1. Einschulung: Basisstufe
Heute gehört die Schweiz zu den Ländern mit dem höchsten Einschulungsalter. Problematisch dabei ist das starre Vorgehen. Wenn die Siebenjährigen mit dem Lernstoff beginnen, kommt das für die einen zu früh, für andere zu spät. Daraus resultieren Defizite, die sich in der gesamten Schulzeit kaum wieder ausgleichen lassen. Die Antwort darauf ist das Modell der Basisstufe, die den fliessenden Übergang zwischen Kindergarten, Einschulung und Primarschule vorsieht.
Halb zwölf. Für heute ist der Unterricht im Kindergarten Letz im glarnerischen Näfels vorbei. Aus dem Zimmer strömen die Kinder, die einen überragen andere um zwei Köpfe. Kein Wunder: Das Alter der 26 Kinder liegt bis zu vier Jahre auseinander – und doch gehören alle zur selben Klasse.

Ein Bild, an das man sich gewöhnen muss, falls sich das Schulentwicklungsprojekt der Basisstufe durchsetzen sollte. Das Modell fasst die beiden Kindergartenjahre sowie die beiden ersten Primarklassen in einer gemeinsamen Stufe zusammen. Und damit Schüler zwischen vier und acht Jahren. Je nach individueller Begabung und Lernrhythmus können sich die Kinder den Schulstoff in dieser Phase in drei bis fünf Jahren aneignen, um dann in die dritte Klasse zu wechseln – altersmässig durchmischt, aber von der schulischen Reife her auf einem vergleichbaren Niveau. Die vifsten Schüler kommen demnach als gut Siebenjährige, dem heutigen Einschulungsalter, bereits in die dritte Klasse.

Näfels ist eine von 57 Klassen in fast der Hälfte aller Kantone, in denen die flexible Einschulung in Pilotprojekten erprobt wird – eine bemerkenswerte Breite in der ansonsten von föderalistischen Sololäufen geprägten Schulschweiz. Die Erfahrungen nach anderthalb Jahren sind positiv. Die Über- respektive Unterforderung der Schüler, ein häufiges Problem von Jahrgangsklassen, sei in der Basisstufe nicht anzutreffen, sagt Primarlehrerin Silvia Landolt: «Jedes Kind arbeitet nach seinem Entwicklungsstand und in seinem Tempo.» Ihre Kollegin, Kindergärtnerin Judith Unternährer, streicht die Aufhebung der künstlichen Trennung zwischen Kindergarten – klassischerweise dem Spielen vorbehalten – und Schule hervor. «Jetzt darf das Lesen und Schreiben je nach Interesse freiwillig angegangen werden.»

Der Übergang vom lernenden Spielen zum spielenden Lernen ist in der Basisstufe fliessend. So setzt sich die ganze Klasse im «Morgenkreis», einem Kernstück des Näfelser Projekts, gemeinsam mit einem Thema auseinander, das dann stufengerecht vertieft wird. Worum es momentan geht, ist leicht zu erkennen: Überall im Zimmer sind Bilder des menschlichen Skeletts verteilt, die in altersgemischten Gruppen angefertigt wurden. Neben dem Lerneffekt entwickelt sich so auch die Sozialkompetenz, wie Judith Unternährer feststellt: «Man akzeptiert, was die anderen tun, und hilft sich gegenseitig.»

In anderen Unterrichtssequenzen rechnen und lesen die Kinder in Gruppen mit einem vergleichbaren Lernstand – schliesslich gilt es auch in der Basisstufe, den Lehrplan zu erfüllen. Ein total individualisierter Unterricht ist dann nicht mehr möglich. «Doch der Austausch in Gruppen ist ebenfalls wichtig», sagt Silvia Landolt.

Die Erfahrungen der Praktikerinnen decken sich mit der Expertenmeinung zur Basisstufe. «Pädagogisch ausgezeichnet, aber äusserst anspruchsvoll für die Lehrpersonen», urteilt Bildungsforscherin Margrit Stamm. Im Teamteaching die Kulturen Kindergarten und Primarschule zu verschmelzen und gleichzeitig Kinder zwischen vier und acht – auch solche mit sprachlichen Defiziten beziehungsweise Vorsprüngen oder weiteren besonderen Bedürfnissen – individuell zu fördern, sei mit den vorgesehenen 150 Stellenprozenten pro Klasse kaum machbar, es brauche zusätzliches Fachpersonal. Für Stamm der Stolperstein eines ansonsten «sehr vielversprechenden Modells».

2. Chancengleichheit: Integration statt Selektion
Im Schweizer Schulsystem prägt die soziale Herkunft den Bildungserfolg. Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern und fremdsprachige Kinder sind benachteiligt – die Schule schafft es nicht, die sozialen Schranken zu überwinden. Damit alle Kinder intakte Bildungschancen haben, muss der Grundsatz «Integrieren statt trennen» gelten: Möglichst wenige Kinder sollten aus der Regelklasse ausgegliedert und einheimische und fremdsprachige Kinder gemischt werden.
Besuch im Schulhaus Zelgli in Schlieren, einer Zürcher Agglomerationsgemeinde mit 42 Prozent Ausländeranteil: Sofort sticht einem ein grossformatiges Bild in der Eingangshalle ins Auge. Schülergesichter in allen Schattierungen lachen auf dem Foto mit ihren Lehrerinnen und Lehrern um die Wette. 206 Kinder aus der Türkei, Portugal, Sri Lanka, Bosnien, Italien, Kosovo, Kroatien, Spanien, Libanon, Pakistan, Albanien, Ghana und der Schweiz gehen hier zur Schule oder in den Kindergarten, betreut von rund 25 Lehrpersonen.

