Senioren im Klassenzimmer» - nein, danke! Seit das Freiwilligenprojekt der Pro Senectute in Birsfelden Einzug gehalten hat, ist der Lehrerverband Baselland (LVB) in heller Aufruhr. «Lehrer, die das mitmachen, müssen sich im Klaren sein, dass sie damit nicht nur ihren eigenen Berufsstand schädigen, sondern auch die Ethik ihres Berufsauftrags kompromittieren», wettert der Verein.

Und darum gehts: Das Projekt sieht vor, das Verständnis zwischen den Generationen zu fördern. Pensionierte unterstützen die Kinder unentgeltlich und in Absprache mit den Lehrpersonen - etwa wenn es bei den Rechenaufgaben klemmt oder wenn es beim Basteln eine Hand braucht. Begleitet wird das Projekt in den meisten Kantonen von der Pro Senectute, Basel-Stadt holte sich die Grauen Panther ins Boot. «Grundsätzlich gilt, dass die Senioren keine Hilfslehrer sind und keine pädagogischen Aufgaben übernehmen dürfen», sagt Ruth Tappa von der Zürcher Koordinationsstelle der Pro Senectute.

«Überholte Alt-68er-Pädagogik»
Im Kanton Zürich wollen 99 Prozent von 142 befragten Lehrerinnen und Lehrern trotz Mehraufwand nicht mehr auf die Senioren verzichten. «Die Lehrer schätzen den Austausch zwischen den drei Generationen - Kinder und Eltern die Ruhe, die die Senioren mitbringen», so Peter Enz vom Zürcher Schulamt. Und Ueli Keller, Projektverantwortlicher im Bildungsdepartement Basel-Stadt, doppelt nach: «Ich bin seit 40 Jahren im Schulwesen und habe selten so etwas Fantastisches gesehen.» Auch in Birsfelden sind die Praktiker voll des Lobes. «Schon allein, dass sich eine Person zu einem Kind hinsetzt, kann sich positiv auf das Lernverhalten und die Aufmerksamkeit auswirken», freut sich Schulleiterin Regula Meschberger.

Der Baselbieter Lehrerverband mag diese positiven Stimmen nicht hören: Er will den Stopp - mit allen Mitteln. Pädagogisch und standespolitisch sei das Projekt nicht haltbar. Vielmehr sei es ein unprofessionelles «Beschäftigungsprogramm für Senioren», in dem «Zusatz-Grosis vor allem ihre eigenen soziopsychischen Bedürfnisse auslebten». LVB-Präsident Max A. Müller hält rein gar nichts vom «Gutmenschen-Ansatz einer überholten Alt-68er-Pädagogik». Für ihn gilt: «Die Schule steckt ihre Nase nicht in die Seelen der Kinder und nicht in die Familienbeziehungen.»

Auch rechtlich will der LVB elementare Mängel im Projektkonzept entdeckt haben und stützt sich dabei auf ein Gutachten des Schulrechtlers Herbert Plotke: Der regelmässige Einsatz von Laien an Schulen ist laut Plotke unzulässig - Haftungs- und Datenschutzfragen seien ungenügend geklärt. Dieser Befund macht nun auch den Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) knieweich: «Wir müssen die Bedenken ernst nehmen und die rechtlichen Fragen zuerst prüfen», erklärt Vizepräsidentin Lilo Lätzsch. Ihr selbst steht im Klassenzimmer schon seit drei Jahren eine Seniorin zur Seite. Probleme: keine.

Während der Zürcher Berufsverband zaudert, wurde jetzt in Baselland entschieden. «Wir konnten bei den Rahmenbedingungen des Generationenprojekts keine Defizite feststellen und sehen daher keinen Anlass, es zu stoppen», sagt Bildungsdirektor Urs Wüthrich klipp und klar. Um klare Worte ist auch LVB-Präsident Max Müller nicht verlegen: «An unserer Überzeugung ändert das nichts.»

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