Der Deutschschweizer – ein Pro­blem?» Diese Frage stellte der ­Beobachter vor gut 40 Jahren, er führte dazu eine Studie durch. Spätestens seit Annahme der Zuwanderungsinitiative vom 9. Februar gilt der Deutschschweizer wieder als Problemfall: für die Welschen, für viele Städter, für die EU. Für sie sind die Deutschschweizer hinterwäldlerisch, egoistisch, fremdenfeindlich. Für die Jasager hat sich der Deutschschweizer selbstbestimmt und traditionsbewusst gezeigt.

Nun kocht die Volksseele auf beiden Seiten. «Unsere Schweiz weist mehr Dynamik auf, als man gemeinhin annehmen könnte», schrieb der Beobachter 1973. Das politische Leben sei komplizierter geworden, die Reaktion der Bürger unberechenbar. In seiner Studie ergründete der Beobachter den Charakter der Deutschschweizer – und liess die Ergebnisse vom Grafiker Markus Seger bissig illustrieren (siehe Interview). Die Studie fragte nach Einstellungen, Sozialverhalten und Selbstbild. Einige Resultate verblüffen heute – da sich in 40 Jahren scheinbar nichts getan hat. Andere haben sich radikal verändert.

Wir schauen zurück und fragen drei Experten, wohin sich die Deutschschweizer entwickelt haben. Die Historikerin Brigitte Studer hat die sozialen Bewegungen der siebziger Jahre erforscht: «Damals ist sehr viel in Bewegung geraten.» Rufe nach so­zialer Gerechtigkeit, individueller Freiheit und Respekt vor der Natur seien damals laut geworden. «Die rebellische Jugend stiess auf viel Widerstand.» Die Mehrheit der Bevölkerung – von der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit geprägt – glaubte noch bedingungslos an Fortschritt und Wachstum.

In den siebziger Jahren gab es klare ideologische Lager, sagt Zukunftsforscher Andreas M. Walker. Heute sei Patchwork angesagt. Man setze seine Identität aus Mosaiksteinen zusammen und wähle mal links, mal rechts. Jeder trage in sich Widersprüche. «Wir sind heute an einem Sättigungsniveau angelangt. Die Angst vor Verlust ist sehr präsent.» Dem jährlichen «Sorgenbarometer» der Credit Suisse hat der Präsident von Swissfuture den «Hoffnungsbarometer» entgegengestellt. «Uns geht es gut. Wir sind das Erfolgsmodell der Welt.»

Glücksforscher Mathias Binswanger meint: «Inhaltlich herrscht heute Stillstand.» Seit den kreativen siebziger Jahren habe die Gesellschaft zwar riesige formale und technische Fortschritte gemacht, aber den grossen Fragen des Lebens weiche man lieber aus. «Man wurstelt sich so durch.» Deutschschweizer sehen sich zwar laut Umfragen als sehr zufrieden. Binswanger zweifelt aber an dieser Selbsteinschätzung: «In der Deutschschweiz herrscht das Gefühl, glücklich sein zu müssen.»

Die Fachleute für 2014

Mathias Binswanger, 51, ist Glücksforscher und Ökonom. Er lehrt an der Fachhochschule Olten und der Uni St. Gallen Volkswirtschaftslehre.

Anzeige
Quelle: Markus Seger

Brigitte Studer, 58, forscht als Professorin für Schweizer Geschichte an der Uni Bern zu Feminismus, Migration und der 68er Bewegung.

Quelle: Markus Seger
Anzeige

Andreas M. Walker, 48, beschäftigt sich als Co-Präsident des Vereins Swissfuture mit der Zukunft. Er hat Geschichte und Geografie studiert.

Quelle: Markus Seger

Ausländer

Quelle: Markus Seger
Anzeige

1973

«Schmutzig» und «fleissig»: Ausländer polarisieren.

