«Mein vierjähriger Sohn findet sich in Hochdeutsch, Zürcher Dialekt, Slowakisch, Russisch und Englisch zurecht», verkündet Max Baumann, Inhaber der Kindersprachschule Fun Language Clubs. Überbordet hier der Vaterstolz? Ist der Kleine ein Universalgenie, oder wird er einfach optimal gefördert?

Kinder seien lexikalische Staubsauber, sie würden alle zwei Stunden ein neues Wort lernen, behaupten Sprachforscher. Verbreitet ist die Erklärung, dass jeder Mensch von Geburt an die Fähigkeit besitzt, Sprachen zu erwerben – genauso wie gehen zu lernen. Beides braucht er jedoch nur einmal; mit etwa dreizehn Jahren wird der Spracherwerb, abgesehen von der Wortschatzerweiterung, überflüssig. Die ursprüngliche Begabung wird dann von wichtigeren Fähigkeiten überlagert.

Aufgrund dieser Erkenntnis scheint es sinnvoll, dass Kinder möglichst früh Fremdsprachen lernen. «Fünf ist ein geeignetes Alter für Kinder, die nicht zweisprachig aufwachsen», findet beispielsweise die Freiburger Lehrerin Verena Schöpfer, die seit 20 Jahren französischsprachige Kinder in deutschsprachigen Schulen betreut.

Mutter- und Fremdsprache trennen
Viele Anbieter von Fremdsprachkursen für Kinder nehmen diese schon ab drei Jahren auf. Die meisten Eltern halten dies jedoch für verfrüht: «In diesem Alter sprechen sie noch nicht einmal ihre Muttersprache. Am Ende verwechseln sie gar die beiden Sprachen», meint ein besorgter Vater. Max Baumann hält entgegen, dass Kinder besonders leicht lernen und Sprachen nicht verwechseln, wenn diese getrennt werden: zu Hause Deutsch – im Kurs Englisch. «Auf keinen Fall sollten Kinder aber dazu gezwungen werden», weiss Baumann aus Erfahrung, «Sprachen müssen Spass machen.»

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«Wer Kinder an Hobby- und Ferienkursen teilnehmen lässt, sollte selber Freude an fremden Sprachen und Kulturen haben», meint Claudine Brohy, Lehrbeauftragte am Forschungszentrum Fremdsprachen der Universität Freiburg. «Eltern sollen die Fortschritte der Kinder schätzen und unterstützen, aber keine "Sprachtests" durchführen. Kinder werden nicht in sechs Monaten zweisprachig.»

Schon vierjährige Knirpse besuchen den Fun Language Club bei Gabi Spuhler-Jost in Jonen AG. In der englischen Spielstunde lernen sie zählen, Lieder singen und Wörter aus dem Alltag. «Candies» – Schleckwaren – mögen sie am liebsten.

Gemäss Fachleuten sollten Lehrerinnen und Lehrer, die Kindern Fremdsprachen beibringen, diese als Muttersprache sprechen. Wichtig ist zudem ein Unterricht in Gruppen. Und das Wissen sollte nicht stur eingepaukt, sondern in spielerischer Form weitergeben werden. Forschungen aus Kanada und Belgien belegen, dass das «Lernen mit allen Sinnen» zu besseren Resultaten führt als der herkömmliche Sprachunterricht.

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In etwa 250 Pilotprojekten an öffentlichen und privaten Schweizer Schulen werden gegenwärtig neue Modelle für Sprachunterricht getestet. «Immersion» nennt sich die Methode, bei der Schüler zu 100, 50 oder 10 Prozent in einer fremden Sprache unterrichtet werden, sei es in Musik und Turnen, aber auch in kopflastigen Fächern wie Rechnen oder Sachunterricht. Bei diesen Projekten wird Fremdsprachenunterricht im herkömmlichen Sinn oft ergänzend eingesetzt.

Im Kanton Zürich nehmen seit diesem Schuljahr 50 Primarklassen am «Projekt 21» teil. Sie werden während 100 Minuten pro Woche mit dem Englischen konfrontiert, dürfen aber noch auf Deutsch Fragen stellen und beantworten. «Die Kinder und Eltern sind begeistert», sagt Projektleiter Christian Aeberli. Doch an die Lehrer stellt das Projekt extrem hohe Anforderungen: Neben dem Frühenglisch erteilen sie auch Computerunterricht und lehren teilweise in altersdurchmischten Klassen. «Manche Pädagogen führt das schon an die Belastungsgrenze», ist Aeberli überzeugt.

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In Klassen mit einem hohen Anteil an Ausländerkindern, die des Deutschen noch nicht mächtig sind, stösst das Projekt ebenfalls auf Akzeptanz. «Alle Kinder sind in derselben Situation», sagt Aeberli, «alle müssen sich an eine neue Sprache gewöhnen.»

Benachteiligt oder überfordert
Fremdsprachenunterricht ist aber nicht für alle Kinder geeignet. «Schwerer haben es Kinder mit Lernschwierigkeiten wie Legasthenie. Bei ihnen ruft der zweisprachige Sachunterricht zwar keine neuen Probleme hervor, er kann bestehende aber wesentlich verstärken», weiss Iwar Werlen vom Universitären Forschungszentrum für Mehrsprachigkeit in Bern.

Der Trend zur Zweisprachigkeit kann aber auch zu einer Zweiklassengesellschaft führen. Das zeigte das Beispiel von Brig-Glis VS. Dort wurden ab 1995 je zwei Klassen ab dem vierten Schuljahr halb Deutsch, halb Französisch unterrichtet. Aufgrund der grossen Nachfrage entschied das Los, wer von den interessierten Kindern in die «classe bilingue» gehen durfte.

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«Trotz hervorragenden Resultaten wurde der Versuch nach vier Jahren vorzeitig abgebrochen», sagt Schuldirektor Paul Burgener. Grund: Es meldeten sich tendenziell die besseren Schüler zur «classe bilingue» an. Darin sahen Eltern und Lehrer einen Niveauverlust in den Parallelklassen; darauf wurde das Projekt eingestellt.

An der Sprachgrenze schicken manche Eltern ihr Kind in die fremdsprachige Schule, in anderen Landesteilen erfüllen Privatschulen diesen Wunsch. Inès Ade, Psychologin an der freien öffentlichen Primarschule Freiburg, betreut seit 20 Jahren zweisprachige Kinder und Eltern. «Die Eltern müssen ihr Kind auf die Fremdsprache gut vorbereiten und der Sprache auch im Alltag Platz einräumen», meint sie.

Wenn ein Elternteil die Sprache gut beherrsche, sollte er sie konsequent sprechen. «Die stärkste Bezugsperson, meist die Mutter, sollte die Muttersprache aber beibehalten, denn über diese laufen alle Emotionen. Mit einem Sprachwechsel könnten dem Kind psychologisch wichtige Grundlagen entzogen werden.»

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Ein wichtiger Faktor ist der Zeitpunkt für den Start von Fremdsprachenunterricht. Die erste Klasse, in der viel Neues gelehrt wird, ist ungünstig; besser ist die zweite. Bleibt noch die Frage, welche Zweitsprache Kinder lernen sollen? Französisch? Italienisch? Romanisch? Englisch? Klar ist der Fall für Max Baumann: «Die Wahl von Kindern und Eltern fällt auf Englisch, Englisch und nochmals Englisch.»