«Ein Lehrer muss streng sein, sonst ist sein Lob nichts wert – und wozu sollte ich mir dann Mühe geben?» Die 14-jährige Michelle stochert mit einem schmalen Tannenscheit in der Glut des Eisenofens, als hätte sie soeben eine Binsenwahrheit von sich gegeben. Philipp und Franca nicken. Streng, aber gerecht, das mache einen guten Lehrer aus. Und hin und wieder müsse auch ein bisschen Lockerheit drinliegen: «Und jung sollte er sein, aber nicht zu sehr; also mit ein bisschen Lebenserfahrung – aber keiner dieser Früher-war-alles-besser-Typen», sagt Philipp. Streng, aber locker, jung, aber erfahren – ein nicht ganz einfaches Profil, das die Schüler formulieren. Aber Herr Hassler, ihr Klassenlehrer, mache das ganz anständig, sagen sie.

Michelle, Philipp und Franca sind Schüler der Oberstufenschule Thun-Strättligen. Die Klasse 8b verbringt diese Woche im Skilager in Rosswald VS: fünf Tage ohne Eltern und Hochnebel, dafür mit Kollegen, Sonne und Schnee. Für die 19 Schüler ist das Lager der soziale Höhepunkt des Semesters. Für ihre Schule, deren Auftrag es ist, gesellschaftsfähige, selbstverantwortliche Bürger zu erziehen, bietet die Sportwoche ein Übungsfeld im Umgang mit Regeln und Freiheiten, Vertrauen und Kontrolle – was zum Stresstest werden kann.

Frage: Geht Ihr Kind gern zur Schule?
Einschätzung: 1 = gar nicht gern, 6 = sehr gern
Antworten von Eltern, in Prozent*

Quelle: Tomas Wüthrich
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«Ohne Vorschriften artet alles aus»

Klassenlehrer Jan Hassler gibt sich gelassen. Bisher läuft alles wie geplant – zumindest fast: Bei der Besammlung am Bahnhof Thun musste er bekanntgeben, dass ein Schüler nicht mitfahren wird, weil er am Wochenende irgendetwas ausgefressen habe und ihn seine Eltern nun vom Lager dispensieren liessen. «Übel, was der verpasst», murmelt einer und zieht bedauernd die Augenbrauen hoch.

Auch in der Sportwoche gilt: Wer sich nicht an die Regeln hält, wird nach Hause geschickt. Wie die Regeln für diese Woche lauten, wurde vorgängig auch den Eltern bekanntgemacht. Sie erhielten neben Reiseprogramm und Packliste auch die Lagerordnung zugeschickt. Diese fordert von den Schülern ausdrücklich Gehorsam ein, sowohl gegenüber den Lagerleitern wie auch gegenüber dem Lift- und Pistenpersonal. Alkohol, Tabak, Drogen und Energydrinks sind verboten; Handys werden über Nacht eingezogen, und MP3-Player dürfen nur in den Schlafräumen benutzt werden. Um 22.30 Uhr ist Nachtruhe – und ja, die Zimmer des anderen Geschlechts sind tabu, «auch tagsüber». So weit das Grundgesetz der Lagergemeinschaft, die sich im Kleinen mit ähnlichen Herausforderungen auseinandersetzen muss wie die gesamte Gesellschaft.

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«Es braucht Vorschriften, sonst artet alles aus», sagt Egzant nach kurzem Zögern und neigt den Kopf zur Seite. Ende letzten Jahres artete an seiner Schule ein Gerangel in eine Prügelei aus. Dabei wurde ein Schüler von drei Jugendlichen mit Migrationshintergrund übel zugerichtet. Das Jugendgericht musste sich mit dem Gewaltvorfall beschäftigen.

Eine Razzia wäre ein Vertrauensbruch

Solche Probleme kennt die Klasse 8b nur vom Hörensagen, obwohl Schüler aus sieben Nationen in der Klasse vertreten sind: «Wir haben keinen Stress untereinander. Und die meisten meiner Kollegen sind Schweizer», sagt Savo, ein serbischer Bosnier, dessen Eltern vor über 20 Jahren in die Schweiz kamen.