«Fremdarbeiter überfüllen unsere Spitäler»: Diese Aussage bejahen in der Beobachter-Studie von 1973 rund 60 Prozent der Befragten. Noch mehr meinen: «Fremdarbeiter sind fröhlich und lärmig.» Sie nehmen die Wohnungen weg, meinen 51 Prozent, sind «streitsüchtig» und «schmutzig», gut 40 Prozent. Aber: Sie leisten wertvolle Arbeit und tragen zum Wohlstand bei, finden fast 80 Prozent. Der Deutschschweizer sei skeptisch allem Ungewohnten gegenüber, schreiben die Autoren der Studie. Vom Ausland werde ihm oft Fremdenfeindlichkeit attestiert. In unvertrauten Situationen sei er kompliziert und unbeholfen, was ihn kontaktscheu erscheinen lasse. «Seinen Gefühlen spontan Ausdruck zu geben scheint nicht die hervorstechendste Eigenschaft des Deutschschweizers zu sein.» Nur 37 Prozent bezeichnen den Deutschschweizer als tolerant. 96 Prozent betitelten Toleranz aber als wünschenswerte Eigenschaft. «Der Deutschschweizer wird wohl schlecht über seinen Schatten springen können», meinen die Autoren.

2014

«Dichtestress» etc.: Alte Muster kehren zurück.

Brigitte Studer, Historikerin: Es gibt eine Rückkehr zu alten Argumenten: Schuld sind die Ausländer – an der überfüllten Infrastruktur, am knappen Wohnungsangebot. Wie damals bei den italienischen Arbeitern werden heute wieder Stereotype betont. 1964 wurde für die Italiener der Familien­nachzug erleichtert. Das schürte die Angst vor zu vielen Einwanderern. Kurz vor der Beobachter-Umfrage wurde 1970 die Schwarzenbach-Initiative gegen Überfremdung nur knapp abgelehnt. Sie hat damals extrem mobilisiert, wie heute die SVP-Initiative.

Anzeige

Bis 1991 kannte die Schweiz das Saisonnierstatut. Die Arbeitskräfte kamen ohne Familie und nur zum Arbeiten während der jeweils neunmonatigen Saison. Damit hatte die Schweiz ein Modell ent­wickelt, bei dem sie nur den Nutzen ohne Kosten bezog. Mit der Personenfreizügigkeit hat sich das verändert. In den achtziger und neunziger Jahren wurde von den Behörden in der Ausländerpolitik stärker auf Integra­tion fokussiert. Heute wird das alte Modell «Nutzen ohne Kosten» zurückgefordert.

Quelle: Markus Seger

Andreas M. Walker, Zukunftsforscher: Multi­kulti und der Umgang mit Minderheiten ist in der Schweiz seit Jahrhunderten Realität – wegen der Einwanderung und wegen unserer vier Sprachregionen. Aber leider können wir den geübten Umgang damit nicht als Stärke einbringen.

Vor der Zuwanderungs­initiative argumentierten beide Seiten nur negativ. Die einen mit Angst vor Überfremdung, die anderen vor Abschottung. Politiker haben ein Interesse, Ängste zu schüren. Die Sorgen muss man aber derzeit fast herbei­reden. 2013 war das Bedrohungsempfinden so tief wie seit 25 Jahren nicht mehr.

Anzeige
Quelle: Markus Seger

Leistung und Ordnung

Quelle: Markus Seger
Anzeige

1973

Leistung vor Gefühlen: Der Schweizer will Erfolg.

99 Prozent der Befragten nennen einen befriedigenden Beruf als wichtigstes persön­liches Ziel. 98 Prozent der Hausfrauen sagen dasselbe.

An zweiter Stelle steht mit 97 Prozent ein harmonisches Familienleben. «Der Charakter des typischen Deutschschweizers ist geprägt vom Leistungsprinzip», schreiben die Autoren der Beobachter-Studie. Der Deutschschweizer habe ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ordnung und Sauberkeit sowie ein hohes Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein. «Er strebt nach Erfolg! Sein Ziel ist eine finanziell gesicherte Existenz.» Die Jungen und die gut Ausgebildeten stünden dem Leistungsprinzip aber eher kritisch gegenüber.

Glücklich macht es den Deutschschweizer der frühen siebziger Jahre nur bedingt: 56 Prozent glauben, dass der Deutschschweizer mit dem heutigen Leben eher unzufrieden sei, bei den Jüngeren gar 62 Prozent. Beim idealen Deutschschweizer wünschen sich die Befragten denn auch mehr Fokus auf Gefühle, die Beziehung zu den Mitmenschen und das Glück.

2014

Sinn vor Karriere: Sozialleben ist wichtiger.

