Man kann endlos darüber diskutieren, wann Kinder von Einwanderern Deutsch lernen sollen. Klar ist, dass es weder deutsch- noch fremdsprachigen Kindern etwas nützt, wenn die Kindergärtnerin zuerst erklären muss, welches der rote Ball ist und welches der blaue. «Den Kindern Deutsch beizubringen sollte nicht die Hauptaufgabe im Kindergarten sein», sagt Karin Landert Born, zuständig für Deutsch im Kindergarten an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Noch sind die Erfahrungen mit Frühdeutsch gering. Man kann nicht nachweisen, dass Kinder, die früher Hochdeutsch lernen, es später auch besser sprechen. Doch: Es ist jetzt schon ersichtlich, dass sie mehr Spass an dieser Sprache haben – und weniger Hemmungen, sie zu verwenden.

Kinder, die keine Berührungsängste haben, lesen eher einen Comic auf Deutsch oder schauen sich eine Kindersendung auf Deutsch an. Dabei lernen sie auch Sprachbilder und Redewendungen. Und genau hier beginnt die handfeste Investition in die Zukunft: Secondas und Secondos haben noch immer schlechtere Bildungschancen als Kinder von Schweizer Eltern. Bei der Aufnahmeprüfung fürs Langzeitgymnasium in Zürich muss man zum Beispiel wissen, wie man die Redewendung «das Herz auf dem…» korrekt vervollständigt. Kinder, die daheim Türkisch sprechen, indische Bücher lesen oder serbische Sendungen schauen, können noch so clever sein – hier scheitern sie.

Immer wieder ist das Argument zu hören, man überfordere Kinder, die gerade eine erste Sprache richtig lernen, mit dem Erwerb einer zweiten. Doch Fachleute sehen da keine Schwierigkeit: «Man weiss, dass Kinder problemlos mehrere Sprachen gleichzeitig lernen können. Von ihren Hirnstrukturen her ist das kein Problem. Kleine Kinder sind auch toleranter und offener gegenüber Korrekturen, weil sie sowieso noch im Lernprozess sind. Sie wollen die Umgangssprache lernen, weil sie dazugehören möchten», sagt Expertin Karin Landert Born. Das Alter von rund zwölf Jahren gilt als Obergrenze für das mehr oder minder perfekte Erwerben einer Zweitsprache.

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Ellen Witzke, die für die Sprachschule Berlitz «Kids Camps» durchführt, bestätigt das. «Gerade kleine Kinder machen die grössten Fortschritte, weil sie spielerisch neue Dinge am besten lernen und mit anderen Kindern gemeinsam Spass daran haben.» Und der Spass wird ihnen auch nicht verdorben: «Wir korrigieren nicht dauernd, sondern wollen, dass die Kinder ein Gefühl für die Sprache bekommen. Wenn sie die neue Sprache dann als Schulfach haben, ist die Hemmschwelle bereits überwunden – und sie freuen sich, die Fremdsprache Deutsch auch zu verwenden.»

«Keine Verschulung der Kindheit»

Bereits seit Januar 2008 gibt es in Basel, einem Kanton mit extrem durchmischten Schulklassen, einen Regierungsauftrag für ein Frühförderungsprojekt. Vorgeschlagen wird ein Obligatorium, das bis 2013 durchgesetzt sein soll: Kinder ohne genügende Deutschkenntnisse, in Basel rund ein Drittel aller Mädchen und Buben im Vorkindergartenalter, sollen dazu verpflichtet werden, zweimal pro Woche eine Sprach-Spielgruppe zu besuchen. Die Kosten trägt der Kanton. Bevor sich Pierre Felder, Leiter Volksschulen im Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt, an die Projektarbeit machen konnte, gab es politische Widerstände zu überwinden. Die gängigsten Einwände gegen die Frühförderung waren auch hier die üblichen: Man nehme den Kindern ihre Kindheit weg, und der Staat greife zu sehr in die Familien ein.

