Bringen Sie Ihrem Kind einen Vorsprung fürs ganze Leben», wirbt eine Internetseite fürs Frühenglisch. Zielgruppe: Babys ab drei Monaten. Bereits stossen in der Schweiz Hunderte Mütter ihre Sprösslinge im Kinderwagen in solche und ähnliche Frühförderkurse (siehe Artikel zum Thema «Erziehung: Das dressierte Kind»).

Triebfeder ist einerseits der Wunsch der Eltern, in ihren Kindern alles zu verwirklichen, was sie einst vielleicht selber gern erreicht hätten. Aber auch eine zunehmende Angst, den Nachwuchs nicht bestmöglich vorbereitet an den Start zu schicken. 

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das wissen wir alle. Obwohl Michail Gorbatschow den Jahrhundertsatz gar nie genau so gesagt hat, kündigte er an, was nach dem Mauerfall von Berlin am 9. November 1989 zum weltumspannenden Credo wurde: Zeit ist Geld, immer und überall. Die durchökonomisierte und agendaoptimierte Gesellschaft lässt keine weissen Felder mehr zu in der Lebensplanung. Auch nicht für Kinder. Und weil das so ist im globalen Markt und weil immer weniger für die Schwächsten bleibt und nur die Vordersten gewinnen, rennen alle immer schneller – und immer früher los.

Die Schweiz, ein Volk von Langsamstartern, sieht sich in der Defensive. Die Einschulung erfolgt hierzulande mit frühestens sechs, meist erst sieben Jahren, später als in allen umliegenden Ländern. Während wir noch über die dringende Korrektur streiten und die SVP die geplante Harmonisierung der Volksschule samt früherer Einschulung (Harmos) aufs energischste bekämpft, stehen Kinder im Ausland längst lernbegierig in den Startpflöcken.

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Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind deshalb auch in der Schweiz zum individuellen Frühunterricht. Eine sozialpolitisch gefährliche Entwicklung, die die Segregation begünstigt und der Volksschule einen Bärendienst erweist, weil sie immer mehr Kinder mit unterschiedlichstem Vorwissen abholen muss. Die Folge: Früh Geförderte langweilen sich, ihr Lernvorsprung schmilzt dahin, die andern drohen vom Tempo überfordert zu werden. Die Aufgabe der Lehrer wird unmöglich, die Kritik an der Volksschule wächst, und der Ruf nach Privatschulen wird lauter.

So bringt Vorschulförderung am Ende niemandem viel, den Babys gar überhaupt nichts. Denn biologisch gesehen ist das Hirn erst ab vier Jahren fürs Lernen im engeren Sinn bereit. Dann allerdings sollte auch die Schule bereit sein.

Um den individuellen Förderwahn zu bremsen und die Startchancen für alle zu erhöhen, bleibt deshalb nur ein probates Mittel: Das Einschulungsalter in der Schweiz muss generell gesenkt werden, und die Qualität des Unterrichts in der Volksschule ist möglichst hoch zu halten.