Beobachter: Krippenkinder sind längerfristig nicht besser in der Schule. Überrascht Sie das?
Andrea Lanfranchi: Überrascht bin ich schon. Wir haben vor sieben Jahren festgestellt, dass Kinder, die in der Phase der Einschulung eine Krippe besuchen, in der Schule Vorteile geniessen. Wir hätten erwartet, dass sich diese Vorteile bis in die Oberstufe feststellen lassen. Unsere neue Studie zeigt nun, dass das nicht so ist. Denn beim Übergang in die Ober­stufe spielen andere Faktoren eine wichtigere Rolle als der frühere Krippenbesuch.

Beobachter: Ein Hauptargument der Krippen­befürworter – Krippen als Bildungs­institutionen – ist jetzt entkräftet.
Lanfranchi: Eben nicht! Wir vermuten, dass die Krippen, die die Kinder aus unserer Studie besucht haben, nur teilweise Bildungs­insti­tu­tionen und vorwiegend Be­treuungsplatz waren.

Beobachter: Was macht denn den Schulerfolg aus?
Lanfranchi: Schulerfolg hat sehr stark mit dem Bildungshintergrund der Eltern zu tun und mit der Frage, was die Eltern von ihrem Kind in Bezug auf seine Lernkarriere erwarten. In unserer Studie, statistisch ausgedrückt: Wenn die Eltern mehr als einen Sekundarschul- oder Lehrabschluss für ihr Kind anstreben, hat es eine zwölfmal höhere Wahrscheinlichkeit, in der Schu­le erfolgreich zu sein. Aber auch die Freizeitaktivitäten, wie der regelmässige Besuch einer Jugend-, Musik- oder Sport­gruppe, stehen gemäss unseren Ergebnissen in einem engen Zusammenhang mit dem Schulerfolg.

Beobachter: Aus Ihren Ergebnissen schliessen Sie, die familienergänzende Kinder­betreuung müsse besser werden. Wäre es nicht sinnvoller, die Bemühungen in der Schule zu intensivieren?
Lanfranchi: Das eine schliesst das andere nicht aus. Tatsache ist: Die Schweiz macht heute sehr viel während der obligatorischen Schule. Die Sonderpädagogik verschlingt sehr viel Geld, und das seit vielen Jahren, ohne dass sich bei Kindern aus bildungsbenachteiligten Familien viel ändert. Wir machen aber viel zu wenig in der Zeit vor und nach der obligatorischen Schule.

Beobachter: Stehen Sie nach wie vor zum Krippenbesuch?
Lanfranchi: Und wie! Aber: Der Krippen­besuch wird wohl für viele Kinder nicht genügen. Da waren wir reichlich naiv mit unserem Glauben an die Kindertagesstätten als Allheilmittel für die Chancengleichheit. Der Krippenbesuch allein ist wohl keine Garantie für die Kompensation von Entwicklungsproblemen. Nach dem heutigen Wissen muss man bei Kindern aus Familien in Risikosituationen – Armut, Sucht, tiefes Bildungsniveau, sozialer Rückzug – mit Möglichkeiten der frühen Förderung sehr früh und intensiv ansetzen, eigentlich schon nach der Geburt.

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Andrea Lanfranchi, 52, ist Psychologe FSP, Dozent und Forscher an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich sowie Lehrtherapeut und Supervisor beim Ausbildungsinstitut Meilen, Systemische Therapie und Beratung.

Studie: Frühe Hilfe

Gleich nach der Geburt des Kindes unterstützen speziell ausgebildete Mütterberaterinnen Familien mit Hausbesuchen: Das ist das Prinzip hinter einer neuen Studie, die von einem Team um Andrea Lanfranchi durchgeführt wird. Davon erwarte er einen viel stärkeren Effekt als durch die Fördermassnahmen, die erst mit etwa drei oder vier Jahren beginnen, sagt Lanfranchi.

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