Den Spruch mit dem Nussgipfel bekommen Kinder zu hören, wenn sie wieder mal auf dem Sofa herumlümmeln oder schlaff im Arbeitsstuhl hängen. Nicht nur der moderne Büromensch verbringt sein Dasein in sitzender Unbeweglichkeit, sondern immer mehr auch Kinder und Jugendliche.

Dabei ist der Mensch gar nicht zum Sitzen gebaut. Auf jedem Stuhl müsste die Warnung stehen: «Sitzen kann Ihre Gesundheit gefährden.» Tatsächlich gehen Fachleute davon aus, dass sich 20 bis 30 Prozent der Jugendlichen durch eine schlechte Körperhaltung Rückenprobleme einhandeln.

Schon acht- bis zehnjährige Schülerinnen und Schüler verharren bis zu acht Stunden pro Tag in einer Sitzposition. Kan Min, Orthopäde an der Zürcher Universitätsklinik Balgrist, sagt: «Problematisch ist vor allem, dass viele Kinder nach der Schule oft noch am Laptop sitzen und so Hausaufgaben machen.» 70 bis 80 Prozent der Menschen leiden irgendwann im Leben unter Rückenschmerzen und Problemen des Bewegungsapparats. Für Dieter Schmitter, Ergonom bei der Unfallversicherungsanstalt Suva, ist deshalb klar: «Wenn wir dagegen etwas tun wollen, müssen wir schon bei den Kindern und Jugendlichen anfangen.»

Sitzen an und für sich muss nicht zwingend zu Problemen führen, so der Suva-Experte. «Tatsache ist aber, dass viele Junge eine schlechte Haltung einnehmen, weil sie völlig falsches Mobiliar haben.» Die Bedeutung eines ergonomisch gestalteten Schülerarbeitsplatzes sei noch viel zu wenig bekannt.

Aus Unwissenheit oder des Geldes wegen lassen es viele Familien bei der einfachsten Variante bewenden – für die Kinder ist gerade mal der billigste Stuhl im Haus und der alte Küchentisch gut genug. «Doch bei Schreibtisch und Stuhl zu sparen», so Dieter Schmitter, «ist definitiv falsch.»

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Wer gute Qualität will, muss für Tisch und Stuhl mit Investitionen von etwa 500 bis 1000 Franken rechnen. Doch Kaufen ist nur das eine. Mindestens ebenso wichtig ist es, das Mobiliar anschliessend richtig einzurichten – Tipps dazu finden Sie nachfolgend.


Die kluge Kombination

Tisch und Stuhl sollten grundsätzlich aufeinander abgestimmt werden. Besonders wichtig ist die Höhenverstellbarkeit, und zwar von beiden.

Richtig bemessene Höhe und Fläche
Die Einstellung der Stuhlhöhe ist dann richtig, wenn die Oberschenkel waagrecht oder leicht nach vorn abfallend sind; der Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel beträgt etwas mehr als 90 Grad. Beide Füsse sollten vollständig den Boden berühren. Die Sitzfläche muss die passende Grösse aufweisen. Zwischen Stuhlkante und Kniekehle sollte ein zwei Finger breiter Freiraum liegen, um die Gefahr eines Blutstaus zu verhindern.

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Rundum beweglich für dynamisches Sitzen
Experten empfehlen das dynamische Sitzen beziehungsweise das Sitzen in Bewegung. Das heisst: Die Rückenlehne muss beweglich sein und den Bewegungen des Rückens folgen, wenn sich das Kind nach vorn oder hinten neigt. Die Rückenlehne muss über einen guten sogenannten Lendenbausch verfügen, der den unteren Teil des Rückens stützt. Entspannend ist ein häufiger Wechsel der Sitzposition.

Ein Kind soll «verspielt» sitzen
Wenn Eltern ihre Kinder ermahnen, bei der Schularbeit nicht dauernd herumzuzappeln, ist das ein schlechter Rat – bewegtes Sitzen ist ja gerade anzustreben. Aber bitte keine unrealis­tischen Ideen: Ein pubertierender Junge wird sich daheim kaum mit Rückenübungen ertüch­tigen. Wenn schon, sollten Kinder Spielraum haben, spielerisch mit dem Mobiliar umzugehen: Warum nicht mal seitwärts oder verkehrt­herum auf den Stuhl sitzen? Da braucht es meist auch keine Armlehnen.