Savo gehört an diesem Tag zur Kochgruppe; zusammen mit Marcel, der gerade Tee kocht. Marcel ist erst vor zwei Jahren aus Deutschland in die Schweiz gezogen, er spricht aber akzentfrei Mundart. «Ich habe genau vor einem Jahr und zwei Wochen Berndeutsch gelernt», sagt er. Im letzten Skilager also. Man könnte annehmen, dass ihn sozialer Druck dazu zwang, zumal die Stimmung gegenüber Einwanderern aus dem grossen Kanton in letzter Zeit nicht nur freundlich war. Doch Marcel schüttelt den Kopf.

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«Ich dachte einfach, es wäre gut, wenn ich mich mit meinen Kollegen in ihrem Dialekt verständigen kann.» Trotz oder wegen seiner offenkundigen Integrationsbereitschaft findet Marcel, die Schule müsse sich manchmal auch nach fremden Bedürfnissen richten. «Es gibt bei uns Schüler, die aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen – also kochen wir eben was anderes. Das ist doch kein Problem.» Das gelte auch für das Tragen von Kopftüchern, auch wenn das an seiner Schule kaum ein Thema sei: «Wir haben Religionsfreiheit – soll doch jeder machen, wie er will.»

Am zweiten Tag wird von aussen das Gerücht an die Lagerleitung herangetragen, wonach einzelne Schüler möglicherweise doch Alkohol mitgebracht hätten. Die Klasse gibt keinen Anlass, dem Glauben zu schenken. Bisher erschöpfte sich die pubertäre Rebellion im Übersüssen des Lagertees. «Wir sind brav», sagt Egzant. Und wie als Erklärung schiebt er nach: «Wenn einer sich nicht an die Regeln hält, leiden letztlich alle darunter.»

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Lehrer Hassler glaubt nicht, dass am Gerücht etwas dran ist – und selbst wenn er Zweifel hätte: «Wegen eines Gerüchts durchwühlt man nicht die persönlichen Sachen der Schüler.» Eine Razzia im Gruppenschlag kommt also nicht in Frage, das wäre ein Vertrauensbruch. Und um die Schüler Selbstverantwortung zu lehren, muss man vertrauen können. Anderseits: Wenn doch etwas vorfällt, müsste er sich vorwerfen lassen, gewarnt gewesen zu sein. «Es ist immer eine Gratwanderung», sagt Jan Hassler.

«Wenn jemand schreit, schalte ich ab»

Glücklicherweise sind nicht alle zu vermittelnden Inhalte im Lehrplan mit so heiklen Entscheidungen verbunden wie die Selbstverantwortung. Eine viel häufigere Schwierigkeit liegt darin, den Schülern den Nutzen bestimmter Unterrichtsstoffe aufzuzeigen. Ob sie ein Fach für sinnvoll halten oder nicht, hängt meist mit ihren persönlichen Berufswünschen zusammen. Valentino weiss zum Beispiel nicht so recht, ob er das, was er im Unterricht lernt, auf seinem zukünftigen Lebensweg wird brauchen können: «Was soll ich als Automechaniker mit Geschichte?» Auf die Frage, was denn stattdessen in der Schule gelehrt werden sollte, zucken aber die meisten mit den Schultern. Michelle hätte gern «mehr Praktisches – wirkliche Lebenskunde, zum Beispiel, oder was ich machen muss, wenn mir ein Kleinkind auf den Boden fällt». Franca wünscht sich einen Erste-Hilfe-Kurs und Melissa Selbstverteidigung. «Das ist etwas, was man vielleicht wirklich mal brauchen kann.»

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Auch wenn sie sich über Sinn oder Unsinn des Schulstoffs nicht immer einig sind, finden die meisten Schüler ihre Schule «gut, wie sie ist». Grundlegende Kritik haben sie nicht vorzubringen, aber vieles steht und fällt mit der Lehrperson: «Das Schlimmste ist, wenn Lehrer schlechte Laune haben», sagt Valentino nachdenklich. Andere pflichten ihm bei. Dabei bringe Rumschreien doch eh nichts, sagt Philipp: «Wenn ich einen Zusammenschiss kriege und dabei angeschrien werde, schalte ich sofort ab.» Es bringe viel mehr, wenn der Lehrer sachlich bleibe: «Wenn dann so was kommt wie ‹Philipp, ich bin schwer enttäuscht von dir›, dann fühle ich mich echt schuldig.» Schreit Herr Hassler? «Selten.» Der Umgangston hier sei viel angenehmer als an der Schule, die er in Deutschland besuchte, sagt Marcel.

