Kürzlich am Limmatufer. Morgenstimmung um acht, ruhig der Fluss, souverän, ewig gleich. Plötzlich Schritte hinter mir, Stakkato, Wortfetzen, schnelles Schnaufen - vorbei. Dann ein Velofahrer, Kopf im Helm, ipod im Ohr, Power auf die Pedalen - wisch, vorbei.

Alltag in Zürich, Alltag in Höngg. Jeder hetzt, jeder rennt, jeder hat Angst, er komme nicht mehr mit. Höngg zeigt im Mikrokosmos, was uns allen in der Schweiz Sorgen macht: Das rasend schnelle Wachstum in absolut jedem Bereich. Die Welt rund um uns beschleunigt sich permanent und exponentiell. Tempo und kurzfristiger Gewinn sind scheinbar alles, was noch zählt. Immer mehr Menschen fallen aus dem Rennen, weil sie nicht mithalten können.

Aber alle tun so, als wäre Zeitersparnis ein Wert an sich. Das Dumme ist nur: Wir sparen überall soviel Zeit ein, dass wir gar nicht bemerken, dass uns bald keine mehr übrig bleibt. Und weil immer nur jene gewinnen, die schneller sind als die andern, hetzen wir immer weiter.

Auf einer Rangliste des Lebenstempos in 31 Ländern liegt die Schweiz auf dem ersten Platz. Aber das Merkwürdigste ist: Keiner kennt das Ziel. Wo rennen wir eigentlich alle hin? Wir werden weder klüger, noch weiser, noch besser. Alles, was passiert, ist: Wir verlieren die Übersicht. Denn wer nur aufs Tempo achtet, machts wie die 1500-Meter-Läuferin Anita Weyermann bei ihrem Bronzelauf an der EM 1998: «Gring ache u seckle.»

Aber welche Medaille wollen wir eigentlich? Gibt es einen Preis für jene, die ihr Land am schnellsten zubauen? Sind wir später schöner tot, wenn wir möglichst effizient gelebt haben? Kommen wir wirklich weiter, wenn wir immer schneller rennen, oder lassen wir nur das Schöne schneller hinter uns?

PREIS DER GLOBALISIERUNG
Vielleicht bin ich aus der Zeit gefallen. Aber mir gefällt Höngg dort, wo es noch im ruhigen Charme atmet. Am Rebberg für den Chilesteig-Wein, im alten Dorfkern, am verwachsenen Limmatufer, bevor der Morgenverkehr herandonnert und bevor die Strasse ausgebaut wird. Ich finde es wunderbar, wenn Höngg am Eidgenössischen Musikfest gewinnt und das ganz alleine schafft - ohne TV-Prominenz und ohne Casting mit Dieter Bohlen.

Anzeige

Nein, das ist keine verklärende Nostalgie. Natürlich können wir uns in der Schweiz nicht von der Globalisierung abkoppeln. Natürlich dürfen wir uns nicht zurücklehnen und glauben, es gehe bei uns bequem weiter wie immer und es bleibe in der Schweiz trotz stets steigender Anspruchsinflation für flächendeckende Kinderkrippen, Vaterschaftsurlaub und alle möglichen Wünsche immer besser und luxuriöser als im restlichen Europa.

Wer so etwas verlangt oder verspricht, träumt. Ob es uns passt oder nicht: Wir alle im alten Europa werden mehr arbeiten müssen, um den heutigen Wohlstand halten zu können. Das ist der Preis der Globalisierung. Und er ist unumkehrbar.

Aber wer nur vorwärts stürmt, und immer «mehr, mehr, mehr» schreit und «schneller, schneller» ruft, wer alles andere aus den Augen verliert, der läuft irgendwann gegen die Wand. Weil er in die falsche Richtung läuft und nicht nach vorn schaut. Da hilft es nichts, sagen zu können: Aber ich war doch der Schnellste.

Anzeige

Das haben uns die Banken vordemonstriert mit ihrer überbordenden Gier und dem Lehman-Crash, das zeigt uns aber auch die Europäische Union, die ihr Haus ganz so gebaut hat, wie heute leider viel zu oft gebaut wird: zu schnell, zu billig und ohne saubere Berechnung der Statik. Beim Pfusch am Bau brechen nur Balkone ab, bei der EU sind es bald ganze Länder.

