Beobachter: Pornographisches Material taucht vermehrt auf den Pausenplätzen auf. Wie schätzen Sie die Gefahr ein?
Thomas Hüni: Ich stelle fest, dass viele Schüler - auf Stufe Sekundarschule - Phantasie und Realität gut auseinanderhalten können, leider aber nicht alle. Bei einigen kann pornographisches Material gewisse Vorstellungen, zum Beispiel von Männer- und Frauenrollen, bestärken. Für mich ist die Verfügbarkeit von Pornographie aber nicht das einzige Problem.

Beobachter: Sondern?
Hüni: Mir gibt der wachsende Mangel an gewissen Erfahrungen viel mehr zu denken. Die Jugendlichen gehen heute immer weniger raus, sie haben immer weniger Raum, denn viele Erwachsene empfinden Ansammlungen von Jugendlichen als störend. So ziehen sie sich in die Innenräume zurück, und das heisst vermehrt an den Computer und vor den Fernseher. Der Konsum löst zunehmend Erlebnisse und Engagements ab. Gleichzeitig gibt es immer mehr Eltern, die sich nicht genügend für ihre Kinder interessieren, ihnen etwa Rückmeldung auf ihr Verhalten geben. Eine schlechte Entwicklung.
Beobachter: Sie unterrichten seit 27 Jahren Sexualkunde. Was hat sich auf Seiten der Jugendlichen sonst noch geändert?
Hüni: Die Jugendlichen sind offener geworden. Vor 20 Jahren hätte sich niemand getraut zu fragen, ob sein Penis zu klein sei oder wie er seiner Freundin Lust verschaffen kann. Das ist die positive Entwicklung. Problematisch hingegen ist die sichtbare Zunahme von sexuellen Übergriffen - nicht zuletzt eine Folge des zunehmen­den Konsums von Pornographie.

Beobachter: Gibt es noch weitere Veränderungen?
Hüni: Die Nachfrage nach unserem Angebot hat enorm zugenommen. Mit dem Aufkommen von HIV und Aids stieg auch der Druck, Kinder über Sexualität gut zu informieren. Seit kurzem steckt auch die Angst vor sexuellen Übergriffen dahinter.

Beobachter: Warum gestaltet sich der Unterricht in einigen Schulen trotzdem schwierig?
Hüni: Nicht jeder will mit seinem Mathelehrer über die Angst vor dem ersten Mal reden. Lehrpersonen sind Autoritäten, sie haben eine Bewertungsrolle und sollen diese auch ausüben. Das führt aber dazu, dass Jugendliche Persönliches nicht mit dem Lehrer besprechen wollen - auch die Lehrpersonen ziehen da Grenzen. Deshalb finde ich es wichtig, dass gewisse Themen externe Fachpersonen übernehmen. Zudem sollten Buben mit Männern und Mädchen mit Frauen über Sexualität reden können. Deshalb unterrichten wir stets in geschlechtergemischten Teams.

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