Wer auf der Autobahn A2 Richtung Basel fährt, würde wohl nie vermuten, dass hinter dem kugel­förmigen Hügel kurz vor dem Ebenrain­tunnel eine Gemeinde liegt, die Geschichte schreibt. Oder gab es je schon ein Dorf, das eine Bundesrätin so brüskierte, dass diese ihren Besuch absagte?

Begonnen hat es damit, dass der Gemeinderat von Zunzgen BL Ende Februar verkündete, Bundesrätin Micheline Calmy-Rey werde zur 1.-August-Feier ins Dorf kommen. Die lokalen Medien überschlagen sich mit Superlativen: der höchste Besuch in der über 600-jährigen Geschichte der Gemeinde mit 2501 Einwohnern.

«Fragen kann man ja», hat sich Gemeindeverwalter Michael Schaeren gesagt und beim Bundesrat um eine Festrede gebeten. Calmy-Rey antwortete: «Gerne neh­me ich diese Einladung an und freue mich bereits jetzt in diesen kalten Wintertagen auf die Feier.» Gemeindepräsidentin Ruth Sprunger muss den Brief aus Bern dreimal durchlesen, bis sie an die Zusage glaubt. Dann verschiebt sie ihre geplanten Sommerferien, um den hohen Besuch persönlich empfangen zu können. Der Gemeinde­rat beschliesst, ein Volksfest auf dem Schulhausplatz steigen zu lassen. Um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, man politisiere über die Köpfe hinweg, spricht er den Kredit nicht selbst, sondern bringt das ­Geschäft im März vor die Gemeindeversammlung.

Skeptische Stimmen statt Stolz

12 Franken pro Einwohner für die ­finanziell kerngesunde Gemeinde. Unterhaltungsprogramm, Feuerwerk, Beleuchtung, Deko­ration, Verkehrs- und Sicherheitsdienst, all das ist im Gegensatz zur bundesrätlichen Rede nicht gratis zu haben. «Wir wollten nie mit grosser Kelle anrichten, planten aber eine besondere Bundesfeier», sagt Gemeindeverwalter Schaeren. Als Bühne soll die Ladefläche eines festlich geschmückten Anhängers dienen, darauf Handörgeler, Jodler und die Fasnachtsclique «Wurlitzer». Und mittendrin, zum Anfassen nah, Ehrengast Micheline Calmy-Rey.

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Doch an der Gemeindeversammlung schlägt der Behörde tiefes Misstrauen entgegen. Jemand schimpft, der Bundesrat hät­te noch nie Positives fürs Volk getan. Ein anderer findet, das ganze Jahr über werde die Bevölkerung von der Classe politique angelogen. Doch obwohl kritische Voten dominieren, segnet die Versammlung den Kredit mit 57 gegen 44 Stimmen ab.

Kurz danach kündigen die Unterlege­nen an, dass sie das Referendum ergreifen. Gegenüber dem Beobachter erklärt das ­Referendumskomitee: «Uns ist egal, wer kommt, aber es darf nicht so viel kosten.» Kenner vermuten einen ganz anderen Grund: Viele hätten es dem Gemeinderat schlicht nicht gegönnt, dass er es geschafft habe, eine Bundesrätin zu holen. Die Gemeinde sorgt immer wieder für Schlag­zeilen, weil sie so zerstritten ist.

Ein Rückzieher dem Frieden zuliebe

Im fernen Bern bekommt die Bundesrätin Wind von der Sache und zieht am 19. April die Reissleine. «Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut und wäre gerne nach Zunzgen gekommen», schreibt Calmy-Rey in ihrer Absage. Aber sie wolle der Bevölkerung und den Behörden Schwierigkeiten ersparen. Eine Bundesfeier solle ein Anlass der Freude sein, wird sie von ihrem Medien­sprecher zitiert. Die exklusive Meldung dazu auf dem Online-Portal des Beobachters sorgt national für Schlagzeilen.

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Den Gemeinderat, der sich für die Feier ins Zeug gelegt hatte, lädt sie dennoch zum «gemütlichen Beisammensein» im Bundes­haus ein. Direkter Demokratie sei Dank bleibt so die Classe politique unter sich.

Das Referendumskomitee gibt sich nach der Absage aus Bern zerknirscht und betont, der Widerstand habe sich nie gegen die Bundesrätin als Person gerichtet. Um das zu unterstreichen, will es die gesam­melten Unterschriften gegen den hinfällig gewordenen Kredit doch noch einreichen. Ein Urnengang wird so unvermeidlich.

Die Bundesfeier hat der Gemeinderat jetzt ganz abgesagt. Damit bleibt auch dem ursprünglich als Redner vorgesehenen Lehrling der Gemeindeverwaltung ein Auftritt erspart. Er redet jetzt stattdessen bei der Einweihung der neuen Waldhütte. ­Dagegen gibt es nicht einmal in Zunzgen Opposition.

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