Cuore», sagt der fünfjährige David. «Das isch es Herz», sagt Alexa, 5, und Matteo, ebenfalls 5, ruft: «Cor!» Sie spielen eine Art Sprach-Memory. Das Gewirr der Kinderstimmen füllt die kleine Turnhalle des Bündner Dorfs Bivio, das am Fuss des Julierpasses liegt.

An dieser Wegscheide führt ein Pfad über den Septimerpass ins Bergell. Von dort kamen im 15. Jahrhundert Bauern und Hirten, die Bivio zu ihrer Alp machten und das Italienische in den ursprünglich romanischen Sprachraum einbrachten. Die heute 7000 Einwohner der Region sprechen Surmiran, Romanisch. Da sich aber auch Walserdörfer in der Nähe befinden und sich mit den Einwanderern die deutsche Sprache breitmacht, grüssen sich Kinder und Lehrpersonen mit «Guten Tag», «Buongiorno» oder auch «Bun De».

Kindergärtnerin Sandra Crameri muss beide Hände bemühen, wenn sie die hier in Kindergarten und Schule gesprochenen Sprachen und Dialekte an den Fingern abzählt. Neben Schweizerdeutsch müssen die Kinder natürlich Hochdeutsch üben. Und Romanisch. Surmiran ist das Idiom, doch inzwischen sind die Schulbücher in der neuen Hochsprache Rumantsch Grischun verfasst. Die früheren Einwanderer brachten aus dem Bergell das Bregagliotto mit. Dazu lernen die Kinder Hochitalienisch. Eine Randrolle spielen Puter aus dem Oberengadin und der italienische Dialekt des Lombardischen.

«Das ist einmalig in Europa»

Sprachwissenschaftler Mathias Picenoni widmet sich der besonderen Situation der italienischsprachigen Enklaven Maloja und Bivio in einer Studie. Er stellt fest, dass jener Anteil der Bevölkerung, der nur Italienisch spricht, in den letzten Jahrzehnten auf zehn Prozent gesunken und der Anteil jener, die nur Deutsch sprechen, auf 23 Prozent gestiegen ist. Fast 65 Prozent der Einwohner beherrschen mehr als eine Sprache. Fast jeder Vierte ist dreisprachig. «Das ist für einen ländlichen Raum einmalig in Europa», so Experte Picenoni.

Gar viersprachig sind Finn und Luna. Sie sind vor einem Jahr mit ihrer Mutter Mary Lawler, die aus Irland stammt, nach Sur bei Bivio gezogen. Mary Lawler möchte, dass ihre Kinder so viele Sprachen wie möglich lernen. Sie hat in englischsprachigen Ländern erlebt, «wie eindimensional Einsprachigkeit» ist. «Die Leute sind im Urlaub völlig hilflos, wenn niemand Englisch versteht. Wir leben in einer globalisierten Welt. Da sind Sprachen wichtig.»

Natürlich ist es nicht diese Erkenntnis allein, die die romanischsprachigen Dörfer Sur, Mulegns und Marmorera sowie das italienischsprachige Bivio veranlasst hat, in Schulfragen enger zusammenzuarbeiten. «Die rückläufigen Schülerzahlen haben uns keine Wahl gelassen», erklärt Schulpräsident Peter Weigl. Vor zwölf Jahren besuchten noch 30 Kinder die Schule. Heute sind es 14. Weigl: «Wir haben eine Chance darin gesehen, Italienisch, Romanisch und Deutsch im Unterricht stärker miteinander zu verknüpfen.» Im Kindergarten wird vor allem Romanisch und Italienisch gesprochen. Deutsch parlieren die Kinder untereinander. Von der ersten bis zur dritten Klasse wird der Sprachunterricht in einer der lateinischen Sprachen gehalten. Ab der vierten Klasse dominiert Deutsch. So beherrscht jedes Kind an dieser Schule am Ende der sechsten Klasse aktiv Deutsch und seine romanische Muttersprache sowie eine zweite romanische Sprache passiv.

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Schulleiterin Severine Stierli sieht noch weitere Vorteile: «Die Kinder sind von der ersten bis zur dritten und von der vierten bis zur sechsten Klasse zusammen. Oft helfen die Grossen den Kleineren – meist in der Muttersprache des jüngeren Kindes.» Paul Dosch, Leiter des Schulinspektorats Plessur-Mittelbünden, weist Bedenken gegenüber der schulischen Vielsprachigkeit zurück: «Die Kinder sind weniger überfordert, als die Eltern glauben. In der Region werden die drei Sprachen schliesslich auch gesprochen.» Schulleiterin Stierli fügt an: «Zudem lernen die Kinder spielerisch.»

Das wird am Nachmittag deutlich. Der Schulbus fährt die Kinder nach Sur. Sie nehmen an einem Wettbewerb der Skilifte Bivio teil. Die Böden in Kindergarten und Schulzimmer sind mit weissen Plakaten übersät. In kleinen Gruppen geht es mit Calours da tscheira (Wachsfarben) und Cola (Leim) zur Sache. Die Kinder malen und kleben. Es entstehen kleine Kunstwerke, während Wortfetzen in vielen Sprachen durch die Räume hallen.

Puppen helfen beim Lernen

Zufrieden blicken Flurina und Luigi in die Runde. Die beiden Puppen verkörpern die historisch wichtigsten Sprachen der Region. Die wilde Flurina, die an die rote Zora erinnert, steht für Romanisch. Und Luigi, der mit seinem blau gestreiften Leibchen wie ein Fischer aussieht, versteht nur Italienisch. Sandra Crameri setzt die Puppen ein, wenn die jeweilige Sprache gesprochen werden soll. «Ich will verhindern, dass die Kleinen auf Deutsch ausweichen, das alle verstehen.» Der Kunstgriff mit den Puppen hilft den Kindern auch, die Sprachen voneinander abzugrenzen.

Sprachwissenschaftler Picenoni stellt fest, dass die Zukunft der Mehrsprachigkeit stark vom Lehrpersonal abhängt, aber auch vom Tempo der Einwanderung aus der deutschen Schweiz. Und von der Abwanderung der jungen Generation. Irgendwann wird Bivio seine Sonderstellung als bunte Spracheninsel verlieren.

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Patrizia Weigl, die Ehefrau des Schulpräsidenten, Mutter von fünf Kindern, bedauert diese Entwicklung. Sie bewundert die Selbstverständlichkeit, mit der ihre Kinder die Dorfbewohner in deren Muttersprache ansprechen. «In den Ferien in Italien haben sie keine Hemmungen, Fremde nach dem Weg zu fragen oder einkaufen zu gehen.» Zudem rege der Umgang mit den Sprachen auch die Phantasie an. «Unser achtjähriger Matthias erfindet ad hoc zu deutschen Liedern italienische Texte.»

Es ist kurz vor vier Uhr. Die Plakate sind noch nicht fertig. Trotzdem ist es Zeit, aufzuräumen und Gläser und Pinsel zu waschen. Die Romanischlehrerin Carmen Dedual gibt dem kleinen David den entsprechenden Auftrag: «Schi metta ve là per lavar or igl plat.» Der Knirps, obwohl deutscher Muttersprache, versteht sofort, was zu tun ist.