Mathias Binswanger, Glücksforscher: Wir sind zwar weniger verbohrt und verklemmt als in den siebziger Jahren, aber bei der Lebensfreude sind wir noch immer ein Entwicklungsland. Es geht nach wie vor hauptsächlich um Leistung, Sauberkeit und Besitz. Das macht uns aber nicht unbedingt glücklich. Ein gutes Sozialleben ist nämlich entscheidender für die Zufriedenheit. Der Mensch ist nicht sehr glücklich als Tiger im Dschungel, sondern eher als Schaf in der Herde.

Quelle: Markus Seger
Anzeige

Brigitte Studer, Historikerin: Die jungen Leute in den siebziger Jahren haben zwar das Leistungsprinzip in Frage gestellt, aber sie haben ihm nicht abgeschworen. Sie haben nur ein anderes Verständnis von Leistung entwickelt. Es ist ganzheitlicher, kreativer und selbstbestimmter. Sie haben die starren Hierarchien aufgeweicht und einen cooleren Umgang am Arbeitsplatz etabliert. Dank ihnen duzen wir heute vielerorts auch den Chef. Der Leistungsdruck am Arbeitsplatz hat parallel dazu allerdings überhaupt nicht abgenommen. Im Gegenteil, er hat sogar massiv zugenommen.

Quelle: Markus Seger

Andreas M. Walker, Zukunftsforscher: In den siebziger Jahren glaubte man: Wer fleissig, brav und arbeitswillig ist, bekommt einen guten Arbeitsplatz. Die anderen sind selber schuld. Da haben wir eine moralische Schlagseite – heute noch. Eigenverantwortung wird in der Deutschschweiz sehr hoch gewichtet. Unser Hoffnungsbarometer von Swissfuture zeigt aber, dass uns heute Sinn wichtiger ist als Karriere und Lohn. Das ist ein Zeichen von Wohlstand. In Sachen Spontaneität erleben wir hingegen einen Rückfall: Wir bevormunden uns selbst mit immer neuen Gesetzen und Überwachung.

Anzeige
Quelle: Markus Seger

Frauen und Männer

Quelle: Markus Seger
Anzeige

1973

Männer und Frauen sehen nur die tüchtige Hausfrau.

Das Verdikt ist klar: 98 Prozent der Befragten – Männer wie Frauen – sehen in der Frau vornehmlich eine tüchtige Hausfrau. Und Hausfrau sei sie auch gerne, meinen 80 Prozent der Frauen und 72 Prozent der Männer.

Die Hierarchie ist eindeutig: 77 Prozent der Männer und Frauen glauben, dass sich der Deutschschweizer Mann der Frau überlegen fühlt. Nur 22 Prozent glauben, dass der Mann in Zukunft gern eine Frau als Chefin hätte. Erst zwei Jahre vor der Studie gestanden die Männer 1971 den Frauen das Stimmrecht zu.

Viele zeigen sich 1973 unzufrieden mit den Geschlechterrollen: 92 Prozent finden, dass sich Mann und Frau gleich viel um die Kinder kümmern sollten. Gut die Hälfte findet, dass sich der Mann zu wenig kümmere. «Bis zur Gleichberechtigung haben die Deutschschweizer noch einen weiten Weg zurückzulegen», sagen die Autoren.

2014

Männer zaubern Menüs, Frauen arbeiten Teilzeit.

Brigitte Studer, Historikerin: Damals war die Hausfrau noch eindeutig das dominierende Bild. Es gab aber schon Anzeichen von Wandel. Heute könnte man nicht mehr sagen, dass man die Frau vor allem als Hausfrau sieht, selbst wenn man es noch denken würde. Der Diskurs hat sich radikal geändert. Die Tatsachen hingegen nur bedingt: Heute helfen die Männer zwar mehr im Haushalt mit, aber die Hauptarbeit liegt nach wie vor bei den Frauen.

Quelle: Markus Seger
Anzeige

Andreas M. Walker, Zukunftsforscher: Männer mögen heute noch keine Chefinnen. Das zeigt unser Hoffnungsbarometer. Frauen hingegen wählen auch weibliche Führungskräfte. Der Pillenknick Ende der sechziger Jahre hat viel bewirkt. Vorher war klar: Wenn eine Frau eine sexuelle Beziehung einging, wurde sie schwanger – und somit fand die Arbeit zu Hause statt.

