Schulmodelle mit Basis- und Grundstufe sind erledigt, die Zusammenlegung von Kindergarten und den ersten beiden Primarklassen ein Schuss in den Ofen: Die meisten Medien stiessen ins selbe Horn, als die Erziehungsdirektorenkonferenz der Ostschweizer Kantone und des Fürstentums Liechtenstein (EDK Ost) Ende Juni den Schlussbericht zu ihrem breit angelegten Schulversuch «4 bis 8» bekanntgab. Auch für viele Politiker war bald klar, dass es keinen Sinn mache, den klassischen Schuleintritt zugunsten einer Basis- oder einer Grundstufe aufzugeben. «Ausser massiven Spesen nichts gewesen», wetterte etwa SVP-Nationalrat und Bildungspolitiker Ulrich Schlüer.

Nun aber wehren sich die Autoren des Schlussberichts gegen den Verriss, den die alternativen Schulmodelle in den meisten Medien über sich ergehen lassen mussten. «Man kann Ideen immer kritisieren, doch hier kam die Kritik vorschnell und war ungerecht», sagt Urs Moser, Geschäftsführer des Instituts für Bildungsevaluation der Universität Zürich.

Dass die Verantwortlichen einer Studie ihre Resultate verteidigen, ist weiter nicht erstaunlich. In diesem Fall hat das aber nichts mit gekränktem Stolz zu tun, sondern damit, dass die Gegner von Basis- und Grundstufe tatsächlich am Thema vorbeikritisieren. Deren Hauptvorwurf nämlich lautet, den alternativen Unterrichtsmodellen gelinge es nicht, die Kinder schulisch weiter zu bringen als das herkömmliche – doch ist das auch gar nicht das Ziel.

Anzeige

«Wir wollten herausfinden, ob die Kinder am Ende der Basis- oder der Grundstufe schulisch gleich weit sind wie Kinder, die den Kindergarten, die erste und die zweite Klasse besucht haben», sagt Moser. «Die Antwort lautet: Ja, das sind sie. Es war aber nie die Rede davon, dass sie ein höheres schulisches Niveau erreichen müssen als die Kinder im traditionellen Modell.» Die Politik habe dem Versuch diese Vorgabe nachträglich aufgedrückt. Was absurd sei, denn: «Man kann nicht erwarten, dass Kin der am Ende der Grundstufe besser schreiben und rechnen können als die Kinder im klassischen Unterricht. Sie haben ja denselben Lehrplan mit denselben Lernzielen.»

Nicht glücklich über die Art der Diskussion um Basis- und Grundstufe ist auch Brigitte Wiederkehr, Projektleiterin des Schulversuchs. Die alternativen Einschulungsmodelle hätten eine differenzierte Auseinandersetzung verdient, sagt sie – immerhin habe der Versuch bewiesen, dass sie nicht schlechter seien als das herkömmliche Einschulungsmodell. «Und sie bieten einen entscheidenden Vorteil: Die Basis- und die Grundstufe integrieren schwächere Kinder besser als das traditionelle System mit Kindergarten und Primarschule.»

Anzeige

«Langsame werden so nicht abgehängt»

Heute nämlich fallen gut 15 Prozent aller Kinder beim Übertritt vom Kindergarten in die Primarschule zwischen Stuhl und Bank, weil sie der abrupte Wechsel überfordert. Manche von ihnen müssen ein drittes Kindergartenjahr anhängen, andere landen in Einführungs- oder Kleinklassen. Basis- und Grundstufe dagegen, so die Erkenntnis des Schulversuchs, entschärfen die heutige Schnittstelle zwischen Kindergarten und Primarschule. «Das Alter ist ein willkürlicher Faktor, um Kinder einzuschulen. Nicht alle sind in der Entwicklung gleich weit», sagt Brigitte Wiederkehr. «Der Versuch hat gezeigt, dass die alternativen Schulmodelle dem gerecht werden: Sie holen Kinder bei ihrem jeweiligen Entwicklungsstand ab und führen sie in ihrem Tempo an das schulische Wissen heran. Schnellere Kinder können die Basis- oder die Grundstufe in kürzerer Zeit durchlaufen und langweilen sich so weniger, langsamere Kinder haben mehr Zeit und werden so nicht abgehängt.»

