzliche Mittel, etwa für Räume oder für Unterrichtsinfrastruktur.

Beobachter: Im Baselland hat eine geplante Sparmassnahme an den Schulen zu grossem Protest unter den Lehrkräften geführt – mit Erfolg. Werden auch die Zürcher Kantonsschullehrer aufstehen?
Ritzmann: Was nun von Lehrerseite kommt, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass bei früheren Sparmassnahmen viel durch den unentgeltlichen Mehr­aufwand der Lehrkräfte aufgefangen wurde. Man konnte auf den Goodwill der Lehrkräfte zählen. Aber auch die­ses Potential ist irgendwann einmal erschöpft.