«Das Überziehen des Kondoms ist wie eine Standardsituation beim Fussball. Stehende Bälle muss man üben», sagt Bruno Wermuth. Die Jungs kichern, der Vergleich leuchtet ein – wer will denn schon beim Penalty versagen? Der Einstieg ist gelungen.

Ohne Scham greifen sich die Buben einen Holzdildo und rollen unter Anleitung des Sexualpädagogen einen Gummi drüber. Und weil die Übung die reale Situation nicht ersetzt, schenkt ihnen Wermuth ein zweites Kondom, damit sie zu Hause für den Final üben können. «Stellt euch vor: Es ist das erste Mal, die Freundin wartet – da müsst ihr vorbereitet sein», sagt er.

Huttwil, ein grosses Dorf zwischen Emmental, Oberaargau und Luzerner Hinterland. Auch hier tragen die Mädchen knappe T-Shirts und die Jungs die Hosen in den Kniekehlen. Er stelle keinen Unterschied zwischen Stadt und Land fest, sagt Wermuth. Höchstens, dass die Kids hier noch etwas echter seien. Hier dürfe einer zeigen, wenn ihm etwas peinlich sei.

Bruno Wermuth ist Mitarbeiter des Fachbereichs Sexualpädagogik der Stiftung Berner Gesundheit, die im Auftrag des Kantons Sexualkunde unterrichtet. Er ist ein Reisender in Sachen Sex. Was der Zahntante das Gebiss, ist ihm der Holzdildo. Heute ist er zu Besuch bei der achten Klasse der Sekundarschule Hofmatt. Es ist eine heikle Mission. Die Sexualisierung des Alltags durch die Medien hat den Dialog über die alltägliche Sexualität nicht eben gefördert.

Erröten beim Wort «Orgasmus»
«Gebt ihr euch eigentlich Mühe mit den Mädchen?», fragt Wermuth. «Nöh», meint einer. «Pfft», macht ein anderer. «Nützt nichts», sagt ein dritter. «Warum sind Mädchen so kompliziert?», fragt einer zurück.

Moderne Sexualkunde – das ist keineswegs nur die Gumminummer. Das Themenspektrum umfasst Fragen zum männlichen Körper, zu Liebe und Sex, zu Homosexualität, Prostitution und Onanie. Diffizile Themen, die auf jedem Pausenhof lauthals erörtert werden – im Schulzimmer aber wecken sie Irritation. Zu Beginn des Sexualunterrichts bekommen einige schon beim Wort «Orgasmus» rote Ohren.

«Ist es wichtig, wie lang der Penis ist?», fragt Bruno Wermuth. «Nein, sie sieht ihn ja gar nicht», antwortet einer schlagfertig. Der Applaus der Runde ist ihm sicher. «Aber irgendwann musst du die Hose runterlassen», hakt Wermuth nach. «Ja, aber wenn es schon so weit gekommen ist, sollte es keine Rolle mehr spielen», so der Schüler.

Die Länge des Penis ist der Dauerbrenner bei den Buben, wie überhaupt
die Fragen zum männlichen Selbst- und Rollenverständnis. Das zeigt sich auch bei den Fragen in der Internetberatung www.tschau.ch, für dessen Sexrubrik Wermuth ebenfalls arbeitet. Jede fünfte Frage kreist um den Stolz der Männlichkeit. «Jeder hat ein bisschen ein Problem mit dem, was er hat», so Wermuth. Aber keiner komme darum herum, damit umzugehen zu lernen.

Die Orientierungslosigkeit bei den Jungs sei gross. Zu Hause und in der Schule erlebten sie eine von emanzipierten Frauen geprägte Welt. Auf dem Pausenplatz und in der Nachbarschaft seien sie mit Migrantenkindern konfrontiert, die zum Teil unverhohlen dem Machismo nachleben. «Gegen aussen geben sich die Jungs gerne cool und tough. In den Lektionen aber wird rasch klar, wie sehr ihnen die Räume fehlen, wo sie ihrer Irritation Ausdruck geben können», sagt Wermuth.