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Wichtig: Anpassbare Höhe
Auch der Tisch sollte höhenverstellbar sein. Am besten prüft man zwei- bis dreimal jährlich, ob das Mobiliar zur aktuellen Körpergrösse passt. Wenn die Füsse ganz am Boden sind, die Schultern locker hängen und Ober- und Unterarm einen 90-Grad-Winkel bilden, sollte der Ellbogen auf der Höhe der Tischkante sein.

Verschieden teure Systeme
Höhenverstellbare Tische müssen nicht un­bedingt teurer sein. Am günstigsten ist in der Regel ein System, das sich über einen Loch­raster im Tischbein und mit Schrauben variieren lässt. Komfortabler und teurer sind Varianten mit einer mechanischen Kurbel oder sogar mit einem elektrischen Motor. Die Anpassbarkeit verlängert die Lebensdauer des Mobiliars, weil es mit dem Wachstum der Kinder Schritt halten kann. Insofern rechtfertigen sich höhere Investitionen am Anfang.

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Improvisieren tuts auch
Um einen höhenverstellbaren Tisch selbst zu bauen, braucht es überdurchschnittliches handwerkliches Geschick. Die Eltern können sich auch so helfen: Mit Holzklötzen unter den Tischbeinen lässt sich die Arbeitsfläche erhöhen.

Tischfläche: Neigbar und genügend gross
Ein weiteres Kriterium ist die Beweglichkeit der Tischplatte. Empfehlenswert ist ein Neigungswinkel von 8 bis 16 Grad. Das verleiht dem Kind nicht nur ein angenehmes Gefühl von Übersicht, sondern ist ideal zum Lesen, Schreiben oder Zeichnen. Die Tischfläche muss ausreichend bemessen sein: Zu empfehlen sind ungefähr 120 mal 90 Zentimeter.


Tageslicht am besten von der Seite
Das Licht im Raum sollte hell genug sein, damit das Lesen angenehm ist. Zugleich darf es nicht zu hell sein, damit die Inhalte auf einem Laptop oder Computerbildschirm gut sichtbar bleiben. Den Schreibtisch stellt man am besten so auf, dass die Schulter zum Fenster gerichtet ist – so dass das Tageslicht weder in die Augen noch in den Rücken fällt. Lampen dürfen nicht blenden und keine störenden Reflexionen auf dem Bildschirm hervorrufen. Weil die Helligkeit des Tageslichts oft schwankt, braucht es in jedem Fall eine gute Arbeitsplatzleuchte. Sie sollte direkt auf dem Schreibtisch platziert sein.

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Laptop: Bitte mit Zusatztastatur und -maus
Sofern das Kind bereits häufig am Computer oder Laptop arbeitet, muss vor allem auf gute Lesbarkeit am Bildschirm geachtet werden (keine zu starken Kontraste, matter Bildschirm, keine Spiegelungen). Laptops werden oft nach vorne geschoben, damit Papier und Bücher Platz haben. Um die nach vorn gebeugte Haltung zu vermeiden, braucht es unbedingt eine Zusatztastatur und eine Zusatzmaus zum Laptop.


Ablagen für Arbeitsmaterial müssen sein
Der beste Arbeitsplatz nützt nichts, wenn er in einem Chaos von Heften, Büchern oder herumliegenden Kleidern versinkt. Vor allem Schüler höherer Klassen müssen in grösse­rem Umfang Arbeitsmaterial ablegen und organisieren können. Da sind Ablagen für Ordner, Zeitschriftenboxen oder Hänge­register höchst willkommen.


Zeitlos ist viel besser als bunt
Wer Möbel für Kinder und Jugendliche kauft, sieht sich mit einer grossen Design- und Ausrüstungsoffensive konfrontiert. Doch längerfristig fährt man mit Kindermöbeln, die neutral und zeitlos gestaltet sind, besser. Kindermöbel geben auch ohne knallige Farbeffekte und Blinklichter eine Kulisse für die Spiel- und Phantasiewelt der Kinder ab – und wenn sie einmal grösser sind, muss Winnie the Pooh ohnehin wieder raus. Das spricht für Tisch und Stuhl, die neutral und schlicht gehalten sind. Umso mehr zählt, dass das Material robust ist, keine Verletzungsrisiken birgt und leicht zu reinigen ist.

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Unterlagen

Suva-Broschüren über Arbeiten am Bildschirm können Sie im Internet unter www.suva.ch/waswo bestellen (Stichwort «Ergonomie am Bildschirmarbeitsplatz») oder unter Telefon 0848 820 820.