Schulmädchen-Report

Primarschule 1982 bis 1988 in Siebnen SZ

Leben heisst fernsehen: Man schaut hi­naus in eine fremde Welt. Und was man sieht, lenkt ab vom eigenen Dasein. Hin und wieder steht man jedoch vor einem Spiegel. Etwa beim Zähneputzen. Dann schaut man sich in die Augen und denkt, stets aufs Neue überrascht: Das bin al­so ich. Und man fragt sich: Wie ist es nur so weit gekommen? Oder: Was wäre, wenn… zum Beispiel dieses hübsche Mädchen damals nicht an unserer Schule aufgetaucht wäre?

Ich kann mich noch genau an jenen ersten Tag nach den Sommerferien erinnern. Es war ein schöner Tag. Und er sollte mein Leben nachhaltig verändern.

Patricias Ankunft war uns bereits Wochen zuvor prophezeit worden. Wir waren alle sehr gespannt auf die neue Mitschülerin. Woher kommt sie? Was macht sie? Und vor allem: Wie sieht sie aus? Beziehungsweise: Sie ist doch wohl nicht grösser als ich? Sie war es nicht. Sie war hübsch. Sie war nett. Und sie war blond. Die Knie wurden schwach, und die Stimme fiepte peinlich, als ich ihr im Gang erstmals gegenüberstand. «Ich bin Sven», sagte ich. «Ich bin Patricia», sagte sie. Von diesem Moment an waren wir unzertrennlich.

Ja, Patricia wurde meine grosse Liebe. Sie hat es leider nie erfahren. Denn eines ­Tages – noch kein Jahr war seit ihrer Ankunft vergangen – säuselte sie, wie nur sie säuseln konnte, in mein Ohr: «Du bist mein bester Freund.» Rückblickend muss ich sagen: Das wars dann. Hat man mal dieses Prädikat, kann Mann das mit der Liebelei vergessen.

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In jenem Moment erschloss sich mir die wahre Bedeutung dieser romantischen, aber leider platonischen fünf Worte nicht. Im Gegenteil: Sie machten Lust auf mehr. Also gab ich mir Mühe, ein besonders guter «bester Freund» zu sein. Man weiss ja nie. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich liess mir die Haare wachsen, als sie Jungs mit langen Haaren mochte. Und ich schnitt sie mir ab, als sie ihre Meinung änderte. Ich hörte U2 wie sie, ich fuhr einen Ciao wie sie – und ich begann zu lernen für sie. Denn Patricia wollte mal ans Gymnasium. Ich also auch, war ja klar – auch wenn ich bis dahin noch nicht mal den Karl May in die Finger genommen hatte, der im Wohnzimmer über die Jahre Staub fing.

Ich glaube, meine Mutter war ziemlich überrascht über meinen unverhofften Sinneswandel. Nicht, dass ich dumm gewesen wäre. Aber auch sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass mal ein Mädchen das Triumvirat von Fussball, Freun­den und Fernsehen sprengen würde. Und nun begann ihr Sohn plötzlich freiwillig für die Gymiprüfung zu büffeln. Natürlich mit Patricia – und mit Erfolg.

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Und so kams, dass aus dem Sven aus bildungsfernem fami­liärem Hintergrund Sven der Gymnasiast wurde. «Ein Intellektueller», wie ich mir später an so einigen Familienfesten anhören musste. Pah! Was heisst hier intellektuell? Ich habe mich schlicht und einfach im richtigen Moment in die falsche Frau verliebt.

Sven Broder

Quelle: private Aufnahme

Daniel Benz

Quelle: private Aufnahme
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Filmszenen aus einer verruchten Zeit

Gymnasium 1979 bis 1984 in Zürich

Unten in der Tiefgarage, wo wir damals unsere Töffli parkierten, fällt der Blick unwillkürlich aufs Tor, das zum Nachbargebäude führt. «Frischfleisch», raunten wir uns jeweils zu, wenn wieder eine Leiche hinüber in die Rechtsmedizin gefahren wurde; man kennt das ja aus den Fernsehkrimis. Der Gütertransport war recht stetig, und vielleicht hielt sich deshalb während der ganzen Schulzeit die Mär, dass «dort drüben Leichen waschen» der lukrativste Ferienjob für Studenten war. Ob je einer von uns eine Leiche gewaschen hat?