Die Frau als Haupt­ernährerin hat sich heute noch nicht durchgesetzt. Die meisten Frauen sind nicht bereit, das Einkommen für die ganze Familie zu garantieren. Viele kehren zurück zur Idee, bewusst Hausfrau und Mutter zu sein, wenn auch nur in Teilzeit. Die Männer hingegen wollen nicht für den Grundbedarf im Haushalt zuständig sein. Wenn sie sich engagieren, muss es mit Leistung zu tun haben: etwa ein exquisites Fleischmenü zubereiten.

Männer wollen aber vermehrt aktive Väter sein. Sie sind bei der Geburt dabei, sie wechseln Windeln und trösten. In Zukunft wird die Familie mehr wie eine Kleinfirma funk­tionieren, als Fusion zweier Ich-AGs: Beide Partner arbeiten von zu Hause aus und wechseln sich mit der Kinderbetreuung flexibel ab. Der Wandel ist noch nicht voll­zogen, aber wir erkennen ihn schon jetzt.

Quelle: Markus Seger
Anzeige

Mobilität

Quelle: Markus Seger

1973

Deutschschweizer zügeln höchstens hie und da.

Man solle das Leben immer am selben Ort verbringen, meinen 36 Prozent der Studienteilnehmer von 1973. 75 Prozent glauben, dass die Schweizer auch in Krisensituationen das Land nicht verlassen würden.

Die Verbundenheit und Verwurzelung des Deutschschweizers mit der Schweiz, dem eigenen Wohnsitz und dem Arbeitsplatz sei gross, meinen die Autoren – obwohl mehr als die Hälfte der Befragten aussagen, «man solle hie und da zügeln». Die Ortsverbundenheit schliesse aber «Lehr- und Wanderjahre» und das Kennenlernen anderer Länder nicht aus, sagen die Autoren. Der Trend, vermehrt ins Ausland zu gehen, werde ohne Zweifel zunehmen. Die Jungen würden dies begrüssen. «Die Erfordernisse der heutigen Zeit lassen ja keinen grossen Widerstand zu», schreiben die Autoren. «Die Landwirte dagegen sind noch mehr mit der Scholle verbunden.» Gemäss Studie muten sie dem Deutschschweizer nicht einmal «Inlandwanderungen» zu. Trotz erhöhter Mobilität werde der Deutschschweizer stets sesshaft bleiben, glauben die Autoren.

Anzeige

2014

Deutschschweizer pendeln jeden Tag.

Mathias Binswanger, Glücksforscher: Wir Schweizer schlagen typischerweise einmal Wurzeln an einem neuen Ort, und dort bleiben wir. Es gibt drei Stufen der Biografie: Zuerst wächst man an einem Ort auf, dann zieht man für Berufseinstieg oder Studium nach Zürich, und dann kauft man sich ein Einfamilienhaus auf dem Land. Hierzulande ist der Hauskauf ein Lebensentscheid. Danach ändert man den Wohnort nicht mehr. Den Arbeitsort hingegen ändern wir. Also pendeln wir. Wir sind immobil beim Wohnen und werden darum täglich mobiler beim Arbeitsweg. Das geht, weil die Schweiz so klein und die Verkehrsinfrastruktur so gut ausgebaut ist.

Das Problem ist: Pendeln macht unglücklich. Das zeigen Umfragen. Je kürzer der Arbeitsweg, desto zufriedener ist der Mensch. Das Glück vom Einfamilienhaus auf dem Land erweist sich oft als Illusion.

Quelle: Markus Seger
Anzeige

Andreas M. Walker, Zukunftsforscher: Wir sind wieder zu Nomaden geworden – zu Lebensabschnitts-Nomaden. Wir reisen, studieren und arbeiten ein paar Jahre im Ausland, dann ziehen wir in unseren Heimatort zurück. Von dort pendeln wir zur Arbeit. Die heutige Gesellschaft ist voller Widersprüche, extrem mobil und gleichzeitig extrem immobil. Wir haben eine Patchwork-Identität, ärgern uns über die Umweltverschmutzung, fliegen aber in den Ferien für fünf Tage nach Marokko.

Die technischen Möglichkeiten, von zu Hause aus zu arbeiten, sind da. Wir werden sie in Zukunft mehr nutzen – Arbeitszeit und -ort werden flexibilisiert. Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit haben wir ohnehin schon gesprengt.

