«Wir haben ein Problem an unserer Schule.» So begann der Brief, den Paul Hösli, Schulpräsident im glarnerischen Niederurnen, im September letzten Jahres an die Eltern seiner Schulgemeinde schrieb. «Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern sind regelmässige Raucher und bereits süchtig nach der Droge Tabak», schrieb Hösli weiter und fragte die Eltern: «Erschreckt Sie das?»

Anlass zum Erschrecken gibt es in der Tat, und nicht nur in Niederurnen. Landesweit greifen immer mehr Jugendliche regelmässig zum Glimmstengel. Allein in den letzten fünf Jahren, so zeigt die jüngste Untersuchung des Bundesamts für Statistik, hat die Zahl rauchender Jugendlicher um 70 Prozent zugenommen. Bereits qualmen 43 Prozent der Jungen zwischen 15 und 19 Jahren, und das Einstiegsalter sinkt.

Die Kraft der Gruppe
Das Linth-Escher-Schulhaus von Niederurnen bildete keine Ausnahme. Im Gegenteil: Mehr als die Hälfte der Oberschulklasse von Lehrer Konrad Kals hat vor einem halben Jahr noch regelmässig Zigaretten geraucht. Damit waren sie noch schlimmer als die Statistik.

Doch die multikulturelle Schar – von 17 Schülerinnen und Schülern kommen gerade drei aus der Schweiz – hat umgedacht. Mit der Raucherei ist es vorbei: «Cool ist, wer aufs Rauchen verzichtet», heisst das neuste Motto der Klasse. Und es hat offensichtlich Erfolg.

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Es sind die geweckte Eigenverantwortung und die Kraft der Gruppe, die den Entwöhnungsprozess möglich gemacht haben: Nach dem Elternbrief des Schulpräsidenten und einem alarmierenden Artikel in den «Glarner Nachrichten» sind die Schülerinnen und Schüler von Konrad Kals aus eigenem Antrieb zu ihrem Lehrer gegangen: «So schlimm sind wir nicht, wir wollen es denen zeigen», fasst Kristijan, ein 16jähriger aus Kroatien, die Reaktion seiner Klasse zusammen.

Konrad Kals liess sich nicht lange bitten: «Ich sah plötzlich die Möglichkeit, mit meiner Klasse die Raucher- und die ganze Drogenproblematik von einer anderen Seite aus anzugehen.» Jenseits vom «lauten Präventions- und Verbotsgeschrei» wollte er versuchen, den aufkeimenden Trotz der Jugendlichen zu stärken und die Energie zur Umkehrung der verhängnisvollen Entwicklung zu wecken.

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Damit setzte er am richtigen Punkt an. Denn viele Jugendliche rauchen nach Meinung von Fachleuten, ohne zu wissen, warum. «Ich habe den Verdacht, dass niemand die Beweggründe so richtig kennt», sagt etwa Gottfried Sondheimer, Psychiater aus Zürich. Der Suchtexperte hält wenig von der Erklärung, die nicht allzu rosigen Zukunftsaussichten würden bei Jugendlichen zu einer Art No-future-Stimmung führen, die den Drogenkonsum ankurble. Das sei eine «übergestülpte» Erklärung der Erwachsenen.

Verbote helfen kaum
Hilfreicher ist nach Sondheimer eine Sichtweise, die sich an der Entwicklung junger Menschen orientiert: «Jugendliche wollen anders sein. Sie sind in einer Lebensphase, wo sie sich abgrenzen gegenüber den Erwachsenen, wo sie Gruppen bilden und ihre eigene Welt aufbauen. Wenn dann ein oder zwei Leadertypen in der Gruppe rauchen, tun es ihnen die andern nach.»

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Darum ist mit Verboten und Schocktherapie wenig zu erreichen. Damit werden die Rauchenden bloss ausgegrenzt, und das unerwünschte Verhalten wird verstärkt. Sondheimer: «Viel besser ist es, in Schule und Elternhaus eine gute, offene Gesprächsatmosphäre aufzubauen und den Jugendlichen den Freiraum zu geben, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen.»

Auf genau diesem Prinzip basiert auch der Erfolg der Aktion «Lust aufs Nichtrauchen» in der Klasse von Konrad Kals. Die Botschaft «Cool ist, wer aufs Rauchen verzichtet» druckten die Schülerinnen und Schüler auf 600 Schlüsselanhänger und 1000 Kugelschreiber und begannen, diese im Schulhaus und später auch im weiteren Umkreis zu verteilen.

Im Informatikunterricht verfassten sie Beitragsgesuche an Behörden und Firmen, Institutionen und Stiftungen. So kam das Geld für die Aktion zusammen. Via Internet trat die Klasse zudem in Kontakt mit Partnerklassen im In- und Ausland.

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Die Reaktionen der Umgebung liessen nicht auf sich warten. «Wir sind richtig stolz auf uns», sagt Kristijan, der Klassensprecher. Und seine Schwester doppelt nach: «Wir zeigen, dass wir doch etwas tun können, entgegen allen Unkenrufen.»

Hohe Erfolgsquote
Freude an den coolen Nichtraucherinnen und Nichtrauchern hat auch Schulpräsident Paul Hösli. Schliesslich kann er ja auch für sich in Anspruch nehmen, die Aktion mit seinem Elternbrief ausgelöst zu haben.

Trotzdem: Ohne Regeln gegen das Rauchen will er nicht auskommen. Nach wie vor gilt an der Schule ein striktes Rauchverbot, das konsequent durchgesetzt wird. Paul Hösli: «Jugendliche brauchen neben Freiräumen auch Grenzen. Es ist unsere Verantwortung, diese zu setzen.»

Inzwischen haben aber die Schülerinnen und Schüler von Konrad Kals die Verantwortung auch selbst an die Hand genommen. Nicht nur nach aussen wirkt nämlich die Botschaft vom coolen Nichtrauchen, sondern vor allem auch nach innen. Die Raucherquote in der Klasse ist beträchtlich zurückgegangen: von mehr als der Hälfte auf ein Viertel der Schülerinnen und Schüler.

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Weitere Informationen

Weitere Informationen

  • Lucie Hillenberg, Brigitte Fries: «Starke Kinder – zu stark für Drogen»
    Kösel-Verlag, München 1998, ISBN 3-466-30464-4
  • *Informationen zum «Tag des Nichtrauchens»:
    Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention (AT), Effingerstrasse 40, 3008 Bern
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