Verrückt: Das erste Mal seit 25 Jahren gehe ich wieder den Weg zu meiner Schule, und all die Geschichten und Bilder von früher sind sofort wieder da, als liesse jemand einen alten Film laufen. Sequenzen der Reprise:

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Die Sprayer haben den Kampf gegen die Wegputzer und Übermaler verloren. An der endlos langen Betonwand des Turnhallentrakts jedenfalls: reines Grau. Hierhin haben wir in bewegten Zeiten «Züri brännt» geschrieben, gross und rot. Damals wollten wir alles, und zwar subito. Ausser lernen.

In meiner Schule ist überhaupt fast alles grau geblieben. Graue Gänge, graue Wände, grauer Teppich. Nur die Spinde, die sind grau-blau. Meiner war die Nummer 425. Wenn man von schräg oben genau hinsieht, erkennt man auf Tritthöhe noch eine Delle. Da war ich mal ein bisschen wütend.

Der Zwischenboden im vorderen Treppenaufgang: Hier spielte die Schlüsselszene des Films, den wir tatsächlich gedreht haben – schwarzweiss; also grau – und der es bis an die Solothurner Filmtage geschafft hat. Ich hatte einen Kurzauftritt: als Leiche. (Herrgott, was habe ich bloss mit den Leichen!)

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Das absonderliche Verbotsschild bei den Turnhallen ist noch niemandem zu blöd geworden: «Eintritt mit Schuhen verboten». Da es barfuss auch nicht erlaubt ist, fragt man sich bis heute: womit denn?

Vor dem Eingang noch eine Merkwürdigkeit meiner Schule, die offenbar unzerstörbar ist: lockeres Wäldchen, mittendrin ein Hügel mit einer Rundbank. Dort trifft man sich, um Dinge zu tun, die geheim bleiben sollen – dabei ist man auf dem Hügel ausgestellt wie sonst nirgends. Auch jetzt sitzen wieder zwei ganz nahe beisammen. Gleich werden sie sich küssen. Oder sie kiffen eins.

In der Tiefgarage, das habe ich inzwischen herausgefunden, gibt es übrigens keine Leichentransporte mehr. Denn wo einst die Rechtsmedizin war, wird heute am Romanischen Seminar edle Lehre erteilt. War halt alles etwas verruchter damals.

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Der Lehrer mit den Geisterhäusern

Primarschule 1980 bis 1986 in Rabius GR

Wie oft war ich schon auf Guantánamo! Ich kenne die Bucht wie mein eigenes Bett. Links die Steinbrocken, rechter Hand ein Wald aus jungen Erlen, dazwischen ein Sandstrand. Jedes Mal, wenn draussen die Sonne schien und mein Lehrer wie so häufig keine Lust zum Unterrichten hatte, stellte er sich vor uns Erstklässler hin und verkündete: «Auf nach Guantánamo!» Und so marschierten wir runter zum Rhein, der dort, wo ich herkomme, fast noch ein Bach ist, mit vielen Sandbänken. Eine davon, die grösste, nannte mein Lehrer Guantánamo. Erst jetzt, als Erwachsene, frage ich mich, warum eigentlich. Als Kind interessierten mich nur die Schlammschlachten, die wir uns dort unten lieferten und die mich glücklich machten, weil sie mir das Gefühl gaben, wild und verwegen zu sein.

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Mein Lehrer war ein Dorforiginal. Für viele wohl ein schwarzes Schaf. Ein trauriger Gaukler, der noch bei seiner Mutter lebte und nachts bei Vollmond schlafwandelnd mit seinem Traktor durchs Dorf knatterte, den Leuten den Schlaf verdarb.

Wir Kinder liebten ihn und bettelten ständig um Einlass in sein phantastisches Universum. Durch seine Augen betrachtet, wurde unser helles, heiles Dorf zum mysteriösen Kosmos voller Geisterhäuser, Meeresufer, Buschfeuer und vom Himmel niederprasselnder Giftfrösche. Meist gab er unserem Betteln nach. Das Klassenzimmer sah ich in meinem ersten Schuljahr selten von innen. An seinen schlechten Tagen aber schrie er uns an, warf seinen Schlüsselbund und seine Schuhe nach uns. So war mein Lehrer: unberechenbar und jähzornig, wie alle Träumer, denen das Pflichtbewusstsein quälend im Nacken hockt.

