Beobachter: Sie wirken nicht wie jemand, der in der Schule besonders frech gewesen ist.
Peter Neumann: Das mag stimmen. Jedoch schaffte ich es schon als Schüler, stets braver zu wirken, als ich war.

Beobachter: Die Schüler von heute scheinen das gegenteilige Problem zu haben: Sie wirken frecher, als sie in Wahrheit sind. Oder sind sie tatsächlich disziplin und respektloser als früher, wie gern behauptet wird?
Neumann: Die ältere Generation hat sich seit je über die Respektlosigkeit der jüngeren beklagt. Ein oft zitiertes Beispiel dafür ist Sokrates, der vor rund 2500 Jahren monierte: «Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase.» Ich bin überzeugt - und das ist auch das Fazit meines Dokumentarfilms -, dass die Schüler heute weder disziplinierter noch undisziplinierter sind als früher. Sie sind einfach anders. Und je nach Zeitgeist verändern sich eben auch die Disziplinideale und die Disziplinierungsmethoden.

Beobachter: Doch selbst Lehrer beklagen sich, dass das Unterrichten immer schwieriger wird.
Neumann: Das stimmt auch. Nur ist das weniger ein Problem der mangelnden Disziplin, sondern eine Folge der massiv gestiegenen Anforderungen an die Lehrerschaft. Dafür gibt es vier Gründe: Erstens sind Kinder und Jugendliche heute ständig multimedialen Reizen ausgesetzt, die ein konzentriertes Arbeiten erschweren. Zweitens hat die Zahl der Kinder mit ausländischen Wurzeln stark zugenommen. Drittens: Die Medien sind heute omnipräsent und schlachten jeden Vorfall an einer Schule aus. Viertens: Früher waren die Eltern die Verbündeten der Schule, heute verstehen sie sich primär als Anwälte ihrer Kinder.

Beobachter: Sie haben für Ihren Film den ehemaligen Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen zu einer Klassenzusammenkunft begleitet. Wurde dieser Eindruck dort bestätigt?
Neumann: Ja. Alfred Gilgen und seine damaligen Primarschulkollegen drückten zwischen 1937 und 1942 gemeinsam die Schulbank. Damals, so wurde mir versichert, habe man zu Hause besser geschwiegen, wenn man in der Schule eine Ohrfeige kassiert hat, sonst hätte es von den Eltern gleich nochmals eins auf die Ohren gegeben.

Beobachter: Bis wann waren Ohrfeigen und «Tatzen» in den Schulzimmern ein gängiges Erziehungsinstrument?
Neumann: Das lässt sich schwer sagen. Ein Filmdokument aus dem Jahr 1961 belegt jedoch, dass Körperstrafen zu jener Zeit noch an der Tagesordnung waren. Selbst eine Lehrerin, die äusserlich ganz unschuldig daherkommt, sagt in dem Film: Wenn zwei Buben rauften, trenne sie die beiden und gebe dem Unruhestifter eine Watsche. Auf die Frage, was sie denn mit dem anderen Raufbold anstelle, meint sie nüchtern: Dem haue sie meist auch gleich noch eine runter.

Beobachter: Und, wirkten die Ohrfeigen disziplinierend?
Neumann: Nein. Mit der Rute erzwingt man nicht mehr Disziplin. Man erwirkt höchstens, dass der eine oder andere verstummt. Das zeigt die Tatsache, dass der Mangel an Disziplin im Verlauf der Geschichte immer wieder für Gesprächsstoff sorgte, egal, welche Disziplinierungsmethode gerade in Mode war. Im Mittelalter etwa wurde der Ausdruck «unter die Rute gehen» quasi als Synonym für das Wort Schule verwendet. Doch waren die Schüler damals disziplinierter? Nein. Oder nehmen wir das Gemälde «Dorfschule von 1848» von Albert Anker: Trotz Rute in der Hand steht der Schulmeister von anno dazumal sichtlich auf verlorenem Posten.

Beobachter: Ex-Reallehrer und SVP-Nationalrat Hans Fehr äussert in Ihrem Film eine andere Ansicht.
Neumann: Ja. Er ist der Meinung, dass eine Ohrfeige im richtigen Moment mehr bewirken könne als fünf Psychologen. Er nennt sie wörtlich ein «taktisches Element». Allerdings darf man nicht vergessen, dass eine Ohrfeige laut Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahr 1991 ein Straftatbestand ist.

Beobachter: Ist Ihr Film ein Plädoyer für Kuschelpädagogik?
Neumann: Sicher nicht. Keine Schule könnte überleben, würde sie nicht klare Regeln aufstellen und deren Einhaltung konsequent einfordern. Mit Kuschelpädagogik hat der heutige Schulalltag nichts zu tun. Das zeigt das Beispiel von Jürg Jegge.

Beobachter: Jegge war einst ein Verfechter der antiautoritären Erziehung.
Neumann: Genau. Er schildert im Film sein Dilemma im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Autorität. Er konnte es nicht lösen, zog die Konsequenzen und gab den Lehrerberuf auf. Gleichzeitig äussert sich heute selbst Alfred Gilgen positiv über gewisse pädagogische Errungenschaften der 68er Bewegung.

Beobachter: Das erstaunt, immerhin galt Alfred Gilgen nach seinem Amtsantritt 1971 als Buhmann der 68er.
Neumann: Ja, weil er Lehrerinnen massregelte, die barfuss unterrichteten, und Lehrer entliess, die auf das «Du» im Klassenzimmer pochten. Heute jedoch attestiert er der Schule, dass sie offener, lockerer geworden sei. Was der Lehrer sagt, sei nicht mehr sakrosankt und werde von den Schülern auch mal in Frage gestellt. Das sei eindeutig eine Verbesserung gegenüber früher und mitunter ein Vermächtnis der 68er Bewegung.

Beobachter: Was heisst für Sie Disziplin, und wie fordern Sie sie in der Schule ein?
Neumann: Meines Erachtens heisst Disziplin, sich darum zu bemühen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen - in der Schule also ein Lernziel. Dafür stelle ich mit meinen Schülern gemeinsam Regeln auf, versuche, eine klare Linie zu haben, und handle bei Verstössen möglichst konsequent.

Beobachter: Wie bestrafen Sie Schüler, die nicht spuren?
Neumann: Mit einer Strafe, die für den Betroffenen einen sinnvollen Mehraufwand bedeutet. Aber die Strafe soll ruhig etwas schmerzen - natürlich nicht körperlich gemeint...

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