SWISSNESS GIBTS AUCH IN CHINA
Was heisst das für die Schweiz? Wir sollten wieder mehr Vertrauen haben in das, was die Schweiz stark und erfolgreich gemacht hat. Und damit meine ich nicht die Swissness. Swissness gibts auch aus China - für ein paar Franken auf jedes T-Shirt gedruckt. Ich meine das, was einmal dahinter stand: Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit, Leistungswille, Fairness. Mit andern Worten: die Schweizer Qualität.

Jahrzehntelang sind wir gut gefahren damit, dass wir die Sachen nicht schneller, sondern besser machten als andere. Weil wir zuerst miteinander redeten und uns auf das Ziel und den Weg dorthin einigten, bevor wir losrannten. Weil wir den Konsens pflegten, und nicht einfach dem Lautesten oder vermeintlich Stärksten hinterher gelaufen sind.

Anzeige

Diesen Konsens auf ein gemeinsames Ziel eines qualitativen Wachstums brauchen wir dringend wieder. Aber es scheint, als ob das je länger desto weniger möglich wäre. Alle beschimpfen sich nur noch gegenseitig. Gegeneinander statt miteinander ist in der real existierenden Politarena zum neuen Credo geworden. Ob im Bundesrat oder im Parlament, alle politisieren so, dass am Ende niemand für irgendetwas verantwortlich sein muss. Überall, wo etwas schiefläuft, soll der politische  Gegner der Sünder sein. Und wo das nicht geht – wie beim Minarett-Entscheid oder der Ausschaffungsinitiative – wird der Souverän zum Schuldigen gemacht für eine Politik, die man vorher verpasst hat.

Aber Protestentscheide im Volk gibt es nur dann, wenn die wichtigsten Parteien unfähig sind, eine kohärente Politik im Interesse der Bevölkerung zu verfolgen. Darum müssen wir den Blick wieder weiter nach vorne richten.

Anzeige

Dringend gesucht sind Antworten auf Fragen wie diese:

  • Wie sollen unsere Renten gesichert werden?
  • Wie bewahren wir unsere Natur?
  • Wie viel Zuwanderung braucht die Schweiz?
  • Wie viel kann sie verdauen?
  • Wie lösen wir unsere Verkehrsprobleme?
  • Was machen wir gegen die explodierenden Mietpreise?
  • Gegen die immer höheren Gesundheitskosten?


Und zwar nicht nur im nächsten Jahr, sondern weit darüber hinaus.

DIE MENSCHEN HABEN VERLUSTÄNGSTE
Das heutige Rezept: Wachstum und Zuwanderung. Aber mehr und schnelleres Wachstum alleine werden diese Probleme nicht lösen – schon gar nicht längerfristig.

Die Zuwanderung ist wie Medizin: Sie kann gut tun, heilen sogar. Aber entscheidend ist die Dosierung. Wenn die Dosierung zu hoch ist, wirds gefährlich.

Uns allen schwant, dass die Schweiz – und insbesondere Zürich – in diesem ungesteuerten Beschleunigungswettlauf bestenfalls zur Wellness-Oase für Reiche wird, während vorab der Mittelstand die Zeche dafür zahlen muss.  

Anzeige

In einer grossen Umfrage des Beobachters wollten wir wissen, was die Schweizer beschäftigt. 50'000 Antworten sind zurückgekommen. Resultat: 67 Prozent unser Leserinnen und Leser wollen vor allem eine massvolle und gesteuerte Zuwanderung.

Diese Leute sind ganz sicher nicht alle fremdenfeindlich. Sie haben vielmehr Angst, es gehe immer so weiter – ohne Möglichkeit einer Steuerung. Tatsache ist, dass die Schweiz im Rekordtempo verbaut wird: Dreimal die Fläche von Basel – in nur vier Jahren. Jedes Jahr kommt eine Stadt der Grösse St. Gallens hinzu. Zwar steigt dadurch unser Bruttoinlandprodukt, aber der Einzelne spürt kaum etwas davon. Und unsere Probleme in Pflege und AHV werden langfristig auch nicht kleiner, wenn stets mehr Menschen in der Schweiz leben. Denn auch die Zuwanderer werden einmal alt.