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Heute sind Lehrer anders, stelle ich mir vor. Weniger mondsüchtig. Weniger Kind. Statt Schlammschlachten bringen sie den Erstklässlern vernünftige Dinge bei. Viele fragen sich jetzt vielleicht, was ich denn in meinem ersten Schuljahr überhaupt gelernt habe. Bei so einem Träumer. Diese Frage kann ich ganz genau beantworten: Wenn ich auf einem Berggipfel stehe und es weht ein kräftiger Wind, dann breite ich die Arme aus, stelle mich in den Sturm und fühle mich unbesiegbar. So machte es mein Lehrer immer. Es ist ein gutes Gefühl.

Yvonne Staat

Quelle: private Aufnahme
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Iwon Blum

Quelle: private Aufnahme

Das Abc des Schreckens

Primarschule 1978 bis 1984 in Zürich

Die waren brutal in der Überzahl – 26 gegen eins: Kein Wunder, dass ich überfordert war. Bis ich acht war, konnte ich mit unseren 26 Buchstaben nichts anfangen. Sehr zur Belustigung anderer Kinder. Irgendwie hatte ich den richtigen Zeitpunkt verpasst, und plötzlich konnten alle in meiner Klasse lesen, nur ich nicht. Doch ich wurde lieber ausgelacht, als mich der Sache zu stellen – meine Mutter sagt, ich sei schon als sture Nuss auf die Welt gekommen.

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Wenn im Unterricht Lesen und Schreiben anstand, schloss ich einfach die Augen und hoffte, übersehen zu werden. Leider meist umsonst. Und so wurde ich damals oft vor die Tür geschickt mit dem erzieherischen Zweck, mich zu beschämen, weil ich mich wieder mal «geweigert» hatte, laut vorzulesen. Da diese pädagogische Massnahme mein Misstrauen gegenüber Buchstaben auch nicht wirklich milderte, verpetzte mich meine verzweifelte Lehrerin irgendwann bei meinen Eltern und stellte in Aussicht, dass ihre Tochter die zweite Primarklasse wiederholen müsse, wenn sie nicht endlich lesen und schreiben lerne. Meine Eltern fanden das gar nicht lustig.

Sie stellten mir denn auch eine Aufgabe, die wenig Spielraum für Interpretationen liess: «Du bleibst jetzt ein Wochenende lang in deinem Zimmer und lernst das Alphabet. Wenn du Montag früh immer noch nicht lesen kannst, geben wir dich zur Adoption frei.» Ein geknicktes Ich wurde also mit allerlei didaktischem Material in mein Zimmer geschickt.

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Darunter war auch eine Videokassette der TV-Sendung «Sesamstrasse». Da sang so ein grosser gelber Vogel ein fröhliches Lied mit recht wenig Text, und der ging so: «Abce-defghi-jotkel-menopqueres-tu-vauwex-ypsilonzett – das ist das ganze Alphabet.» Als ich kapierte, dass das wirklich das ganze Abc in einer Schnur war, wurde alles ganz einfach: Statt 26 Buchstaben musste ich nur noch ein einziges Wort lernen – prima Abkürzung. Ich hörte mir das Lied also zirka 1837-mal an, sang lauthals mit und siehe: Danach konnte ich das Abc aufsagen. Wenn ich mal stockte, musste ich mir nur innerlich das Lied vorsingen. Ich wurde jedenfalls nicht zur Adoption freigegeben.

Ein paar Jahre später hatte ich mit knapp 20 meinen ersten Job bei einer Zeitung: Korrektorin. Seither verdiene ich mein Geld damit, Buchstaben zu sagen, was sie zu tun haben. Wir mögen uns inzwischen eigentlich ganz gut – wir sind quasi 27 lustige Freunde. Und wenn ich zwischendurch bei der Reihenfolge im Abc durcheinandergerate, singe ich mir noch immer das Lied des gelben Vogels vor. Aber nur ganz leise.

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Wilde Tiere im Zimmer

Primarschule 1972 bis 1978 in Winterthur

Nach den Sommerferien mussten wir häufig ein paar Stunden auf unsere Primarlehrerin warten. Sie kehrte aus Afrika zurück, und ihr Flug war meistens verspätet, schon damals in den siebziger Jahren. Wenn sie dann da war, brachte sie allerlei mit: Schmuck – keine billigen Klunker –, Holzfiguren, Schnitzereien und vor allem Tausende von Dias, die sie auf ihrer Safari-Reise geschossen hatte. In den Wochen nach den grossen Ferien nahm sie uns dann mit auf Safari. Die Rollläden wurden heruntergekurbelt, die Diashow begann: Wir pirschten uns von hinten an eine grasende Antilopenherde heran, schauten von weitem einem Nashorn zu, das sich schützend vor sein Baby stellte. Unbemerkt stellten wir uns neben Elefanten, die an einem Wasserloch ihre Rüssel füllten. Oder wir spähten aus sicherer Entfernung zu einer Löwenfamilie hinüber, die im Schatten eines Baums vor sich hin döste.

