Beobachter: Die SVP schildert die heutige Schule als «Vergnügungszentrum». Herr Zemp: Wie ist es für Sie als höchsten Lehrer des Landes, in einem solch heiteren Umfeld zu arbeiten?
Beat W. Zemp: Ich habe heute zwei Stunden Mathematik erteilt und eine Prüfung zurückgegeben. Der Klassenschnitt lag bei knapp einer Vier. Jene, die darunterlagen, sind jetzt gefordert – sie erleben die Schule sicher nicht als Vergnügungszentrum. Es wird Leistung verlangt, und das nicht nur an den Gymnasien, wie auch die guten Pisa-Resultate unserer 15-Jährigen zeigen.
Ulrich Schlüer: Das Wort «Vergnügungszentrum» hat der Journalist erfunden, das finden Sie nirgends in unserem Positionspapier.

Beobachter: Es steht auf Seite 22. Gegen wen richtet sich diese Provokation?
Schlüer: Die Einschätzung zielt darauf, dass manchenorts in der Schule die Ideologie des lustvollen, spielerischen Lernens dominiert. Das Üben wird verpönt. Dafür soll jedes Kind individuell bestimmen können, in welchem Tempo es lernen will. Wie, bitte schön, will man so ein Ziel erreichen ohne jede Führung durch den Lehrer?

Beobachter: Wie man es besser macht, steht in Ihrem SVP-Lehrplan. Welcher Leitgedanke steht dahinter?
Schlüer: Wir sind der Auffassung, dass ein Lehrplan verbindliche Leistungsziele festhalten muss. Diese Ziele muss der Lehrer mit seiner Klasse erreichen. Auch darf es keine Überreglementierung geben, wie sie im «Lehrplan 21» der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) vorgesehen ist. Also: Den Weg zum Ziel soll der Lehrer bestimmen, er kennt seine Klasse mit ihren Stärken und Schwächen, er muss Methodenfreiheit und Lehrmittelfreiheit haben.
Zemp: Da gibt es keinen Widerspruch. Letztlich unterrichten wir, damit die Kompetenzen der Schüler anwachsen und sie Lernziele erreichen. Und natürlich wird auch der «Lehrplan 21» die Methodenfreiheit respektieren. Ich weiss nicht, woher Herr Schlüer das hat, wenn er das Gegenteil behauptet. Schliesslich liegt der fertige «Lehrplan 21» gar noch nicht vor.
Schlüer: Aus dem Grundlagenbericht zur Vernehmlassung geht klar hervor, dass eine einschneidende Reglementierung der Stoffvermittlung angestrebt wird. Man will von oben her eine Vereinheitlichung des Unterrichtens vorschreiben.
Zemp: Sie bekämpfen ein Problem, das so gar nicht existiert. Es wird 2013 eine breite Vernehmlassung geben, wenn der offizielle Lehrplan vorliegt. Die Einschränkung der Methodenfreiheit war nie ein Thema, auch im Grundlagenbericht nicht. Dort ging es um die Struktur der Fächer und um die Schulstufen. Dazu musste eine Einigung gefunden werden. Jetzt müssen die Ziele in den Schulstufen harmonisiert werden, wie das seit 2006 in der Verfassung vorgeschrieben ist.

Anzeige

Beobachter: Sie lächeln süffisant, Herr Schlüer.
Schlüer: Die heutige Diskussion wurde ausgelöst, weil die SVP schon früh Gegensteuer gegeben hat. Ursprünglich hiess es, im Herbst 2010 läge der Vorentwurf vor, doch das wurde hinausgeschoben. Wir wissen, dass das Leitungsteam des «Lehrplans 21» ausgewechselt wurde. Dort hat offenbar ein Umdenken eingesetzt: Praktiker sollen Theoretiker ersetzen. Und jetzt tut man so, als sei das alles geplant gewesen.