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«Es gibt durchaus Gründe, die gegen das Frühdeutsch-Obligatorium sprechen», sagt Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin an der Uni Freiburg. «Zum Beispiel die Befürchtung, dass Kinder, die das Obligatorium trifft, nachher abgestempelt sind.» Stamm, die an sich gegen ehrgeizige Frühförderung jeglicher Art ist, betont aber, dass es bei Ausländerkindern um gerechte Startchancen geht. Studien des US-amerikanischen Wirtschafts-Nobelpreisträgers James Heckman etwa belegen eindeutig, dass Kinder, die bessere Startchancen bei der Bildung haben, später weniger Probleme machen und weniger aggressiv sind. Stamm sagt: «Es ist eindeutig, dass sich die Investition Frühförderung lohnt. Sie darf den Staat deshalb ruhig etwas kosten.»

Gerold Lauber, Zürcher CVP-Stadtrat und Vorsteher des Schul- und Sportdepartements, kann sich für Zürich dennoch kein Obligatorium nach Basler Vorbild vorstellen: «Wir wollen in der Stadt Zürich keine Verschulung der Kindheit.» Statt auf Zwang setzt er auf unterstützende Angebote. «Die Eltern davon zu überzeugen, unsere Unterstützungen in Anspruch zu nehmen, ist meiner Meinung nach wesentlich nachhaltiger, als ihnen Pflichtprogramme zu verordnen», sagt Lauber.

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Ausserdem sei der Beginn der Schulpflicht gesetzlich geregelt, eine obligatorische Frühförderung lasse sich mit dem übergeordneten kantonalen Recht nicht vereinbaren. «Das Modell Basel muss sich erst bewähren. In Zürich gehen wir einen pragmatischen Weg der kleinen Schritte und setzen mit unseren Angeboten dort an, wo sich Eltern und Kinder bereits aufhalten: in den Sozialzentren, Kindertagesstätten, in der Mütter- und Väterberatung.»

Die eingeflogene Grossmutter bringt wenig

Pierre Felder, der Frühdeutsch-Projektleiter in Basel, fragt: «Wieso sollte man nicht einen Versuch auf der Vorkindergartenstufe machen, der einen Bruchteil derjenigen Massnahmen kostet, die an den Schulen später nötig werden, um das Deutschgefälle in den Klassen auszugleichen?»

Eine der grössten Schwierigkeiten in Basel ist, die Eltern von der Notwendigkeit der Kurse zu überzeugen. Das Institut für Psychologie arbeitet inzwischen Kriterien aus, welche Kinder unter das Obligatorium fallen sollen. Skepsis kommt allerdings auch aus den eigenen Reihen: Spielgruppenleiterinnen sollen eine Zusatzausbildung machen, um den neuen Qualitätsstandards zu genügen. Dabei sind ihre kleinen Institutionen oft selber in einer schwierigen finanziellen Lage.

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In seiner Begründung zum Obligatorium für ausgewählte Kinder schreibt Pierre Felder, dass «besonders Bedürftige sonst nur schwer erreichbar wären. Gerade Eltern mit bildungsfernem Hintergrund sehen die Notwendigkeit für eine Frühförderung ihrer Kinder häufig nicht ein.»

Diese Erfahrung macht auch Karin Michel, die in Zürich-Schwamendingen die Anlaufstelle Kinderbetreuung leitet. An Mittwochnachmittagen begleitet Michel jeweils die Mobile Spielanimation und spricht Mütter an. «Ich erlebe regelmässig, dass gerade Mütter mit bildungsfernem Hintergrund grosse Berührungsängste gegenüber verpflichtenden Angeboten haben. Unverbindlich vorbeischauen möchten manche, aber sich für ein Quartal oder ein Semester fix einschreiben, das widerstrebt offenbar vielen.» Und das, obwohl es in Schwamendingen Angebote gibt, die dank Subventionen schon ab zehn Franken pro Tag und Kind zu haben sind.

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Michel beobachtet, dass viele bildungsferne Mütter einen wesentlichen Unterschied nicht verstehen: Wenn eine eigens eingeflogene Grossmutter, die kein Deutsch kann, sich hier kaum auskennt und deshalb mit dem Kind oft daheimbleibt, den Nachwuchs hütet, ist das nicht dasselbe wie Betreuung und Förderung durch eine Fachperson. Hier übernehmen die Spielgruppen Aufgaben, die die Familie nicht erfüllen kann.