Schülerwünsche: So alt wie die Schule

Die Schüler finden wenig Grund zum Klagen. Die meisten ihrer Verbesserungsvorschläge widerspiegeln Sehnsüchte, die so alt sind wie die Schule selbst: weniger Hausaufgaben, mehr Pause, morgens später zur Schule und nachmittags früher nach Hause. Trotzdem sind die Schüler der 8b keineswegs arbeitsscheu. Leistung zu bringen sei weder verpönt noch uncool, sagt Egzant, obwohl er selbst nicht gern früh aufsteht und die Schule vor allem gut findet, weil er dort seine Kollegen sieht: «Wir sind ja hier in der Sek, da muss jeder lernen. Von daher sind wir alle irgendwie Streber.» Franca wünscht sich gar ein fest in den Stundenplan integriertes Gefäss, um gemeinsam mit anderen Hausaufgaben machen zu können: «So könnte man sich gegenseitig helfen und käme besser vorwärts.»

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Schwachstellen im Schulsystem sehen einige Schüler vor allem bei sich selbst: «Ich bin nicht undiszipliniert, aber manchmal faul», sagt Marcel. Jungs seien eben so. In dieser Haltung sehen die Jugendlichen auch den Grund, warum die Buben punkto Schulerfolg den Mädchen ein bisschen hinterherhinken: «Mädchen lernen einfach mehr, wir haben eher Fussball im Kopf», sagt Egzant. Es sei aber nicht so, dass Mädchen einfach gern lernten, sagt Melissa: «Ich zwinge mich dazu. Wenn ich bis spätabends lernen muss, sage ich mir einfach immer wieder: Das ist wichtig für meine Zukunft.» Wüssten das die Jungs nicht auch? «Schon, aber wir können so was sehr gut ausblenden», sagt Marcel.

Von den Ideen mancher Bildungsforscher, die meinen, mit mehr männlichen Lehrpersonen oder getrenntgeschlechtlichem Unterricht wäre dieses Ungleichgewicht zu beheben, halten die Schüler wenig – im Esssaal herrscht allerdings selbstauferlegte Geschlechtertrennung: die Jungs an einem Tisch, die Mädchen an einem anderen. «Man setzt sich halt zu seinen Kollegen, dann ergibt sich das einfach so», sagt Annina.

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Die Menschen zählen, nicht die Konzepte

Philipp tritt den Gegenbeweis an und setzt sich fürs Dessert tapfer an den Mädchentisch, wo alle zusammen Schokoladen- und Vanilleglace löffeln. Für Achtklässler sind die Thuner Schüler bemerkenswert unkompliziert und uneitel. Aufwendige Gelfrisuren, dicke Schminke und enge Tops sucht man vergebens. Der Dresscode für den Gemeinschaftsraum lautet: gemütlich und bequem, also meistens Trainerhosen und Pulli. Von Kleidervorschriften für Lehrer und Schüler hält die Klasse wenig. Das Thema Schuluniformen haben sie zwar im Unterricht behandelt, und fast ein Drittel der Schüler könnte sich vorstellen, einheitliche Kleidung zu tragen. Doch letztlich schade es weder der Autorität des Lehrers noch der Leistungsbereitschaft der Schüler, im Sommer in Shorts und Flipflops zur Schule zu kommen: «Es kommt nicht auf die Kleidung, sondern auf den Menschen an», sagt Annina.

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Das gilt vielleicht auch ein bisschen für die Schule: Entscheidend ist weniger das System, sondern die Menschen darin und deren Umgang untereinander. Bei Lehrer Hassler und der 8b aus Thun-Strättligen scheint es zu harmonieren.

Nachtrag: Die negativen Folgen der gelebten Selbstverantwortung beschränkten sich auf eine angebrannte Currysauce, eine kaputte Salatschüssel und das jeweils frühe Ende der Nachtruhe durch klapperndes Geschirr, weil sich die Küchengruppe bereits ans Tischdecken machte, noch bevor die Leiter wach waren. Alkoholexzesse blieben aus.