Beobachter: Drohen uns amerikanische Zustände: gute Schulen für Reiche, schlechte für Arme?

Max Mangold: Kaum. In Amerika wird seit Jahren starke Kritik an den öffentlichen Schulen geübt. Sie seien ineffizient und gingen zu wenig auf die Kinder ein. In der Schweiz ist die Volksschule aber stark verankert, und sie zählt zu den besten weltweit. Ausserdem ist die Zahl der Privatschüler in der Schweiz im Vergleich zur allgemeinen Einschulungsquote immer noch minim.

Beobachter: Was passiert, wenn plötzlich Bildungsgutscheine eingeführt würden?

Mangold: Das wäre in der Tat gefährlich. Wenn die öffentliche Schule aus der Verantwortung des Staats entlassen wird, bleibt die Chancengleichheit also eine gleichwertige Grundausbildung für alle auf der Strecke. Das Bildungsgefälle zwischen Arm und Reich würde sich deutlich verschärfen. Denn Reiche können sich bessere Schulen leisten. Das zeigen auch Versuche im Ausland.

Beobachter: Die Befürworter einer Schulprivatisierung sagen, die Schule sei zu teuer und reagiere zu langsam auf aktuelle Trends.

Mangold: Die Schweiz gibt jedes Jahr 20 Milliarden Franken für die Schule aus. Da muss es tatsächlich erlaubt sein zu fragen, ob das Geld gut angelegt ist. Die Schule muss sich bewegen, das ist klar. Sie ist durchaus reformfähig, das hat sie in der Vergangenheit immer wieder bewiesen. Es ist aber ein Irrtum zu glauben, man könne die Gesetze der Marktwirtschaft einfach über die Schule stülpen, denn die Schule ist nicht einfach nur ein Zulieferer von Abschlüssen. Sie ist auch den demokratischen Grundwerten verpflichtet zum Beispiel eben der Chancengleichheit.

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Beobachter: Sind denn Privatschulen nur einfach schlecht?

Mangold: Auf keinen Fall. Privatschulen haben oft eine Vorreiterrolle für die öffentliche Schule. Die Privaten nehmen neue Trends auf und treiben diese voran. Kritik wird geübt, seit es die Staatsschule gibt. Sie ist dann oft gezwungen nachzuziehen. Und das ist gut so.