Beobachter: Dass die Volksschule zur parteipolitischen Kampfzone geworden ist, ist relativ neu. Dient das der Sache?
Schlüer: Auf jeden Fall erachten wir die Debatte als dringend notwendig. Denn es findet eine Zentralisierung der Schule statt. Die Kompetenzen verlagern sich in Richtung EDK, weg von Volk und Kantonsparlamenten.

Beobachter: Im SVP-Lehrplan ist von «linken Gesellschaftsveränderern» die Rede, die zu viel Einfluss hätten. Wer ist gemeint?
Schlüer: Wenn man auf eidgenössischer Ebene an allen Parlamenten vorbei Inhalte in die Schule bringen kann, geraten Funktionäre – vor allem jene der EDK – in Versuchung. Gesetzeserlasse an den Parlamenten vorbeizuschleusen, das gibt es in der Schweiz sonst nicht: Ohne diese Aufsicht wirken zu können schadet der Schule und ist ein Fremdkörper in der Demokratie.
Zemp: Das stimmt weder juristisch noch inhaltlich.
Schlüer: Wo ist denn das Parlament, das die EDK kontrolliert?
Zemp: Das Schulkonkordat von 1970 erteilte der EDK einen klaren Koordinationsauftrag im Bildungswesen. Konkordate sind demokratische und bewährte Instrumente, um die Zusammenarbeit der Kantone zu regeln, das wissen Sie genau. Sie müssen halt vielleicht einfach mal einen Juristen beiziehen, der Ihnen das erklärt…
Schlüer: Oje, ein Jurist.
Zemp: Und bezüglich der demokratischen Legitimation: Über den Bildungsartikel hat immerhin das ganze Volk abgestimmt und ihn mit 86 Prozent befürwortet.

Anzeige

Beobachter: Das heisst also: Inhaltlich hat die Politik nichts zu sagen?
Zemp: Die Politik legt den generellen Auftrag der Schule fest, aber die Details der Umsetzung sind Sache der professionellen Akteure. Das ist in jedem Beruf so. Es käme wohl niemandem in den Sinn, das Vorgehen einer ärztlichen Behandlung durch ein Parlament festzulegen. Ich sehe nicht ein, weshalb die Politik vorschreiben soll, dass man in der ersten Klasse Noten setzen oder die Anzahl unentschuldigter Absenzen im Zeugnis aufführen muss. Dafür gibt es Fachgremien wie die Bildungskommissionen, in denen die verschiedenen Akteure vertreten sind.
Schlüer: Dahinter steht aber eine tiefgreifende Veränderung: Früher stand die Schule unter der Aufsicht der Schulgemeinde, einer vom Volk gewählten Behörde; die Öffentlichkeit hat die Schule lokal kontrolliert. Heute sind die Schulpflegen auf die Behandlung von Strategiefragen zurückgebunden worden – als ob es das gäbe in einer Dorfschule. Und die Kantonsparlamente können nur noch ja oder nein dazu sagen, ob sie einem Konkordat beitreten wollen, aber eine Detailberatung gibt es nicht mehr. So wurde die Schule schrittweise dem Volk und besonders den Eltern entfremdet.
Zemp: Von einem Demokratiedefizit kann keine Rede sein. Was neu eingeführt wurde in der Volksschule, sind die Schulleitungen. Eine Instanz, die operative Aufgaben wahrnimmt wie etwa die Anstellung neuer Lehrpersonen. Dadurch können sich die Schulaufsichtsbehörden auf strategische Aufgaben konzentrieren. Es ist doch nicht sinnvoll, dass eine Laienbehörde bestimmt, wie der Stundenplan des nächsten Semesters aussieht und wer welche Klasse übernimmt.

Anzeige

Beobachter: Gehen wir ins Schulzimmer. Was macht eine gute Lehrerin, einen guten Lehrer aus?
Schlüer: Der Lehrerberuf ist ein Führungsberuf. Hauptaufgabe des Lehrers ist es, eine Klasse zu führen – Jugendliche zu begeistern, zu fordern, damit sie eine Leistung erbringen. Dazu muss er kein Drillmeister sein, vielmehr sind pädagogische Fertigkeiten gefragt. Es braucht Lehrer, die mit Geduld, aber auch mit der nötigen Beharrlichkeit ihre Schüler ans Ziel führen.