Quelle: Markus Seger

Technik

Quelle: Markus Seger
Anzeige

1973

Zukunftsangst: Von der Informationsflut überfordert.

Jeder zweite Befragte findet 1973, dass man sich in der Menge der Informationen nicht mehr zurechtfindet. Und 66 Prozent meinen, dass sich der Mensch in einer Welt, die von Technik regiert wird, nicht mehr wohl fühle. 23 Prozent sind gar der rigorosen Auffassung, die Weiterentwicklung der Technik und der Wissenschaft sei sinnlos, sie führe die Menschheit nur ins Verderben.

Die Zukunft macht offenbar vielen Befragten Sorgen: 43 Prozent glauben, dass sie eher Negatives bringen wird, nur 38 Prozent, sie werde eher Gutes bringen. Pessimistisch sind vor allem die Frauen, die Jüngsten und die Ältesten und die obere Mittelschicht. Die «überbordende Fortschrittsgläubigkeit» sei einem gedämpften Optimismus gewichen, meinen die Autoren: «Für die Jungen dominiert die Skepsis gegenüber einer technologischen Fortschrittsgläubigkeit.» Für sie berge die Technik ernste Bedrohungen. «Den Ältesten hingegen ist die Übersicht verloren gegangen. Sie haben deutliche Angst davor, dass der Mensch dem rasanten Fortschritt der Technik nicht mehr Herr wird.»

2014

Ablenkung: Von den Medien verführt.

Mathias Binswanger, Glücksforscher: Es war schon immer so, dass sich der Mensch von den technischen Neuerungen überfordert fühlte. Wir meinen immer, gerade in der grössten Umwälzung zu stecken. Die Erfindung der Eisenbahn war aber wohl die markantere Umwälzung als das Internet.

Das Gefühl, dass alles sich immer schneller ändert, kann man bis zu den Römern zurückverfolgen. Für uns wirkt die Stube der siebziger Jahre beschaulich. Vergleicht man sie aber mit den zwanziger Jahren, war das schon eine Informationsflut. Die Wachstumskritik ist in den siebziger Jahren aufgekommen. In den boomenden achtziger und neunziger Jahren ist sie eingeschlafen. Heute stellen wir die Frage nach den Grenzen des Wachstums wieder, sie ist salonfähig. Die Finanzkrisen haben uns gezeigt, wo Wachsen um jeden Preis hinführt.

Anzeige

Die neuen Medien sind sehr verführerisch, weil man beim Konsum nichts leisten muss. Es fliegen uns einfach Bilder und Töne entgegen. Das stört die Konzentration. Wir müssen uns selbst Grenzen setzen.

Quelle: Markus Seger

Brigitte Studer, Historikerin: In den zwanziger Jahren gab es noch viele Tüftler, die ein Radio selbst basteln konnten. Mit dem Fernseher und später dem Computer wurden Geräte entwickelt, die ein Normalbürger nicht mehr verstehen kann.

Wir sind fremdbestimmt vom technischen Wandel. Die Veränderungen kommen vom Markt, und wir müssen mitmachen. Wir müssen im Beruf stets lernfähig bleiben, uns den veränderten Rhythmen anpassen. Heute wie in den siebziger Jahren fühlen sich die Leute davon zunehmend überfordert. Denn jede Anpassung bringt auch Verluste.

Quelle: Markus Seger
Anzeige

«Die Jungen trauen sich fast nichts mehr. Sie haben Angst, auf den Deckel zu bekommen»: Markus Seger, Grafiker

Quelle: Markus Seger

«Wir sind noch die gleichen Sürmel»

Markus Seger hat 1973 die Beobachter-Studie illustriert – mit viel Biss. Zu den heutigen Deutschschweizern hat der Grafiker eine ebenso dezidierte Meinung wie damals.

Beobachter: Markus Seger, was fällt Ihnen ein, wenn Sie an die siebziger Jahre denken?
Markus Seger
: Viele Farben, bunte Muster und Schlaghosen: Das trugen wir Grafiker damals – sehr hippiemässig. Die siebziger Jahre waren eine Aufbruchzeit für mich.

