Sie sollten mit der Lehrerin reden. Wenn auch sie diesen Leistungsabfall in den Tests beobachtet, ist die Diagnose klar: Ihr Sohn leidet unter Prüfungsangst. Etwas Nervosität ist in solchen Situationen zwar normal und wirkt sogar aktivierend und leistungssteigernd. Wenn die Angst aber wie bei Ihrem Sohn lähmend wirkt und das Denken blockiert, ist Handeln angezeigt.

Der erste und einfachste Schritt besteht darin, mit dem Kind offen über seine Ängste zu reden. Machen Sie dabei aber nicht den Fehler, zu beschwichtigen oder dem Sohn die Angst auszureden. Geben Sie auch keine Tipps. All dies schwächt nur das Selbstbewusstsein des Jungen und macht ihn noch unsicherer. Interessieren Sie sich einfach für das Wie und Wann des Gefühls. Oft reicht es nämlich schon, wenn ein Kind spürt, dass es ernst genommen wird.

Neben Prüfungen können sich Kinder natürlich auch vor Dunkelheit, Einbrechern, Geistern, Autos, anderen Kindern, dem Lehrer oder sogar vor einem Elternteil fürchten. Nicht wertende Einfühlung in ihre innere Welt ist immer ein wirksames Heilmittel. Wenn man seine Angst jemandem mitteilen (wörtlich: mit jemandem teilen) kann, wird sie automatisch kleiner.

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Auch für Erwachsene ist Angst wohl das Gefühl, das am schwersten zu ertragen ist. Der ganze Körper ist beteiligt. Es wird einem eng auf der Brust, der Atem stockt, das Herz rast. Kurzfristig sind all diese Reaktionen in wirklichen Gefahrensituationen sinnvoll: Die Angst signalisiert die Bedrohung, und der Körper ist schlagartig für eine Flucht- oder Angriffsreaktion bereit. Es handelt sich um ein reflexartiges, archaisches Reaktionsmuster, das sicher mitgeholfen hat, dass die Menschheit auch in lebensfeindlichen Umgebungen bis heute überleben konnte.

Wenn allerdings keine wirkliche Gefahr vorliegt oder wenn die Angst chronisch andauert, wird das Ganze disfunktional, unsinnig und quälend. Die Betroffenen merken selbst, dass sie sich in die Angst verstrickt haben und dass diese nicht mehr der Realität entspricht. Angst vor Schlangen, Spinnen, dem Benutzen von Lift, Flugzeug, Bergbahnen und Brücken, Angst vor grossen Plätzen oder Gedränge nennt man Phobien. Wenn die Angst nicht mehr an bestimmte Situationen gebunden ist, sondern frei flottiert, wird sie noch unerträglicher. In sogenannten Panikattacken erleben die Betroffenen namenlose Angst oder Angst vor der Angst.

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Ängste lassen sich therapieren
Nicht alle Leute sind gleich ängstlich. Angst gehört zwar zweifellos zur seelischen Grundausrüstung des Menschen, um ihn vor Gefahren zu schützen, aber die ererbte Konstitution und vor allem die Lebensgeschichte haben einen grossen Einfluss auf die Angstbereitschaft. Überängstliche Eltern sollten sich deshalb selber weiterentwickeln oder Hilfe in Anspruch nehmen, um ihre Kinder nicht zu belasten.

Ängste gehören zu den klassischen seelischen Störungen, den Neurosen, und sind glücklicherweise therapierbar. Als besonders erfolgreich auf diesem Gebiet hat sich die Verhaltenstherapie gezeigt, in der Ängste systematisch durch Training «verlernt» werden können. Grundsätzlich eignen sich aber alle psychotherapeutischen Schulen, um Ängste anzupacken. Wenn man nichts dagegen unternimmt und Angst auslösenden Situationen ausweicht, besteht die Gefahr, dass die Angst immer mehr zunimmt und immer weitere Bereiche erfasst.

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