Sprechen Sie unbedingt mit dem Lehrer über das Problem Ihres Sohnes. Pädagogen sollten nämlich damit vertraut sein. Denn wie wissenschaftliche Untersuchungen an Schweizer Schulen belegen, zeigt eines von sieben Kindern auffällige Lernschwierigkeiten. Meist handelt es sich dabei um so genannte Teil-Leistungsschwächen. Darunter fallen auch Schwierigkeiten mit dem Lesen und mit der Rechtschreibung (Legasthenie) oder im Rechnen (Dyskalkulie). Viele Kinder, bei denen entsprechende Störungen auftreten, sind nicht etwa schwach begabt, sondern verfügen im Gegenteil über eine überdurchschnittliche Intelligenz.

Vermutlich ist Peter wie die meisten Kinder mit grosser Begeisterung und Lernfreude in die erste Klasse eingestiegen – und musste dann schmerzhaft erfahren, dass ihm das Lesen weit grössere Schwierigkeiten bereitet als seinen Kolleginnen und Kollegen. Kein Wunder, hat er die Freude daran verloren.

Tipps für Eltern legasthenischer Kinder
Legasthenie ist nicht heilbar. Die Kinder müssen lernen, mit ihrer Lernbehinderung besser umzugehen. Strategien und Techniken können sie bei spezialisierten Therapeuten lernen und so ihre Schwäche besser in den Griff kriegen. Doch auch die Eltern können das Kind unterstützen:

  • Zeigen Sie Verständnis für die Probleme des Kindes.
  • Stärken Sie sein Selbstbewusstsein.
  • Klare Regeln sowie präzise zeitliche Strukturen in der Familie sind wichtig für Legastheniker.
  • Nehmen Sie die Sache ernst, bagatellisieren Sie sie nicht.
  • Übergeben Sie dem Kind die Verantwortung für das Lernen, statt Druck und Kontrolle auszuüben.
  • Seien Sie jederzeit bereit, Ihr Kind zu unterstützen.
  • Arbeiten Sie mit Lehrern und Therapeuten zusammen.
  • Zeigen Sie dem Kind, dass Sie es unabhängig von seinen Leistungen lieben.


Fachpersonen sorgen darüber hinaus dafür, dass bei den Kleinen keine sekundäre Neurotisierung entsteht – dass zu der Lernschwäche also keine seelischen Störungen dazukommen, beispielsweise mangelndes Selbstbewusstsein oder Schulangst. Einen besonders interessanten Beitrag in der Erforschung der Legasthenie hat der Amerikaner Ronald D. Davis geleistet (siehe «Buchtipp»). Der Autor ist selber Legastheniker. Er sieht in der Schwäche nicht nur ein Defizit, sondern wertet Legasthenie auch als Talentsignal.

Legastheniker denken ganzheitlich und in Bildern. Sie verfügen über ein besonders ausgeprägtes dreidimensionales Vorstellungsvermögen. Für sie sind die Buchstaben b, d oder p identisch – einzig, dass man sie gedreht hat.

Wegen des komplexen und bildhaften Denkens der Legastheniker verwirrt sie der lineare Aufbau von Wörtern und Sätzen, was zu den beschriebenen Fehlern führt. Die Theorie von Davis verweist auf deren besondere Begabung und gibt ihnen damit Selbstbewusstsein zurück. In der Tat sind viele kreative Menschen auch Legastheniker: Dazu zählen etwa Wissenschaftler Albert Einstein oder Filmpionier Walt Disney.

Buchtipp

Ronald D. Davis: «Legasthenie als Talentsignal»; Knaur, München 1998, Fr. 18.10

Quelle: Archiv
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