Beobachter: Gehörten Sie zu den rebellischen Jungen?
Seger: Ich war sehr kritisch gegenüber der Gesellschaft und eher links. Das damalige Spiessbürgertum hat mir nicht behagt. Ich war definitiv von den sechziger Jahren geprägt.

Beobachter: Sie haben 1973 die Beobachter-Umfrage zur Deutschschweizer Befindlichkeit kritisch illustriert – zum Beispiel das typische Besitzdenken. Ist das heute noch so vorhanden?
Seger: Das ist heute noch viel mehr so. Viel zu besitzen ist unerlässlich geworden. Damals wollte man sich zwar diese satte Bürgerlichkeit erarbeiten, eine Hütte kaufen und dann im Dorf zu den Mehrbesseren gehören. Heute gibt es ein aufgeregtes Elitedenken und kaum Bescheidenheit. Wir meinen, wir könnten ohne Auto und topmoderne Küchengeräte nicht leben. Unsere Ansprüche sind extrem hoch.

Anzeige

Beobachter: Wie steht es mit dem Leistungsprinzip? Rennen wir noch immer so gestresst durchs Leben?
Seger: Der Druck ist sogar grösser geworden. Ich beneide die Jungen von heute nicht. Sie brauchen Diplome, müssen viel leisten. Sie trauen sich kaum zu widersprechen, haben Angst, auf den Deckel zu bekommen. Früher gab es zwar eine strenge und bisweilen groteske Beamtenhierarchie, wie ich sie als Werbechef bei den SBB erlebte. Aber dieses kalte, unmenschliche Klima, das heute im höheren Management herrscht, erschreckt mich. Wenn man diesen Druck bis zur Pensionierung erlebt, ist der Leichenwagen tatsächlich nicht mehr weit weg.

Beobachter: Sie haben den verwurzelten Schweizer mit einer Fussfessel gezeichnet. Ist er mobiler geworden?
Seger: Wir Berner sind immer noch die gleichen Sürmel. Wir denken, ausserhalb von Bern gebe es nichts. Auch die Walliser halten sich aneinander fest, wenn sie in der «Üsserschwyz» leben müssen. Aber natürlich ist man heute mobiler. Die Leute leben selbstverständlich eine Weile in einer anderen Stadt oder im Ausland – kehren aber wieder zurück. Dann pendeln sie jeden Tag drei Stunden. Ich finde das wahnsinnig.

Beobachter: Die fröhlichen und lärmigen Italiener, die Sie gezeichnet haben, sind heute kein Thema mehr.
Seger: Die sind längst integriert. Damals sagte man: Fremdarbeiter überfüllen unsere Spitäler. Heute würden die Spitäler ohne ausländisches Personal gar nicht mehr funktionieren. Trotzdem sind die Animositäten gegenüber Einwanderern harscher. Man unterstellt ihnen Kriminalität. Unter Gebildeten gibt es aber sehr weltoffene Schweizer.

Beobachter: Auf einer Ihrer Illustrationen schwebt der Mann im Himmel, die Frau schrubbt den Boden.
Seger: Das hat sich drastisch geändert. Aber nicht, weil die Männer gesagt haben: «Jöö, ihr Armen, wir gehen so schlecht mit euch um.» Das haben sich die Frauen selbst erkämpft.

Anzeige

Beobachter: Wie haben Sie das früher erlebt?
Seger: Wie sexistisch Männer damals über Frauen geredet haben! Völlig absurd. Es gibt diese Exemplare zwar heute noch, aber die Fakten sind zum Glück anders.

Beobachter: Vor 40 Jahren beklagte man die Informationsflut. Wir klagen heute noch darüber.
Seger: Die Flut ist viel, viel grösser geworden. Man hat das Smartphone stets vor den Augen und zieht sich permanent Informationen rein. Es ist für viele eine Vollzeitbeschäftigung. Für meine Generation ist das nicht einfach. Auch ich arbeite fast nur noch am Computer. Mein PC ist gerade beim Doktor. Zuerst dachte ich: Was mache ich jetzt? Ich kann doch ohne nicht arbeiten! Dann habe ich den Bleistift hervorgeholt und angefangen zu zeichnen. Das macht Spass!

Markus Seger, 70, hat als Werbetexter und Art Director jahrelang in Zürich gearbeitet. 1981 bis 1999 war er Werbechef der SBB. Heute ist er selbständiger Kommunikationsberater in Ittigen BE.