Beobachter: Herr Zemp, sind Sie ein solcher Pauker?
Zemp: Wo ich mit Herrn Schlüer einiggehe: Lehrer zu sein ist auch eine Führungsaufgabe. Man kann nicht eine Klasse führen, ohne das Heft in die Hand zu nehmen. Aber damit ist es nicht getan. Man muss auch ein guter Lernbegleiter sein und den Schülern die Möglichkeit geben, ihren Lernprozess selber zu steuern und auf eigenen Wegen den Stoff zu erarbeiten. Das geht aber nur mit einer guten Vertrauensbeziehung zwischen Lehrer und Schülern.

Anzeige

Beobachter: «Lernbegleiter» ist eines der Wörter, die im SVP-Lehrplan vieldeutig in Anführungszeichen stehen. Das klingt der Partei zu soft.
Zemp: Ich weiss nicht, weshalb sich die SVP gegen Begriffe wie Lerncoach oder Trainer so wehrt. Ich bin für meine Schüler durchaus ein Trainer, der ihren Hirnmuskel trainiert und sie fit fürs eigenständige Denken macht.
Schlüer: Fatal ist, dass alles gleich übertrieben wird, wenn man einen bestimmten Standpunkt vertritt. Als wir von der «Schulführung in heiterer Ernsthaftigkeit» sprachen, hiess es: Die wollen wieder die Drillschule einführen. Das ist eine dumme Unterstellung. Wir verlangen nur, dass der Lehrer für eine angemessene Arbeitshaltung in geordnetem Ablauf sorgt. Wer das als Drill diffamiert, will damit fachliches Unvermögen verbergen.
Zemp: Da beklagen Sie sich aber über etwas, was Sie selber praktizieren, Herr Schlüer. Bezeichnungen wie «Kuschelpädagogik» oder «Wohlfühlschule» sind ebenfalls Übertreibungen.
Schlüer: Es sind Erfahrungen aus Schulbesuchen. Da sieht man jeweils rasch, ob eine Klasse geführt oder dem Laisser-faire überlassen wird.
Zemp: Ich sehe nicht ein, was daran schlecht sein soll, wenn sich die Schüler im Unterricht wohl fühlen. Im Übrigen weiss man aus der Schulwirksamkeitsforschung, dass Kinder in einem entspannten Klima deutlich besser lernen, als wenn man sie permanent unter Druck setzt.

Anzeige

Beobachter: Welchen Stoff soll die Volksschule vermitteln?
Schlüer: Die heutige Volksschule ist zu sprachenlastig. Die Vernachlässigung der Naturwissenschaften fängt in der Primarschule an, indem durch den forcierten frühen Fremdsprachenunterricht die Realienfächer vernachlässigt werden. Die Folgen sind gravierend. Der Schweiz fehlen Ingenieure, Techniker, Forscher. Den legendären Schweizer Monteur, der früher weltweit geschätzt war, gibt es praktisch nicht mehr. Das muss man korrigieren, die Schule agiert schliesslich nicht im luftleeren Raum. Das Hochlohnland Schweiz ist auf überdurchschnittliche Berufsleute angewiesen.
Zemp: Der «Lehrplan 21» möchte Mathematik und Naturwissenschaften stärker gewichten. Aber er will kein Lernverbot für Fremdsprachen an der Primarschule, wie das jetzt die SVP fordert, die ja nicht einmal die Landessprache Französisch zulassen will. Die Naturwissenschaften haben halt auch ein Imageproblem. Ich sage meinen Maturanden oft: Geht doch an die ETH, ihr habt beste Jobaussichten. Aber viele tun das nicht, weil sie glauben, die Ingenieurwissenschaften würden die Umweltzerstörung fördern.
Schlüer: Das kommt ja nicht von ungefähr. Wenn die Lehrer selber eine tiefe Abneigung gegen Naturwissenschaften hegen und solche Berufe als zerstörend beschreiben, überträgt sich das auch auf die Schüler.

