Beobachter: Herr Professor Oelkers, sind Ihre Studentinnen und Studenten gut im Schreiben und Lesen?
Jürgen Oelkers: Ja, sie sind gut. Die meisten kommen aus einem Lehrberuf; sie mussten und müssen sich ständig schriftlich und mündlich ausdrücken.

Beobachter: Offenbar sind Sie besser dran als viele Mittelschullehrer.
Oelkers: Diese klagen, die Volksschule vernachlässige Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Tatsächlich hat die Schule ein Problem mit Fertigkeiten, die viel geübt werden müssen. Schreiben, Lesen und Rechnen lernt man nur, wenn man es immer wieder macht. Die Lehrkräfte müssen darauf achten, dass sie diese Standards halten und von den Kindern auch verlangen.

Beobachter: Die Gesellschaft wandelt sich rasant. Welche neuen Fähigkeiten müssen Volksschüler nach neun Schuljahren beherrschen?
Oelkers: Sie müssen möglichst gut zwei Sprachen anwenden können – und zwar Englisch und Französisch. Sie müssen vielseitig mit Computersystemen umgehen können. Und immer wichtiger wird das Sozialverhalten. Nur die Volksschule kann die soziale Integration fördern; das macht sonst niemand mehr in unserer Gesellschaft.

Beobachter: Die Lehrerschaft beklagt aber, ihr werde zu viel aufgeladen.
Oelkers: Die Forderungsflut ist tatsächlich schädlich und ein ernstes Problem. Die Gesellschaft wälzt immer mehr ab. Die Schule kann schlecht nein sagen, wenn ihr Erziehungsaufgaben übertragen werden. Aber sie muss auch feststellen, dass sie vieles gar nicht erfüllen kann.

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Beobachter: Was kann die Volksschule leisten und was muss sie weglassen?
Oelkers: Sie muss ihre Hauptaufgabe forcieren: Grundfertigkeiten ausbilden, Einblick geben in gewisse Sachgebiete, Sprachen lehren, den Umgang mit Medien schulen. Aber dann ist irgendwann Schluss. Sie kann nicht beliebig Therapie- und Erziehungsaufgaben übernehmen.

Beobachter: Die Bildungspolitiker sind verunsichert und reagieren mit einer Reformflut. Welche Ideen sind gut, welche schlecht?
Oelkers: Ich werde jetzt keine Zensuren verteilen. Für mich gibt es eine Kernregel: Eine Reform ist dann gut, wenn sie die Qualität des Unterrichts und die Unterstützung der Eltern verbessert. Es nützt wenig, im Lehrerkollegium intensiver zu diskutieren oder mit viel Zeitaufwand die Schule zu reorganisieren, wenn es den Unterricht nicht verbessert. Die Schule muss da sehr pragmatisch bleiben und auf übertriebene Profilierung im Umfeld verzichten. Wenn man zum Beispiel sieht, wie sich Schulen im Internet anbieten, dann ist das ganz nett. Für das «Kerngeschäft» Unterricht hat das aber kaum einen Effekt.

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Beobachter: Gibt es andere Beispiele für Fehlentwicklungen?
Oelkers: Erweiterte Lernformen wie Werkstatt- oder Wochenplanunterricht sind nur sinnvoll, wenn sie die Schulqualität verbessern. In diesem Bereich passiert viel unter dem Motto «Kinder aktivieren», ohne das Lernziel im Auge zu haben. Wer neue Lese- und Schreibmethoden einführt, muss beweisen können, dass sie besser sind. Das passiert in der Regel nicht. Deshalb lassen sich Lehrkräfte sehr ungern von Aussenstehenden bewerten. Diese Scheu muss die Lehrerschaft überwinden.

Beobachter: Heisst das: Sie verlangen eine bessere Qualitätskontrolle?
Oelkers: Ja. Es genügt nicht, wenn Lehrkräfte mitteilen, was sie fortan besser machen wollen. Sie müssen auch Bilanz ziehen und die Fortschritte belegen können. Es kommt immer noch vor, dass Kinder drei Jahre Französisch lernen, immer gute Noten haben – aber sich in Genf nicht unterhalten können

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Beobachter: Inwiefern sind die Eltern in diesen Prozess einzubinden?
Oelkers: Ich staune, wie viele Schulen unabhängig vom Feedback ihrer Kunden funktionieren. Schulen sind gut beraten, wenn sie die Eltern über das Jahresprogramm, die Angebote und Massnahmen orientieren und Rückmeldungen einholen. Das stärkt die Bindung. Wenn die Eltern mitreden dürfen, kann die Schule auch klarer Grenzen ziehen, sobald ihr zu viele Erziehungsaufgaben aufgehalst werden.

Beobachter: Sie sind an der Zürcher Schulreform beteiligt. Was ist so gut am Konzept von Ernst Buschor?
Oelkers: Er wagt es, eine alte Struktur der heutigen Zeit anzupassen. Die Schule des 19. Jahrhunderts kann nicht die Schule des 21. Jahrhunderts sein. Zum Nulltarif ist ein solcher Umbau nicht zu haben. Wenn aber die Analyse stimmt, dass der Standort Schweiz auch wesentlich vom Bildungsniveau abhängt, dann muss hier investiert werden.

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Beobachter: Künftig sollen Vierjährige Lesen und Schreiben lernen.
Kritiker bemängeln, ein solches System trage die Angst um den Arbeitsplatz in die Kinderstube, das Spiel komme zu kurz.
Oelkers: Das sind doch die Sorgen der Eltern; es ist nicht die Sicht der Kinder. Befragungen zeigen, dass sich Kinder überhaupt nicht dem Leistungsgedanken entziehen wollen. Bei einsichtigen Dingen sind sie sogar sehr leistungsbereit. Viel öfter klagen Kinder über Langeweile im Unterricht. Schädlich sind höchstens ein zu früher Notendruck oder eine zu scharfe Selektion.