Einige der Schülerinnen und Schüler, die in Chur letzte Woche die Aufnahmeprüfung für das Untergymnasium an der Bündner Kantonsschule absolviert haben, dürften sich nach Bekanntgabe der Resultate ein wenig betrogen fühlen. Jene Schüler nämlich, die einen negativen Prüfungsbescheid erhalten. Sie werden nicht die Gewissheit haben, an einer von vornherein vorgegebenen Leistungsanforderung gescheitert zu sein, sondern nur wissen, dass sie nicht zu den besten 274 Schülern gehören, die im ganzen Kanton die Aufnahmeprüfung absolviert haben. Von einer breiteren Öffentlichkeit kaum bemerkt, hat Graubünden auf Mittelschulstufe als bisher einziger Kanton zu einer der bildungspolitisch heikelsten Steuerungsmethoden gegriffen: dem Numerus clausus. Das heisst: Für 274 Schüler werden nächsten Herbst an den Mittelschulen Graubündens die Türen des Untergymnasiums offen stehen. Der 275. bleibt draussen – auch wenn seine schulischen Fähigkeiten den Besuch des Gymnasiums durchaus erlauben würden.

Ein jährliches Entlastungsvolumen von rund 100 Millionen Franken realisiert das Sparpaket, das der Bündner Grosse Rat in seiner Juni- und Augustsession letztes Jahr geschnürt hat. Bei einem Gesamtbudget von zwei Milliarden Franken eine ehrgeizige Vorgabe. 11,6 Millionen sollen, verteilt über vier Jahre, bei der Bildung gespart werden – durch die Senkung der Schülerzahl in den Mittelschulen um zehn Prozent. Diese «einschneidenden Spar- und Strukturmassnahmen», so Claudio Lardi, Vorsteher des Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartements Graubünden (Ekud), in einem Positionspapier, betreffen das Gymnasium, das Untergymnasium, die Diplommittelschule und die Handelsmittelschule. Mit 108 zu 9 Stimmen hat das Bündner Parlament die Zugangsbeschränkung abgesegnet.

«Ein bildungspolitischer Skandal»
«Wir haben einen Grossen Rat, der sehr obrigkeitshörig und zudem in Sparhysterie erstarrt ist. Die Einführung des Numerus clausus ist ein bildungspolitischer Skandal», sagt Grossrat Mathis Trepp, der sich vergangenen Sommer während der Spardebatte im Bündner Parlament gegen Sparmassnahmen im Bildungsbereich ausgesprochen hatte. Bei der Bildung zu sparen sei in einem Kanton, der neben dem Tourismus nur wenig Industrie habe, ganz falsch. Zusätzliche Lehrstellen würden ja auch keine geschaffen.

«Das Lehrstellenangebot in Graubünden ist derzeit ausreichend. Das kann sich aber ändern», sagt Hermann Laim, Departementssekretär Ekud. Ob es richtig sei, auch bei der Bildung zu sparen, sei eine politische Frage. Der Bündner Grosse Rat habe sie bejaht. «Freude kommt bei den Sparmassnahmen bei niemandem auf. Bei den dringend erforderlichen Sparanstrengungen zur Herstellung des Finanzhaushaltsgleichgewichts ohne Steuererhöhung wurde aber eine Opfersymmetrie gewahrt», sagt Laim. Die Zugangsbeschränkung ist befristet auf vier Jahre. Während dieser Zeit soll laut Laim auch die Frage entschieden werden, was mit dem Untergymnasium geschehen soll. Längerfristig hat die Regierung vom Grossen Rat den Auftrag erhalten, eine gymnasiale Maturitätsquote von 15 Prozent anzustreben. Eine solche Quote läge mehr als drei Prozent unter dem schweizerischen Durchschnitt, der zurzeit knapp 19 Prozent beträgt.

Hans Peter Märchy, Rektor der Bündner Kantonsschule und Leiter des Amts für Mittelschulen in Personalunion, will die politische Dimension der Zugangsbeschränkung nicht kommentieren, legt aber Wert auf die Feststellung, dass es sich um einen finanzpolitischen Entscheid und nicht um eine pädagogische Massnahme handle. Für die betroffenen Schüler wohl ein schwacher Trost.

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