Anzeige

Bleibt freilich die Kostenfrage – ein weiterer gern genannter Kritikpunkt. Basis- wie auch Grundstufe sehen nämlich zwei Lehrpersonen pro Klasse vor. Diese praktizieren sogenanntes Team-Teaching, tragen also gemeinsam die Verantwortung für den Unterricht und erteilen 15 bis 18 Lektionen pro Woche zu zweit. Dass dies die beiden alternativen Schulmodelle verteuert, verhehlt die Untersuchung nicht. Laut Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation der Uni Zürich geht dabei aber gerne etwas vergessen: «Basis- und Grundstufe machen Einführungs- und Sonderklassen, die im traditionellen System notwendig sind, weitgehend überflüssig. Die Kosten dafür könnten eingespart werden.»

Wie teuer Basis- und Grundstufe tatsächlich kämen, kann aber auch Moser nicht sagen. «Noch hat niemand genau durchgerechnet, wie hoch die Einsparungen auf der einen und die Mehrkosten auf der anderen Seite ausfallen würden.» Klar scheint einzig: In kleineren Gemeinden könnten die alternativen Schulmodelle kostenneutral oder gar kostensparend eingeführt werden. «Die Schulbehörden hätten grössere Handlungsspielräume, um Klassen zusammenzustellen», sagt Brigitte Wiederkehr von der EDK Ost. «Statt kleine Kindergarten- und Primarklassen zu führen, könnten sie sie zusammenlegen.»

Anzeige

«Das sind keine Allheilmittel»

Insgesamt scheint es also etwas gar simpel, die Basis- und die Grundstufe einfach zu versenken. «Die Modelle haben Potential, sie können viele Inputs geben», ist Brigitte Wiederkehr überzeugt. «Zum Beispiel im Bereich Team-Teaching, das bei den Lehrpersonen im Versuch sehr gut ankam. Es könnte eine Möglichkeit sein, die Attraktivität des Lehrerberufs zu verbessern.» Trotz ihren Vorzügen warnt Urs Moser aber davor, Basis- und Grundstufe zu überschätzen. «Diese Modelle sind taugliche Alternativen zum Kindergarten und dem Schuleintritt danach, man kann sie bedenkenlos einführen – aber sie sind keine Allheilmittel.» So habe der Versuch etwa gezeigt, dass die Alternativmodelle Kinder mit fremdsprachigem oder bildungsfernem Hintergrund nicht besser integrierten als das traditionelle Modell.

Anzeige

Das weitere Schicksal der alternativen Einschulungsmodelle liegt nun in den Händen der Kantone: Sie entscheiden, ob und in welcher Form sie eingeführt werden. Bern, Freiburg, Luzern und Nidwalden prüfen, ob sie ihren Gemeinden eine Einführung freistellen wollen. Aargau, beide Basel, Graubünden, Appenzell Innerrhoden, Solothurn und Uri lehnen Basis- und Grundstufe ab. Im Kanton Zürich ist eine Volksinitiative hängig, die ihre flächendeckende Einführung fordert. Die Stimmberechtigten haben 2002 zwar eine Volksschulreform bachab geschickt, weil die Grundstufe Teil davon gewesen wäre. Möglich aber, dass die letztlich positiven Resultate des Schulversuchs «4 bis 8» den neuen Einschulungsmodellen zu mehr Akzeptanz verhelfen. Auch bei Bildungspolitikern. Wenn sie den Schlussbericht denn richtig lesen.

Anzeige

Die Reformmodelle mit Basis- und Grundstufe

Heute besuchen Kinder ein oder zwei Jahre den Kindergarten, dann treten sie in die erste Klasse ein. Im gross­angelegten Schulversuch «4  bis  8» haben zehn Kantone und das Fürstentum Liechtenstein zwei alternative Modelle für die unterste Schulstufe getestet.

  • Grundstufe: Sie verschmilzt die zwei Jahre Kindergarten mit der ersten Klasse. Während dreier Jahre werden die Kinder ans schulische Lernen herangeführt und müssen am Schluss den Stoff der heutigen ersten Klasse beherrschen. Besonders schnelle Schüler können die Grundstufe in zwei Jahren durchlaufen, langsamere haben vier Jahre Zeit.

  • Basisstufe: Sie umfasst zwei Jahre Kindergarten und die ersten beiden Primarschuljahre. Je nach individuel­lem Tempo können die Kinder sie in drei bis fünf Jahren durchlaufen.


Die Untersuchung dauerte fünf Jahre, rund 1000 Kinder waren beteiligt. Sie wurden, genau wie ihre Eltern und Lehrer, in regelmässigen Abständen zu ihren Eindrücken befragt. Ergebnis: Die schulischen Leistungen der Kinder sind im traditionellen wie in den beiden neuen Modellen vergleichbar. In der Grund- und der Basisstufe gelingt die Integration lernschwächerer Kinder besser. Allerdings dürften die Kosten dafür tendenziell höher sein als beim herkömmlichen Modell.