Kürzlich stimmten die Stimmbürger von Alpnach OW über eine neue Stelle für Schulsozialarbeit ab. Nicht alle waren damit einverstanden. Ein Leserbriefschreiber forderte als Alternative «mehr Disziplin und Autorität in den Klassenzimmern». Die Alpnacher haben dann trotzdem eine Stelle bewilligt. Provisorisch, für drei Jahre, dann wolle man weitersehen. Trotzdem sei die Frage eines weiteren Leserbriefschreibers erlaubt: «Bis heute ist es auch ohne Sozialarbeiter in der Schule gegangen! Warum ist das nun plötzlich nötig?»

In Aarau beispielsweise nimmt laut Schulpflegepräsident Martin Moor die Zahl «verhaltensauffälliger Schüler» zu. Dies äussere sich in der zunehmenden Anwendung von Gewalt (eher Knaben) und der Häufung von Mobbingfällen (eher Mädchen). In der Aarauer Grossüberbauung Telli ziehen seit Jahren gut integrierte Familien aus dem Quartier weg, ärmere und fremdsprachige Familien bleiben oder ziehen zu. 172 Schülerinnen und Schüler aus 23 Kulturkreisen besuchen die Quartierschule. Um das Schulklima zu verbessern, hat deshalb kürzlich auch Aarau eine 100-Prozent-Stelle für Schulsozialarbeit bewilligt.

Auch die Stadt Bern hat die Schulsozialarbeit definitiv eingeführt. Bis 2007 soll laut der Projektverantwortlichen Ursula Ackermann jedes dritte Schulhaus eine solche Fachperson haben. «Erzieherische Aufgaben, die eigentlich die Eltern wahrnehmen müssten, werden immer häufiger der Schule übertragen», begründet Ackermann die Massnahme. «Lehrkräfte sind dafür aber nicht ausgebildet.» Ziel der Schulsozialarbeit sei es, die Lehrer zu entlasten, damit sie sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe, dem Unterrichten, widmen können.

Auch auf dem Land brauchts Hilfe

Die Schulsozialarbeit erlebt in der Schweiz gegenwärtig einen eigentlichen Boom: Der Kanton Aargau hat bereits 20 solche Stellen geschaffen, der Kanton Genf 36, Luzern 13. In der Stadt Zürich lassen sich die Lehrerinnen und Lehrer in 30 Schulhäusern von solchen Fachleuten entlasten. Das kostet die Stadt drei Millionen Franken jährlich. Eine vollständige Übersicht gibt es nicht, schweizweit laufen aber mindestens 100 Projekte.

Renate Zugliani arbeitet seit sechs Jahren in einer Stadtzürcher Oberstufenschule als Sozialarbeiterin. «Ich habe mein Büro im Schulhaus und bin voll in den Schulalltag eingebunden.» Zu welchen Themen holen sich die Teenager bei ihr Rat? Das Feld ist weit: Sackgeldfragen, Ausgangsregeln, Kiffen, Mobbing, die schwierige Lehrstellensuche und die damit verbundene Angst vor der Zukunft, aber auch Gewalt – nicht nur auf dem Pausenplatz, sondern auch zu Hause.

Auch im ländlichen Frick suchen laut Sozialarbeiterin Manuela Huth Jugendliche Rat wegen Gewalt – die oft zu Hause stattfindet. Wenn der Turnlehrer immer wieder blaue Flecken an einem Schüler entdeckt, schickt er ihn zu Manuela Huth. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie an der Primar- und an der Oberstufenschule. Sie ist in Berlin aufgewachsen und als Grossstädterin «einiges gewohnt». Neulich wurde ein 16-Jähriger nach einem Konzert in Basel im Zug nach Frick erstochen. Einige Fricker Schüler, die ebenfalls im Zug sassen, waren traumatisiert und wurden von Sozialarbeiterin Manuela Huth krisenmässig betreut. «Einen solchen Job kann nicht machen, wer Berufsanfängerin ist.»

Die Eltern sind überfordert

Die Fragen, die ihr gestellt werden, sind weit gefächert und reichen thematisch von sexuellem Missbrauch, Selbstmordgedanken, Drogenproblemen, der Scheidung der Eltern, Essstörungen bis Mobbing und Mühe mit dem Leistungsdruck. Huths Stelle ist soeben definitiv bewilligt worden.

Suchtprobleme und Sackgeldfragen hat es auch vor 20 Jahren schon gegeben. Was hat sich geändert? «Vielfach sind die Eltern von heute überfordert», behauptet Sozialarbeiterin Renate Zugliani. «Die traditionelle, ‹intakte› Familie gibt es kaum mehr. Jede dritte Ehe wird geschieden. Die Folgen sind Patchwork- und Einelternfamilien.» Zugliani stellt auch ein gewisses Mass an «Wohlstandsverwahrlosung» fest. Viele Eltern seien ihren Kindern gegenüber zu tolerant, meint sie. Oft würden einfach keine klaren Grenzen gesetzt.

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Buchtipp

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