Anzeige

Darum passiert etwas ganz Normales: Die Menschen haben Verlustängste. Sie fürchten, verdrängt zu werden, ihre Wohnung zu verlieren, in der sie ihr ganzes Leben verbracht haben. Wo sollen alte Leute hin, wenn sie nur AHV und Pension haben und Mieten von 2000 Franken zahlen sollen?

Und – vielleicht noch wichtiger – wo sollen junge Leute eine Wohnung finden mit ihrem ersten, bescheidenen Lohn? Also grade jene, die für unsere Zukunft entscheidend sind, die die Schweiz vorwärts bringen, die planen und vorsorgen müssten für eine Zeit, in der die Renten alles andere als garantiert sind.

DAS GEFÜHL, ÜBERVORTEILT ZU WERDEN
Die Leute realisieren sehr wohl, was passiert. Dass scheinbar jeder vermögende Ausländer willkommen ist, dass steuerbegünstigte Liegenschaftsbesitzer ohne Anstrengung mit jedem Jahr reicher werden, dass man selbst Wirtschaftsflüchtlingen vieles ermöglicht, während jene, die mit bescheidenem Einkommen brav ihre Steuern bezahlen, kaum Aussicht auf Vergünstigungen haben.

Anzeige

Wenn aber in einer Gesellschaft das Gefühl gärt, man werde übervorteilt, man könne sich noch so abrackern und hätte doch keine Chance, es je auf einen grünen Zweig zu bringen, dann ist das eine brandgefährliche Entwicklung. Denn es ist der Leistungsgedanke, der die Schweiz stark gemacht hat und sie in ihrem Inneren zusammen hält.

Darum müssen wir bei der Zuwanderung dringend Tempo rausnehmen – auch wenn es ein paar Wachstumsprozente kostet. In einem Marathon gewinnt nicht der, der am schnellsten losstürmt, sondern jener, der seine Stärken am besten kennt und seine Kräfte einteilt. Und vor allem: in die richtige Richtung rennt.

Um diese Richtung zu finden, müssen wir aber erst mal offen über Vor- und Nachteile des aktuellen Wachstums reden. Uns auf gemeinsame Ziele einigen, darüber reden, welche Schweiz wir gemeinsam wollen. Und auch: Welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind.

Anzeige

«Wir müssen wieder schätzen lernen, was wir haben, bevor wir alles dem schnellen Wachstum opfern»: Andres Büchi

Quelle: Robert Ogniewicz

Dafür brauchen wir dringend eine neue Debattenkultur, in der man Probleme offen ansprechen kann, ohne vom politischen Gegner verunglimpft zu werden, auch dann, wenn man noch keine ideale Lösung hat für ein Problem.

Dazu müssen alle Vorurteile über Bord. Es ist nicht wachstumsfeindlich, wenn man nicht jeder Entwicklung hinterher hechtet. Es ist nicht reaktionär oder fremdenfeindlich, wenn man über das Mass der Zuwanderung reden will. Es ist nicht hinterwäldlerisch, wenn man skeptisch ist gegenüber einer EU, solange die sich gebärdet wie eine WG, in der ein paar wenige den Kühlschrank füllen und andere ihn leerfuttern.

Anzeige

Wir brauchen eine Debattenkultur, die aufhört mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die nicht unterteilt in gute und böse Meinungen, gute und böse Parteien. Wir brauchen eine politische Kultur, die aufhört mit simplen Links-rechts-Schemata und Wertungen wie «Toleranz ist gut» und «Populismus ist böse».

Denn Toleranz ist auch ein Begriff der Gleichgültigkeit. Wer immer nur tolerant sein will, nimmt auch Fehlentwicklungen in Kauf. «Toleranz», sagte der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann unlängst im Tages-Anzeiger, «ist oft nur ein anderes Wort für Feigheit.» Die Feigheit nämlich, dort zu handeln, wo es Missstände gibt.

