«Füdliblutt» oder «splitternackt»? - Hier scheiden sich die Geister. Wenn die Mundart zugunsten von Hochdeutsch in Frage gestellt wird, geht der kulturpuristische Tross auf die Barrikaden. «Allein die Diskussion, ob Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch, beweist, dass wir unsere Identität aufgegeben haben», moniert ein Radiohörer im Internetforum von Schweizer Radio DRS. Für ihn ist die Kapitulation programmiert: Ab Mai strahlt Radio DRS die Informationssendungen «Rendez-vous» und «Info 3» durchgehend auf Hochdeutsch aus. Bisher wurde nur der Nachrichtenblock eingedeutscht verlesen.

Den Entscheid begründet der Chefredaktor Information von Radio DRS, Rudolf Matter, damit, dass in der Schweiz viele Leute leben, denen unsere Mundart in den Ohren stecken bleibt. Zu ihnen zählen neben den Romands und Tessinern 166'000 Deutsche (Stand Ende 2006), die oft ausser einem gestelzten «Grüzzi» nicht viel Mundartiges über die Lippen bringen. Auch diese Hörer - und Gebührenzahler - sollen auf ihre Rechnung kommen. «Diese Neuerung dient auch der Profilierung», erklärt Rudolf Matter. Radio DRS hebe sich damit von den Lokalsendern ab. Auch das Schweizer Fernsehen legt Wert auf einen sinn- und stilvollen Umgang mit Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. Chefredaktor Ueli Haldimann hält in einem Grundlagenpapier fest: «Hochdeutsch moderierte Sendungen wirken generell seriöser.» Da haben wir also den Salat - oder vielmehr die Buchstabensuppe.

Auf dem Dach des Schweizer Fernsehens hingegen ist der Dialekt im Aufwind. Hier werden die Wetterprognosen kurz vor acht Uhr abends nach der Hauptausgabe der «Tagesschau» in mehr oder weniger blumigem Dialekt kommentiert. Das Mundwerk der «Meteo»-Moderatoren treibt mitunter gar bunte Sprachblüten.

Das Wetter ist nicht schleierhaft
Die Dialektergüsse waren sogar Gegenstand einer Eingabe an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI). Hellhörige Zeitgenossen sahen eine Programmverletzung. Ihr Argument: Ein Grossteil der fremdsprachigen Zuschauerinnen und Zuschauer bekomme diese Mundartbrocken in den falschen Hals und fühle sich benachteiligt. Die UBI war anderer Meinung: Aufgrund der standardisierten Karten und Piktogramme seien Fremdsprachige sehr wohl in der Lage zu wittern, woher der Wind weht.

Wenn Ausländer ganz genau wissen wollen, was es mit «Wulcheschliirp» oder «Räägegutsch» auf sich hat, können sie sich in «Züritüütsch»-Kursen üben. Seit 20 Jahren bringt der ehemalige Lehrer Willi Bachmann Interessierten den Dialekt näher. Das aktuelle Programm «züri4you» mit zehn Lektionen spricht auch ein jüngeres Publikum an. «Seit rund einem Jahr nehmen auffallend viele Deutsche teil», stellt er fest. Früher sei das Publikum internationaler gewesen. Mütter aus Asien etwa hätten ihr Ohr trainieren wollen, um mit ihren Kindern im Alltag zurechtzukommen. Heute sind die meisten Teilnehmer bestrebt, den Dialekt einfach besser zu verstehen. So weit, so gut. Doch wehe dem, der versucht, in unser Sprachrevier einzudringen und ernsthaft Ausdrücke wie «Chuchichäschtli» artikulieren will. Da erhebt sich Volkes Stimme: «Gaat s no?»
<>Die Muttersprache ist für die Schweizer ein strittiges Erbe. Die einen kokettieren damit, wenn ihrer Hochsprache noch etwas Stallgeruch anhaftet, und erheben ihre Diktion wie der Kabarettist Emil kurzerhand zum Markenzeichen. Die anderen wiederum verwischen alle Spuren und bemühen sich um ein reines Bühnendeutsch. Eine Untersuchung des Linguisten Joachim Scharloth von der Universität Zürich zeigt, dass jeder zweite Schweizer nur ungern Hochdeutsch spricht und sich vom teutonischen Redeschwall überfahren fühlt. 79 Prozent bezeichnen Hochdeutsch als ihre erste Fremdsprache. Die reflexartige und unterwürfige Frage von Schweizern im Gespräch mit Deutschen «Söl i Tüütsch rede?» zeigt, wie wir selber die Muttersprache auf Sandkasten, Stube und Stammtisch zurückbuchstabieren. Als wäre «Schwiizertüütsch» kein Deutsch.

