Oft sind sie haarsträubend, manchmal traurig und meistens unglaublich – die «So nicht!»-Fälle im «Quer». Die Sendung mit Röbi Koller greift jede Woche einen aussergewöhnlichen Fall aus dem Beratungszentrum des Beobachter auf. 27 mal donnerte dieses Jahr die Faust auf den Tisch, als es hiess: «So nicht!». In dieser Rubrik erzählen wir Geschichten von Menschen im Clinch mit Ämtern und Institutionen. «So nicht!» zeigt dem Amtsschimmel die Peitsche und bietet der Behördenwillkür die Stirn.

Ein Spielplatz ist kein Kinderspiel
Am 25. Mai berichteten wir über den tristen Spielplatz von Stilli im Kanton Aargau. Mit grossem Einsatz hatten Eltern und Kinder Geld gesammelt. Die Kinder verkauften Selbstgebasteltes, die Eltern bemühten sich um Spenden. So kamen nicht weniger als 20'000 Franken zusammen. Mit diesem stolzen Budget beauftragte der Gemeinderat von Stilli einen Fachmann mit der Planung des Spielplatzes. Das Resultat: Eine triste Anlage mit unbrauchbaren Spielgeräten. Eine Rutschbahn wurde mit einer gewöhnlichen Packschnur auf einem lieblos angelegten Schutthaufen befestigt. Auf einer Spielseilbahn verunglückten zwei Kinder schwer. Ein Experte des Bundesamtes für Unfallverhütung (BfU) erteilte der Anlage miserable Noten. Schnell verging den Kindern von Stilli die Freude an der Spielruine.

Nach der Intervention von Beobachter und «Quer» handelt der Gemeinderat. Mit grosszügigen Spenden von privaten Firmen wird am gleichen Ort ein neuer Spielplatz geplant. Am 17. November ist das halbe Dorf auf den Beinen und hilft mit, die neuen Spielgeräte aufzubauen. Endlich haben die Kinder von Stilli einen Spielplatz, der diesen Namen auch verdient.

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Velounfall mit fatalen Folgen
Am 30. März erzählten wir die tragische Geschichte von Ingrid Otto. Vor neun Jahren stiess sie auf ihrem Fahrrad in einer unübersichtlichen Unterführung bei Wettingen mit einer anderen Velofahrerin zusammen. Beim Sturz zog sie sich schwere Verletzungen am rechten Ellbogen zu. Seither kann sie die Hand nicht mehr richtig bewegen und ist auf eine Invalidenrente angewiesen. Die unübersichtliche Unterführung ist nicht signalisiert. Doch selbst nach dem schweren Unfall von Ingrid Otto sehen die Behörden keinen Handlungsbedarf. Erst nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung werden die beiden Velofahrerinnen freigesprochen. Das Gericht entscheidet, dass die Unfallstelle besser gesichert werden muss. Ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen Gemeinde, Kanton und Versicherungen nimmt seinen Anfang.

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Ingrid Otto geht es in dieser Zeit schlecht. Sie erhebt eine Schadensersatzklage gegen den Kanton Aargau, der für die Signalisation der Unterführung zuständig ist. Bis der Fall endlich abgeschlossen ist, dauert es unglaubliche neun Jahre. Neun Jahre Expertisen, Gerichtsverhandlungen, Versicherungsstreitereien und Anwaltstermine. Vor wenigen Wochen endlich wird der Fall definitiv abgeschlossen. Ingrid Otto bekommt 982'000 Franken Schadenersatz vom Kanton. Das Geld hat sie angelegt. Es soll ihr für die Zukunft eine sichere Rente garantieren. Die Kosten für Anwälte und Gerichtsverhandlungen zu Lasten der Versicherungen haben in all den Jahren fast eine halbe Million Franken verschlungen.

Für Ingrid Otto steht fest: Jahrelange Gerichtsverfahren und Streitereien der Versicherungen sind ein Albtraum für die Betroffenen. Hilflos müssen sie miterleben, wie aus ihrem persönlichen Schicksal ein trockener Gerichtsstoff wird, der von den Streitparteien zerzaust und umkämpft wird. Ohne Rechtsschutzversicherung wäre Ingrid Otto in den Jahren nach ihrem Unfall in ein finanzielles Loch gefallen. Deshalb fordert sie heute ein Gesetz, das eine Maximaldauer von Versicherungsverfahren festlegt – ein wünschenswerter Vorschlag, der leider wenig realistisch ist.

Ohne Papiere keine Aufenthaltsbewilligung
Am 24. August porträtierten wir den Palästinenser Camal Al-Seid aus Kreuzlingen. Der 31jährige wuchs in Hebron auf. Sein Vater starb im Krieg, seine Mutter bei seiner Geburt. Im Schlepptau eines Onkels beginnt eine jahrelange Odyssee um die halbe Welt. Mit 19 Jahren verunfallt Camal Al-Seid in Tunesien schwer. Seither sitzt er im Rollstuhl. Im Sommer 1992 kommt der in die Schweiz. Sein Onkel ist völlig überfordert und lässt seinen Schützling am Zürcher Hauptbahnhof allein sitzen. Camal Al-seid ist schwerkrank, sein Aufenthalt in der Schweiz beginnt mit einem dreimonatigen Spitalaufenthalt.

Camal Al-Seid hat noch nie Papiere besessen, nicht einmal eine Geburtsurkunde existiert. Weder die palästinensischen noch die israelischen Behörden können seine Identität bestätigen. Juristisch gesehen hält er sich also illegal in der Schweiz auf. Im Oktober 2000 heiratet er Gülcan Inel. Die gebürtige Türkin lebt seit 28 Jahren in der Schweiz und besitzt den Schweizer Pass. Kennengelernt haben sich die beiden im Spital.

Wer eine Schweizerin oder einen Schweizer heiratet, hat Anspruch auf eine Aufenthaltsbewilligung. Nicht so Camal Al-Seid. Die Thurgauer Behörden sprechen Klartext: Ohne Ausweispapiere keine Aufenthaltsbewilligung. So ändert sich für Camal Al-Seid nur eins: Seit der Hochzeit muss seine Frau für ihn aufkommen und nicht mehr das Sozialamt Kreuzlingen. Camal Al-Seid will seine Frau unbedingt finanziell unterstützen, doch ohne Aufenthaltsbewilligung darf er nicht arbeiten. Er rekurriert gegen den negativen Entscheid der Behörden. Doch das Ausländeramt bleibt hart. Einmal mehr werden Nachforschungen zu Camal Al-Seids Identität angestellt.

Erst nach wiederholter Intervention von «Quer» und Beobachter kommt Bewegung ins Verfahren. Am 30. November bekommt Camal Al-Seid Post. Das Ausländeramt des Kantons Thurgau erteilt ihm eine provisorische Aufenthaltsbewilligung. Endlich ist der Weg frei, einen Job zu suchen. Der diplomierte Büroangestellte ist zuversichtlich, dass er bald arbeiten und somit seine Frau Gülcan unterstützen kann.

Im Studio: Irmtraud Bräunlich, Beraterin und Redaktorin Beobachter sowie Ingrid Otto und Camal Al-Seid.