Das Zelgli ist eine von 21 Schulen im Kanton Zürich, die sich am Projekt «Qualität in multikulturellen Schulen» (Quims) beteiligen. Ziel ist es, den Kindern gute Lernleistungen und Bildungschancen zu ermöglichen. «Wir sind stolz auf unsere Schule», sagt Rösli Dedik, Förderlehrerin und Leiterin des Schlieremer Quims-Projekts, das seit fünf Jahren läuft. Das Zelgli setzt vor allem auf Sprachförderung und den Einbezug der Eltern, und zwar sowohl bei den gut 60 Prozent fremdsprachigen Kindern wie auch beim Schweizer Drittel.

«Einen Riesenerfolg sehen wir bei der Sprachförderung», sagt Primarlehrerin Regina Wachter. Seit fünf Jahren wird im Schulhaus konsequent hochdeutsch gesprochen – beim Turnen genauso wie in der Rechenstunde oder auf dem Pausenplatz. Es sei schön zu sehen, wie sich die Sprachkompetenz aller Kinder gesteigert habe; man merke oft gar nicht, welches Kind Schweizer Eltern und welches ausländische habe. Das Hochdeutsche als gemeinsame Sprache verbinde, und der Umgang der Kinder damit sei völlig unverkrampft. Diesen Erfolg hat nun auch der Zürcher Bildungsrat erkannt und kantonsweit die Verwendung der deutschen Standardsprache als Unterrichtssprache in allen Fächern und Stufen im neuen Lehrplan verankert.

Auch bei der Elternarbeit verzeichnet das Zelgli gute Ergebnisse: Über die Kinder kommt es zum verstärkten Kontakt der Eltern untereinander. Kamen früher weniger als die Hälfte der Eltern zum Elternabend, sind es heute fast alle; wer nicht kommen kann, meldet sich ab. «Die Mentalität hat sich völlig gewandelt», freut sich Primarlehrer Beat Rüst. Auch die Eltern sind heute stolz auf die Schule ihrer Kinder, wie eine Evaluation der Bildungsdirektion bestätigt hat.

Der integrative Ansatz, auf den Quims aufbaut, soll sich nach Ansicht von Bildungsfachleuten künftig im gesamten Schweizer Schulwesen verankern. Dieses ist traditionell gegenteilig ausgerichtet: Kinder mit schwierigen sozialen oder sprachlichen Voraussetzungen werden überproportional häufig von den Regelklassen getrennt und in Sonderschulungen abgeschoben. Zum Nachteil aller, wie Judith Hollenweger von der Pädagogischen Hochschule Zürich feststellt: «Pisa-Studien belegen, dass vor allem Schulsysteme erfolgreich sind, die integrieren und möglichst spät selektionieren.» Mit diesem Prinzip liessen sich die Schwächen der heutigen Praxis beheben: Weil die Kriterien der Selektion unklar sind, entscheiden die Lehrer oft aufgrund von vordergründigen Defiziten – etwa mangelnde Sprachfertigkeit –, die aber nur einen Teil der schulischen Kompetenz eines Kindes wiedergeben. Hollenweger: «Das ist unfair und führt zu krassen Benachteiligungen.»

3. Berufseintritt: Weichenstellung
Viele Firmen klagen heute, dass die Leistungen der Schulabgänger für eine Lehre zu schlecht sind; insbesondere die Mathematik- und Sprachkenntnisse seien mangelhaft. Dass sie nicht grundlos klagen, weist der Zürcher Bildungsforscher Urs Moser in seiner kürzlich veröffentlichten Nationalfondsstudie nach: Demnach bringt jeder zweite Sekundarschüler einen zu kleinen Bildungsrucksack für eine KV- oder Informatiklehre mit. Der Graben zwischen der obligatorischen Schulbildung und dem Berufsbildungssystem muss überwunden und die Schüler müssen besser auf die Berufswelt vorbereitet werden.
Zurzeit laufen im Kanton St. Gallen die Vorbereitungen für das Projekt Stellwerk, ein Internet-Testsystem für Schüler und Schülerinnen Mitte der achten Klasse, das nächstes Jahr in den Kantonen Zürich (Pilotschulen) und St. Gallen eingeführt werden soll. «Fast alle Deutschschweizer Kantone zeigen Interesse», sagt Projektleiterin Claudia Coray. Stellwerk ermöglicht es den Schülern, ihre Fähigkeiten in den Fächern Deutsch, Französisch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften online zu prüfen (www.stellwerk-check.ch).

«Das ist eine wirklich gute Sache», meint Bildungsforscher Urs Moser, «Leistung und Motivation der Schüler werden steigen.» Ziel des Tests ist eine Standortbestimmung über Stärken und Schwächen. «Damit bekommen die Schüler ein Instrument in die Hand, das ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Defizite im Hinblick auf ein bestimmtes Berufsprofil zu beheben», sagt Projektleiterin Coray. Die Wirtschaft reagiere erfreut auf die Bemühungen. Kein Wunder, verlassen sich doch heute viele Firmen auf ihre eigenen Tests statt auf die Schulnoten der Bewerber. Wenn das Projekt Stellwerk Erfolg hat, sind solche Tests nicht mehr nötig. «Das ist eine Aufwertung der Schule», meint Urs Moser, «und das ist für die Unterstützung der Jugendlichen bei der Lehrstellensuche auch dringend notwendig.»

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