«Assalam aleikum», «Friede sei mit dir», begrüssen die Buben und Mädchen den Imam Rehan Neziri. Dann gehts auf Deutsch weiter. Begeistert erzählen sie, was sie im letzten halben Jahr gelernt haben. «Dass Allah 99 Namen hat», sagt Arion stolz und beginnt sie aufzuzählen: «Der Starke, der Wahre, der Grosse, der Kraftvolle, der Liebende…»

Die zwölf Mädchen und Buben aus der Türkei, aus Mazedonien, Bosnien und dem Kosovo sind Secondos oder aus der dritten Generation, sie alle sprechen Schweizerdeutsch. Sie wissen zum Teil genauso wenig über die Religion ihrer Eltern wie Schweizer Kinder über das Christentum.

Seit anderthalb Jahren erhalten 53 muslimische Buben und Mädchen ganz offiziell islamischen Religionsunterricht an der Primarschule Kreuzlingen. Sie lernen den Islam mit seiner Geschichte und seinem religiösen Leben kennen, die Glaubens­lehre, das Gebet, die Propheten. Und – ebenso wichtig – auch andere Religionen. Der Unterricht basiert auf in Bayern ent­wickelten Lehrplänen sowie auf dem Lehrmittel «Saphir», das unter anderem auch in den Luzerner Schulgemeinden Ebikon und Kriens benutzt wird. Das Kreuzlinger Projekt umfasst die vierte und die fünfte Klasse und ist auf drei Jahre angelegt.

Die Klasse repetiert gerade den Stoff der letzten Lektion über den Propheten Mohammed. Dass er 570 nach Christus in Mekka geboren wurde. Wie er nach Medina wanderte. Und anhand der Geschichte einer einsamen Frau, die durch den Propheten zum Glauben fand, diskutieren sie über Werte wie Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Vergebung. Aber auch darüber, dass sie sich manchmal als Muslime in der Schweiz nicht akzeptiert fühlen, weil sie beleidigt werden von Schulkameraden. «Sprecht mit ihnen», rät Rehan Neziri, «wir müssen lernen, zusammenzuleben und einander zu akzeptieren.» Der 39-jährige Imam führt die quirligen Kids mit klarer, geduldiger Hand durch den Unterricht.

Dass im Thurgau öffentlich islamischer Religionsunterricht erteilt wird, gefällt nicht allen und weckt diffuse Ängste. So wollte der SVP-Kantonsrat Hermann Lei sichergestellt wissen, dass der Unterricht «nicht durch Islamisten» erteilt wird. Die Thurgauer Regierung beruhigte: Der Trägerverein für Islam-Unterricht in Kreuzlingen (Viuk) sei breit abgestützt und von den Landeskirchen, der albanischen und türkischen Moschee, der Stadt, der Schulgemeinde sowie der Pädagogischen Hochschule begleitet. Und der Unterricht werde nicht in Hinterhöfen erteilt, sondern transparent in der Schule, wo die Türen zu den Klassenzimmern jederzeit offen stünden.

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«Bornierter Nationalismus»

Nichtsdestotrotz will eine Gruppe um Willy Schmidhauser, Präsident der Schweizer Demokraten im Thurgau, den Unterricht mit der kantonalen Volksinitiative «gegen frauenfeindliche, rassistische und mörde­rische Lehrbücher» gleich ganz aus den Schulzimmern verbannen. Der Islam wolle die Weltherrschaft und verlange die Vernichtung von Ungläubigen, begründen die Initianten ihr Engagement. Die Initiative wurde am 15. März eingereicht.

Pikant dabei: Initiant Willy Schmidhauser hatte vor einiger Zeit in seiner Parteizeitung dazu aufgerufen, Muslime allein aufgrund ihrer Religion nicht einzubürgern. Und wurde deshalb wegen Rassismus verurteilt. Das Thurgauer Obergericht attestierte ihm in zweiter Instanz im April 2011 eine «bedenkliche Uneinsichtigkeit» und «unheilvolle Mischung aus verblendeter Rechthaberei, eingebildetem Wissen und borniertem Nationalismus».