Anzeige

Beobachter: Daneben gibt es auch noch die fächerübergreifenden Kompetenzen. Hat das alles Platz in der Schule?
Zemp: Der Umgang mit Informationstechnologien, das grundlegende Verständnis für nachhaltige Entwicklungen oder elementares Finanzwissen sind heute unverzichtbare Kompetenzen, die wir fächerübergreifend vermitteln müssen. Aber darüber lese ich im SVP-Lehrplan keine einzige Zeile. Dort liest es sich wie aus einer Welt in den sechziger Jahren.
Schlüer: Das Wichtigste ist die Vermittlung von Grundlagen. Dass im Rahmen der bestehenden Fächerordnung auch über aktuelle Ereignisse diskutiert werden kann, ist doch selbstverständlich. Dafür muss man aber kein Sonderfach schaffen.
Zemp: Im «Lehrplan 21» sind nur 80 Prozent der vorgesehenen Stunden gefüllt für die verbindlichen Lernziele. Der Rest der Zeit gehört in die Hand der Lehrperson, genau für solche Vertiefungen.

Anzeige

Beobachter: Wir streiten hier über verschiedene Lehrpläne – aber wird im Schulalltag ein Lehrplan überhaupt je angeschaut?
Zemp: Viele Lehrpläne sind ein Sammelsurium von Anforderungen, die kaum zu bewältigen sind. Das soll sich mit dem «Lehrplan 21» ändern. Die Lehrer werden einen schlanken Kernlehrplan mit breiter Verbindlichkeit mehr beachten, als dies bei den heutigen Lehrplänen der Fall ist.

Beobachter: Die Begehrlichkeiten dürften aber kaum kleiner werden. Es gibt etwa Vorstösse, wonach das Velofahren in den Lehrplan soll.
Zemp: Die Gefahr des Überladens besteht natürlich. Auch ich bekomme fast wöchentlich neue Vorschläge auf den Tisch.
Schlüer: Es ist tatsächlich zu befürchten, dass dazu noch viel Papier produziert wird. Damit wird die Qualität des Lehrplans verwässert. Der Lehrplan der SVP ist tatsächlich schlank, weil er sich ganz auf die zu erreichenden Lernziele konzentriert. Der Sekretär Ihres Verbands, Herr Zemp, hat sich genau darüber mokiert und unseren Lehrplan als klapprige Seifenkiste bezeichnet, während der «Lehrplan 21» ein Formel-1-Bolide sei. Das war abschätzig gemeint, aber mir gefällt der Vergleich eigentlich: Bei der SVP haben Praktiker etwas Prägnantes, dafür aber Verwendbares geschaffen, während die EDK Millionen verbraucht hat, ohne dass man bisher ein Resultat sieht.
Zemp: Zum ersten Mal wird ein Lehrplan von sämtlichen Kantonen gemeinsam erarbeitet. Da kann es nicht darum gehen, wie schnell das gemacht wird, sondern wie professionell.

Anzeige

Hintergrund: Die strittigen Lehrpläne

Der «Lehrplan 21» wird von den ­Erziehungsdirektionen der 21 deutsch- und gemischtsprachigen Kantone ­gemeinsam erarbeitet. Er legt fest, was die Schüler am Ende der zweiten, sechs­ten und neunten Klasse wissen und können sollen – gleichgültig, ob sie in Brig oder Basel zu Hause sind. Ab Frühling 2014 soll jeder Kanton über die Einführung entscheiden.

Der SVP-Lehrplan wurde von der Partei im letzten Herbst vorgelegt und versteht sich als Gegenentwurf zum «Lehr­plan 21». Das SVP-Positionspapier ­fordert Tugenden wie Leistungsbereitschaft, Ordnung oder Fleiss und spricht sich für eine Stärkung der Kernfächer wie Rechnen, Lesen und Schreiben aus.