Zum Einstieg ein Spielchen: Dutzende von Postkarten hat der Sexualpädagoge in der Mitte des Klassenzimmers ausgebreitet. Die Bilder zeigen erotische Aufnahmen von Frauen und Männern, händchenhaltende Paare, Lederkerle, kopulierende Tiere, kuschelige Kätzchen, rote Rosen, auf einer Karte steht «Fressen, Ficken, Fernsehen», eine zeigt Handschellen. Jeder muss das Bild nehmen, das für ihn am meisten mit Sex zu tun hat, und den anderen erklären, warum. In einem sind sich die Buben einig: Liebe und Sex, das gehört zusammen. Nur der Klassenälteste hat eine «Playboy»-Karte genommen, die eine nackte Frau zeigt. «Ohne Erotik kein Sex», sagt der 15-Jährige. Auch ein Wuschelkopf stimmt nicht ein ins Lied von der Liebe. Er hat die Karte gezogen, auf der ein Hund ein Schwein besteigt. «Tiere können auch Sex haben. Für mich steht dieses Bild für die sexuelle Vielfalt», sagt er. Dann wird er rot.

Zu Beginn des Unterrichts hat Wermuth mit seiner Lerngruppe – alles Buben, die Mädchen werden von einer Frau unterrichtet – Regeln ausgemacht. Was in der Sexstunde besprochen wird, geht in der Pause nicht zu den Mädchen und auch nicht zu Hause an den Mittagstisch. Damit ist ein Rahmen geschaffen, in dem sich die Jungs sicher fühlen. «Wichtig ist, nicht nur mit Verhütungsmitteln zu hantieren, sondern eine Gesprächsebene zu schaffen, in der die Jungs ihre Fragen aussprechen können», so Wermuth. In diesem Punkt unterscheidet sich die heutige Sexualerziehung klar von derjenigen von früher. Und hier wird auch klar, weshalb heute externe Fachleute für den Sexualunterricht beigezogen werden: Wer will schon vor dem Biologielehrer über Intimes sprechen?

Sex macht neugierig, Sex macht aber auch Angst. Viele Lehrer sind froh, mit dem Angebot der Fachleute die Klippen umschiffen zu können. Das Thema Sexualität jenseits des Fortpflanzungsapparats ist auch heute noch weitgehend ein Tabu. Das zeigt sich auch daran, dass in der Schweiz keine Studien zum Jugendthema Nummer eins existieren. Denn: Was ist das überhaupt, Sexualität in der Jugend? Die Untersuchung «Smash 2002», die die Gesundheit und den Lebensstil der Schweizer 16- bis 20-Jährigen untersucht, gibt darüber nur punktuell Auskunft, und dies ausschliesslich unter den Aspekten Pubertät, Verhütung und Krankheiten.

«Sexualität ist nicht domestizierbar. Sex öffnet Abgründe», sagt Wermuth, der es als seine Aufgabe sieht, Jugendliche zu einem angstfreien Umgang mit Sexualität zu verhelfen. Jeder entscheidet selbst, was er machen will und was nicht, so seine Botschaft. Er vertritt die emanzipatorische Sexualerziehung, die Sex als eine mehrdimensionale Angelegenheit sieht, die kognitive, affektive und genitale Bedürfnisse abdeckt. Dies im Gegensatz zur repressiv-konservativen Sexualkunde, nach der Sex einzig der Fortpflanzung dient, und der verbreiteten vermittelnd-liberalen Schule, die das Interesse der Jugendlichen an Sex zwar akzeptiert, aber die Aufklärung auf die biologischen Fakten beschränkt.

«Was Sie da betreiben, ist Anleitung zur Promiskuität», meinte einmal ein empörter Vater. «Die Schule ist wie ein Kloster. Das Thema Sex wird so behandelt, als würde es nicht existieren», findet ein Schüler. Es scheint, als ob vor allem die Erwachsenen einige Lektionen in emanzipatorischer Sexualerziehung nötig hätten.