«Doch leider kann er es nicht lassen», sagt Christoph Kreis, Präsident des Trägervereins Viuk. «Muslimischen Mitbürgern wirft er mit seiner Initiative unterschwellig vor, sie seien nicht demokratiefähig.» Auch Judith Borer ist nicht begeistert. Die Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, die das Kreuzlinger Pilotprojekt wissenschaftlich begleitet, sagt: «Schmidhauser hat offenbar den Lehrplan nicht angeschaut, sonst wüsste er, dass es kein fundamentalistisch islamisches Insider-Dokument ist, sondern ein fundierter und staatlich bewilligter Fachlehrplan für den Islamunterricht an Grundschulen.»

Für Viuk-Präsident Kreis ist es «nichts als logisch, dass auch den muslimischen Kindern Religionsunterricht ermöglicht wird». Rund ein Drittel der Kreuzlinger Schulkinder hat einen muslimischen Hintergrund. «Es geht um Gleichstellung», erklärt Kreis, der früher Integrationsbeauftragter von Kreuzlingen war. «Die Kinder sollen ihre Wurzeln kennen. Die Religion gehört zur persönlichen Identität.»

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Und Rehan Neziri als Religionslehrer sei schlicht «ein Glücksfall». Er kenne das Schweizer Rechtssystem, die Bräuche und Sitten. «Er geniesst unser volles Vertrauen», sagt Christoph Kreis. Neziri kam 2002 aus Mazedonien in die Schweiz und lernte in kürzester Zeit Deutsch. Seit zehn Jahren steht der Theologe und Religionssoziologe der albanisch-islamischen Gemeinschaft Kreuzlingen als Imam vor. Der Religionsunterricht für die Kinder ist ihm wichtig, «da sie damit in ihrer kulturellen und religiösen Identität ernst genommen werden».

«Imame sollen Landessprache kennen»

Auf Integration setzt Neziri auch als Präsident der im Januar gegründeten Union albanischer Imame, der bereits mehr als 30 Imame aus der ganzen Schweiz angehören. Die Union will das Verständnis für den Islam stärken – und extremistischen Tendenzen entgegentreten. «Die Imame sollen besser verankert werden und mindestens eine Landessprache lernen. Sie sollen die Schweizer Kultur kennen – inklusive Politik und Geschichte», so Neziri. «Denn wir wollen das Vertrauen gegenüber dem Islam und den Muslimen wiederherstellen.»

Früher seien die Italiener und Spanier ausgegrenzt worden, seit dem 11. September 2001 seien es die Muslime. «Sie werden alle in einen Topf geworfen und stehen unter latentem Extremismusverdacht – was im Minarettverbot gegipfelt hat.»

Neziri ärgert es zwar, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen, er setzt aber gleichwohl auf den Dialog. Und stellt klar: «Wir verurteilen jede Form von Diskriminierung und Gewalt, insbesondere im Namen Gottes. Wir wollen auch kein paralleles Rechtssystem. Die Verfassung ist verbindlich für alle, auch für die hier lebenden Muslime.» Die Thurgauer Anti-Koran-Ini­tiative hält er deshalb für überflüssig. «Natürlich müssen gewisse Passagen im Koran interpretiert werden. Aber das gilt genauso für gewalttätige Passagen in der Bibel.»

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Rundum positive Erfahrungen

Wie es mit dem islamischen Religions­unterricht in Kreuzlingen weitergeht, entscheidet sich spätestens im Herbst 2013, wenn das Pilotprojekt ausgewertet wird. Da die Erfahrungen rundum positiv sind, möchte der Verein das Projekt gerne auf die untere Primarstufe ausdehnen.

Doch der Knackpunkt sind die Finanzen. Die Muslime sind als Religionsgemeinschaft nicht öffentlich-rechtlich anerkannt und können keine Steuern einziehen wie Katholiken oder Reformierte. Derzeit werden deshalb zwei Drittel der Kosten von jährlich 6300 Franken pro Schulstufe von Eltern und Moschee-Vereinen getragen. Das restliche Drittel wird über Sponsoring finanziert. Die Schulgemeinde stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung.

«Natürlich wäre es wünschenswert, dass wir Muslime eines Tages auch öffentlich-rechtlich anerkannt werden», sagt Rehan Neziri. «Aber das braucht Zeit. Und dazu muss erst das Vertrauen aufgebaut werden. Wir bleiben dran.»