Genauso wie Toleranz nicht nur gut ist, ist Populismus nicht nur schlecht. Wer Themen, die das Volk beschäftigen – Zuwanderung, Asylpolitik – einfach als populistisch abtut und nicht darüber reden will, der öffnet erst das Feld für Demagogen.

Anzeige

ZUHÖREN STATT IN SCHUBLADISIEREN
Medien und Politik müssen darum aufgreifen, was das Volk bewegt, auch wenn das populistisch ist. Denn die Kehrseite des Populismus ist die Ideologie, und die ist gefährlich. Dann drohen Denkverbote und Haltungen, die bereits im Vorfeld das Suchen nach Lösungen verunmöglichen. Genau diese Falle droht bereits heute – Sie wissen, welche Parteien Schuld daran tragen. Es fangen beide mit S an.

Wir brauchen wieder eine Debattenkultur, in der man einander zuhört, statt den Gegner in eine Schublade zu zwängen. In der man auf die Argumente eingeht, statt zuzulassen, dass es immer mehr «Wutbürger» gibt, die man hinterher intellektuell mühsam erklären muss.

Sonst drohen uns früher oder später Zustände wie am 1. Mai dieses Jahres, als Linksradikale das Motto prägten: «Verlieren wir die Beherrschung.»

Anzeige

Das Gegenteil ist nötig. Wir müssen die Beherrschung wieder gewinnen. Über abgehobene Banker, zockende Spekulanten, raffgierige Investoren, schamlose Immobilienhaie, über Steuerbetrüger und -hinterzieher genauso wie über jene, die glauben, sie könnten unser Sozialsystem missbrauchen.

Wir müssen jenen den Rücken stärken, die den Mittelbau bilden und sich je länger desto mehr übervorteilt fühlen. Wir brauchen Politiker, die «Es-lohnt-sich-Ziele» formulieren, die eine Vision einer ökonomisch und ökologisch gesunden Schweiz entwickeln, die sich für einen Staat einsetzen, in dem jeder seine Chance hat, durch ehrliche Arbeit, Einsatz und Ideen sein Lebensziel zu erreichen und für sein Alter vorsorgen zu können.

Dazu kann jeder von uns einen Teil beitragen. Hausbesitzer sollen auch Mietern eine Chance geben, die vielleicht nicht die Maximalmiete zahlen können. Arbeitgeber und auch die öffentlichen Verwaltungen sollen ihr Personal nicht im Ausland rekrutieren, nur um den günstigsten Arbeitnehmer einzustellen, sondern zuerst den Besten im Inland suchen.

Anzeige

Wenn wir das gemeinsam schaffen, bleibt die Schweiz einzigartig. Natürlich gibts auch dann keinen Anspruch auf ein 24-Stunden-Glück mit Designer-Wohnung und Sheba-Katze für alle.  Aber wieder ein bisschen mehr gemeinsame Werte und mehr Qualität statt Quantität.

Vielleicht liegt die einfachste Lösung für uns alle im Kleinen. Wir müssen wieder schätzen lernen, was wir haben, bevor wir alles dem schnellen Wachstum opfern.

Fragen Sie mal eine enge Freundin, wann sie das letzte Mal glücklich war? Sie wird vielleicht antworten: Was meinst Du, so richtig vollkommen glücklich? Wer so antwortet, erkennt das wahre Glück nicht. Er schätzt nicht, was wir jeden Tag hier haben können, wenn wir nur wollen, auch ohne kopflos loszurennen.

Ich schätze dieses kleine Glück, das mir Höngg da gibt, wo es noch Ruhe ausstrahlt.

Anzeige

Ich schätze dieses Glück, heute Abend hier sein zu dürfen und den 1. August mit Ihnen feiern zu dürfen,  und ich schätze das, was die Schweiz auch ohne Swissness stark macht.

Lassen Sie es uns bewahren.

Andres Büchi sprach auf Einladung des Quartiervereins Höngg, der jedes Jahr ein grosses 1.-August-Fest auf dem Kappenbühl über dem Stadtquartier Höngg veranstaltet.