Beobachter: Nadja Sieger, welches Gefühl beschleicht Sie beim Gedanken an Spickzettel?
Nadja Sieger alias Nadeschkin: Ich schaue mich sofort um, ob jemand zusieht.

Beobachter: Waren Sie eine Spickerin?
Nadeschkin: Mit Spickzettel unterm Tisch hab ich Antworten vergessen, die ich ohne Spickzettel gewusst hätte.

Beobachter: Dann hatten Sie wohl kein durchdachtes Konzept für Ihren Spick?
Nadeschkin: Leider nein. Darum flog ich bei meinen wenigen Versuchen fast immer auf.

Beobachter: Auch mit anderen Spickmethoden?
Nadeschkin: Unsere Methode bei Französischprüfungen im Sprachlabor war effizienter als die individuelle Spickerei. Da wir bezüglich Technik unserer Lehrerschaft immer eine Nasenlänge voraus waren, sorgten wir Kids im Vorfeld für Kurzschlüsse der Geräte. Die Lehrerin musste die ganze Übung abbrechen, die betroffene Schülerschar früher in die Pause entlassen, und das Labor blieb dann immer einige Tage lang geschlossen.

Beobachter: Hatten solche Sabotagen Konsequenzen?
Nadeschkin: Ich habe glücklicherweise früh gelernt, dass man, wenn man erwischt wird, am besten gleich voller Reue gesteht. Das aktiviert für gewöhnlich die Beisshemmung der Autorität und stimmt sie milde. Ich verwende diese Taktik heute noch, etwa wenn jemand verbissen auf seiner Macht und Meinung beharrt. Ich gestehe grundsätzlich alles, wenn das andere zufriedener macht, auch Dinge, die ich niemals getan habe.

Beobachter: Für viele Lehrpersonen ist der Spick primär ein Mittel, um zu betrügen. Für Sie auch?
Nadeschkin: Ich bin im Auffallen besser als im Täuschen, darum machte ich das Auffallen zu meinem Beruf. In der Komik sind Verlierer lustiger als Gewinner. Wird einer beim Spicken erwischt, so ist das lustig. Vor allem wenn er in grösster Not und mit riesigem Aufwand zu spicken versucht, damit fast durchkommt – und im letzten Moment ertappt wird.

Beobachter: Bekommen wir von Nadeschkin trotzdem einen Rat zum Thema Spickzettel?
Nadeschkin: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir! Oder war das andersrum?

Beobachter: Urs Wehrli, was verspüren Sie beim Wort Spickzettel?
Urs Wehrli alias Ursus: Ein inspirierendes Gefühl.

Beobachter: Folglich war Urs Wehrli ein Spicker?
Ursus: Ich war ein kreativer Spickzettelschreiber und habe teilweise für Schulkollegen Spickzettel auf Bestellung gemacht.

Beobachter: Hatten Sie raffinierte Spickmethoden?
Ursus: Ich habe diverse Spickmethoden ausprobiert, am erfolgreichsten war es, kleine Zettelchen im Deckel des Füllers zu verstecken. Wenn diese gut platziert waren, sah man die Lösungen sogar durch die kleinen Sichtfenster.

Beobachter: Ist Spicken ein Lerninstrument?
Ursus: Spickzettel zu schreiben ist eine Möglichkeit, sich den Stoff einzuprägen. Die Chance ist gross, dass man sich das, was man da schreibt, besser einprägt – weil man sich so viele Gedanken darüber macht, wie man es am besten auf dem Spick platziert. Ich habe damit vor allem meine gestalterischen Fähigkeiten geschult. Später bin ich Typograf geworden. Vielleicht lags ja an den Spickzetteln.

Beobachter: Haben Sie einen Tipp in Sachen Spickzettel?
Ursus: Ich finde, man sollte am Tag vor der Prüfung die Hausaufgabe kriegen, ausgefallene Spickzettel zu schreiben. Der beste würde belohnt.

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