Anzeige

Der «Znüni» bleibt unangetastet
Der Minderwertigkeitskomplex in Sachen Eloquenz, Syntax und Wortschatz ist auf eigenem Mist gewachsen. «Schweizerinnen und Schweizer haben die Tendenz, von sich selber zu behaupten, dass sie Mühe haben mit der Hochsprache», erklärt der Logopäde und Management-Coach Martin Sassenroth. Weil die «Übersetzung» einen «ständigen Kontrollprozess im Hirn» erfordere, würden Schweizer langsamer parlieren als Deutsche und wohl auch stockender. Kein Wunder, klingt Hochdeutsch aus Schweizer Mund «gequält». Der gebürtige Deutsche Sassenroth, ehemals Leiter der Abteilung Logopädie an der Uni Freiburg, plädiert dafür, schon bei Kindern möglichst unverkrampft die Sensibilität für die deutsche Sprache zu wecken. Fächer wie Sport, Musik oder Zeichnen schliesst er als Experimentierfeld nicht aus, vorausgesetzt, Lehrer sind bereit, «über ihren Schatten zu springen» und in einer Sprache zu lehren, die nicht aus vollem Herzen kommt.

Anzeige

Die Kampfzone der Sprachfröntler greift mittlerweile von der Volksschule auf den Kindergarten über. Die so genannte Schweizer Standardsprache ist im Vormarsch. Sie richtet sich grundsätzlich nach dem Hochdeutschen, lässt den Helvetismen aber einen angemessenen Spielraum. Im Klartext: Kinder werden im «Chindsgi» weiterhin «Znüni ässe» und nicht «den Imbiss einnehmen». Marie-Hélène Stäger, Geschäftsführerin des Verbands KindergärtnerInnen Schweiz (KgCH), ist überzeugt, dass Kinder so nicht überfordert sind, sondern mit beiden Sprachen «spielerisch umgehen». Für gewisse Lehrpersonen sei es schwieriger - und Weiterbildung nötig.

KgCH ist aber gegen eine krampfhaft konsequente Umsetzung im Kindergarten: «Über den Anteil von Standarddeutsch im Unterricht sollte die Lehrkraft selber entscheiden können.» Dazu bieten sich Blöcke als klar definierte «Sprachinseln» für Dialekt an. Unangetastet bleiben Volkslieder, Verse und Reime: «Mundart ist ein Kulturgut.» Die Förderung der Standardsprache im Kindergarten trägt laut Stäger zur Chancengleichheit bei. Ausländerkinder würden profitieren, aber auch Schweizer Kinder aus bildungsferneren Schichten.

Der letzte Schrei zum Thema «füdliblutt» oder «splitternackt» kommt aus dem neuen Babysprachlabor der Uni Konstanz. Die Sprachwissenschaftler vermuten, dass Babys schon kurz nach der Geburt die Melodie der Muttersprache wahrnehmen. Dann müssten deutsche Kinder auf deutsche Klänge reagieren, Schweizer Kinder dagegen auf schweizerdeutsche. Insgesamt 300 Säuglinge sollen dazu im laufenden Jahr ihre Stimme abgeben.

Anzeige