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Während unserer Afrikareise blieb keine Zeit für Rechnen oder Lesen. Wir Schüler waren froh darüber, und die Schulleitung hatte offensichtlich auch nichts dagegen. Damals war die Schule eben noch frei von Pisa, Bologna, Harmos und Elternrat.

Michael Krampf

Quelle: private Aufnahme

Markus Föhn

Quelle: private Aufnahme
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Dem Frieden und der Brille zuliebe

Primarschule 1985 bis 1991 in Kriens LU

Von Raufereien habe ich mich immer ferngehalten. Wie alle Jungs in der Klasse mochte ich zwar die Filme, in denen Bud Spencer mit spielerischer Leichtigkeit Dutzende von Ganoven verdrosch, doch ich verdrückte mich, sobald sich meine Klassenkameraden in den Pausen zusammenrotteten, um die schönsten Szenen nachzuspielen. Zum einen war ich zu schmächtig, als dass ich mit einem gewissen Erfolg hätte mittun können. Zum anderen trug ich schon in der Primarschule eine Brille. Sie war gross, unförmig und zerbrechlich. Und – so schärften mir meine Eltern ein – viel zu teuer, um damit eine Prügelei zu riskieren.

Ich umging in den Pausen also sämtliche Handgemenge – und fand mich dennoch regelmässig wieder, wie ich mit dröhnendem Kopf den Pausenplatz nach den Überresten meiner Brille absuchte. Mit beeindruckender Zielsicherheit führte ich sie nämlich immer wieder in die Fluglinie von Fussbällen, Tennisbällen oder auch Schultheks, die jemand aus Spass gerade herumschmiss.

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Höhepunkt war jener Treffer auf dem Fussballplatz in einer Zehn-Uhr-Pause in der fünften Klasse: Geschossähnlich traf mich ein Ball aus der anderen Platzhälfte am Hinterkopf, als ich mich gerade zum eigenen Torwart umgewandt hatte. Mir wurde augenblicklich schwarz vor Augen, ich ging zu Boden, die Brille sprang davon, und als ich wieder zu mir kam, lag auf mir der Klassenclown und redete etwas von Mund-zu-Mund-Beatmung.

Ruhigeres Terrain schien die Pausenplatz-Ecke mit den Tischtennistischen zu sein. Wir spielten dort häufig ein Spiel namens «Rundlauf» – so etwas wie Pingpong, einfach ohne Schläger, dafür mit einem Tennisball und einer Horde Kinder, die alle um den Tisch rannten und ausschieden, wenn sie den Ball nicht erwischten. Ich war recht gut in dem Spiel, die Brille nie in Gefahr. Dafür kugelte ich mir irgendwann den Knöchel aus. Die Sache entpuppte sich als ziemlich übel. Ich trug mehrere Wochen einen Gips, und als ihn der Kinderarzt endlich entfernte, sägte er mir mit seiner Gipssäge auch noch in den Fuss. Zumindest dies wäre mir erspart geblieben, hätte ich mich mehr geprügelt.

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Die Pausenplatz-Lektionen

Ganze Schulzeit 1981 bis 1994 in Wohlen AG

Am 26. April 1984 wurde ich zur Heldin des Pausenplatzes: In der letzten Sekunde bevor die Schulglocke klingelte, dribbelte ich an Giusi vorbei und schoss das entscheidende Tor. Giusi war gross, stark, zwei Jahre älter als wir und gefürchteter Fussballgegner aus der Parallelklasse.

Ich platzte fast vor Stolz, jubelnd trugen meine Gspäändli mich ins Schulzimmer zurück. Endlich hatte ich mein Talent bewiesen, und prompt luden mich die Jungs zum nächsten Klassenmatch am Mittwochnachmittag ein. Wie lange hatte ich darauf gewartet! Doch nach einer Stunde auf dem Feld ohne Ballkontakt merkte ich, dass die wenigen aufgebotenen Mädchen gar nicht zum Spielen hier waren.

