«Frau Koma kommt.» Diese Durchsage hallte letzte Woche durch die Gänge der Albertville-Realschule im deutschen Winnenden. Es war der vereinbarte Code für den Fall eines Amoklaufs. Mehrere Lehrkräfte verriegelten dann die Türen und verschanzten sich mit den Schülern im Klassenzimmer. Alarmieren und Verbarrikadieren – diese simplen und billigen Massnahmen verhinderten in Winnenden noch grösseres Leid.

Schweizer Schulen hingegen sind auf einen Amoklauf kaum vorbereitet. Im Leitfaden für Krisensituationen der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) kommen die Begriffe Amoklauf oder Schulmassaker nicht einmal vor. Ziel der «Krisenintervention» sei «in erster Linie, einen gesunden Trauerprozess in Gang zu bringen» und «die Normalität im Tagesablauf der Schule baldmöglichst wieder herzustellen».

Auf dem Schweizerischen Bildungsserver Educa.ch findet sich zwar die Rubrik «Gewalt in der Schule», sie befasst sich aber nur mit Ursachen und Prävention von Gewalt. Wie man sich bei einem Amoklauf verhalten soll, ist keine Zeile wert.

Hilflose Vorsorgemassnahmen

Die meisten Kantone schieben die Verantwortung an die einzelnen Schulleitungen ab. Sie seien für Notfallkonzepte zuständig.

Doch auch sie sehen für Amokläufe nichts Konkretes vor, sondern haben nur hilflos anmutende Präventionsmassnahmen erarbeitet wie zum Beispiel «Respekt lehren». Selbst im Kanton St. Gallen, wo im Dezember eine Berufsschule wegen einer Amokwarnung geräumt werden musste, ist das nicht anders.

Einige Schulen verfügen über Checklisten, um mögliche Amokläufer zu erkennen, und geben Anleitungen, wie nach dem Eintreffen der Rettungskräfte zu verfahren ist. Für die entscheidenden Minuten während des Massakers selbst besteht kein Plan.

Zusammen mit der internationalen Fachstelle für Gewaltprävention Edyoucare erarbeitet der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) derzeit ein Handbuch für Gewaltprävention, Krisenintervention und Trauerbegleitung. Es soll Lehrkräften helfen, «im Ernstfall handlungsfähig zu sein». Das tut es bisher nicht: Schulmassaker sind erneut kein Thema. LCH-Zentralpräsident Beat Zemp sieht das Versäumnis: «Man kann nicht darauf zählen, dass so etwas hier nie passiert.» Nun wolle man das Buch entsprechend ergänzen.

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