Nach einem weiteren Nachmittag im strömenden Regen entschied ich, dass Fussballluder keine Zukunftsperspektive für mich sei – und wandte mich wieder den Legosteinen zu. Eine frühe Form von Emanzipation. Und ein Fehler.

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Denn die Pausenspiele gingen fortan ohne mich weiter. In der Oberstufe bestanden sie darin, auf dem Pausenplatz hin- und herzugehen. Wer mit wem wie lange spazierte, darauf kam es an. Es versteht sich von selbst, dass einstige Helden der Unterstufe und ihre Mädchen die besseren Chancen hatten, mit den «richtigen» Leuten zu verkehren. Wäre man nicht pubertär gestört gewesen, hätte man es vielleicht mit etwas Charme und manipulativem Geschick noch in höhere Ränge schaffen können.

Doch am Gymi war die Sache endgültig gelaufen. Die soziale Rangordnung wurde nun hauptsächlich ausserhalb des Schulareals festgelegt: Wer hat mit wem an welcher Party, war die zentrale Frage unter denjenigen, die es schon bei den Pausenplatz-Märschen zu Ansehen gebracht hatten. Und so lernte ich in der Schule vor allem eines: Die wirklich wichtigen Informationen stehen nicht an der Wandtafel – fürs Leben lernt man in der Pause.

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Conny Schmid

Quelle: private Aufnahme

Das Geheimnis der Lehrer

Gymnasium 1971 bis 1980 in Hessen

Einfach ist es mit Axel: inzwischen Arbeitgeber, Mercedes S-Klasse, einer der Honoratioren der Stadt. Seit der 5c trägt er Jeansjacke, egal ob Juli oder Januar. Rainer boxt beim Klassentreffen alle zur Begrüssung in den Oberarm – wie damals. Selbst Klemens, obwohl nun kahlköpfig, gibt keine Rätsel auf. Er sieht jetzt aus wie sein Vater. Na, wer sagts denn: Ein aufmerksamer Beobachter erkennt doch seine Pappenheimer! Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Abitur, auch wenn sie wirklich nicht mehr die Jüngsten sind. Bei einigen Typen könnte ich jedoch schwören: noch nie gesehen. Aber wenn die sich im Klassentreffen irren, ist das nicht mein Problem.

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Sicher ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die anderen älter werden, man selbst aber irgendwie jung bleibt. Und wie zum Beweis begrüsst mich Martin mit: «Hey Kumpel, du siehst ja noch genauso aus wie damals!» Gut, vielleicht war das nur Höflichkeit.

Um also auf der sicheren Seite zu sein, füllte ich kürzlich im Internet einen Test aus, der mein «biologisches Alter» misst. Das Ergebnis: Ich bin 1,8 Jahre jünger, als ich bin. Nicht grandios. Aber wenn ich den Test wiederhole, sehe ich bei den Antworten zum Verzehr von Wurstwaren (seltener) und zum Sport (öfter) Potential zum Nachbessern. Drei Jahre jünger als im Pass – das sollte drinliegen. Vom gefühlten Alter will ich gar nicht anfangen.

Lehrer, die für mich als Schüler als «noch jung» durchgehen wollten, mussten deutlich unter 30 sein und lockerer auftreten als ihre alten Kollegen. Das waren solche, die vielleicht schon 40 waren. Also irgendwas kurz vor der Zahl Unendlich.

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Nun waren zum Klassentreffen auch einige Lehrer gekommen. Anders als unsereins schienen sie immun gegen die Zeit. Hoffmann zum Beispiel sah immer noch aus wie: Herr Dr. Hoffmann, karierte Jacke, Chemie und Biologie, Respektsperson. Sollte er als Fachmann herausgefunden haben, wie man die Biologie austrickst?

Aber offenkundig hatten das auch Nichtbiologen drauf. Etwa Frau Dr. Falkenstein, Englisch und Französisch, Respektsperson (seitdem sie mir eine Ohrfeige androhte, die es «en français!» abzuwenden galt) – auch sie wirkte real nicht älter als in meiner Erinnerung. Ein Blick in die Lehrerrunde bewies: Die beiden waren nicht die einzigen Junggebliebenen.

Vielleicht hätte man also doch Lehrer werden sollen. Oder wenigstens in Biologie besser aufpassen.

Matthias Pflume (rechts)

Quelle: private Aufnahme
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