Die Nacht auf den 1. November 1986 wird Katja Hugenschmidt niemals vergessen. «‹Es riecht eigenartig ­draussen› – mit diesen Worten weckte uns die Tochter nach ein Uhr. Kurz darauf hörten wir die Sirenen. Die Polizei fuhr durchs Quartier und forderte uns via Lautsprecher auf, Fenster und Türen zu schliessen.» Als Hugenschmidt in ihrer Wohnung in Basel vom Brand in Schweizerhalle erfährt, überfällt sie Angst. Dass die dort gelagerten Agrochemikalien von Sandoz gefährlich sind, weiss sie. «Der erste Gedanke war: Nun kommt es zur absoluten Katastrophe.»

Die Flammen schlugen 60 Meter hoch

Hugenschmidts nehmen die Kinder zu sich ins Bett, an Schlaf ist nicht zu denken. Bilder kommen hoch – von Bhopal, wo Tausende durch Gas vergiftet wurden, von Seveso und Tschernobyl. Im zehn Kilo­meter entfernten Werk Schweizerhalle in Muttenz BL brennen unterdessen 1351 Tonnen Insektizide und Herbizide. Bis zu 60 Meter hoch schlagen die Flammen, Fässer explodieren, Feuerwehrschläuche schmelzen, so heiss ist der Brand. Erst nach Stunden ist die Situation unter Kon­trolle – und das Inferno abgewendet: Nicht auszumalen, was passiert wäre, hätten sich die nebenan gelagerten gewaltigen Mengen an Natrium und leicht brennbaren Flüssigkeiten entzündet.

Am Morgen danach lauscht Katja Hugenschmidt den Nachrichten. Sie sollte eine Realschulklasse unterrichten. Bleibt die Schule geschlossen oder nicht? «Um sechs Uhr teilte die Regierung mit, der Unterricht sei abgesagt. Eine Stunde später gab sie plötzlich grünes Licht.» Darüber ­ereifert sich die damals 38-Jährige heute noch: «Das war fahrlässig, da die Behörden die Gefährlichkeit der Lage gar nicht einschätzen konnten.»

In der Stadt registriert Hugenschmidt an diesem Tag eine «wache, empörte Stimmung»: «Man begann mit wildfremden Leuten zu sprechen.» Bald ziehen neben Sandoz die Politiker den Ärger auf sich. «Die Regierung hat das Gesicht verloren, da sie alles verharmloste. Wir fühlten uns wie in einer Bananenrepublik.» In der Stadt tauchen Plakate auf, die der Wut Ausdruck verleihen. «Tote Fische schwimmen mit dem Strom. Lebende dagegen», heisst es, oder: «Je röter, desto töter.»

Mit toten Fischen beworfen

Der von den Chemikalien rot gefärbte Rhein ist das bis heute bleibende Bild. Im ganzen Rhein verenden Fische, bis nach Rotterdam. Doch nicht alle wollen das Ausmass des Desasters wahrhaben. So erklärt ein Sandoz-Vertreter bald, es sei bloss eine «ausserordentlich empfindliche Fischsorte, die Äsche, zu Schaden gekommen». Wer die TV-Aufnahmen von damals sieht, staunt, wie unbedarft das Unternehmen kommunizierte. Kein Wunder, gerät die kritische Bevölkerung in Wallung: Bei einer Veranstaltung werden Behörden- und Firmenvertreter mit toten Fischen beworfen.

Für Katja Hugenschmidt – und viele andere auch – wird klar: «Wir Bürger müssen aktiv werden. Politische Veränderungen passieren nur unter Druck.» Sie engagiert sich bei «Ökostadt Basel». Ziel dieser Bürgerbewegung ist es, die städtische Lebensqualität auf umweltfreundliche Art zu erhöhen. 1988 hat der Verein 700 Mitglieder, die in Zukunftsworkshops Ideen für eine nachhaltige Stadt Basel entwickeln. Die Vision mündet in pragmatische Polit- und Quartierarbeit. Man engagiert sich etwa für Grünflächen, Kompostplätze oder gegen Autoverkehr und organisiert Biomärkte. Heute steht die Zukunft des überalterten Vereins laut Hugenschmidt, die seit 1993 Präsidentin ist, in den Sternen.

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Gifte noch heute im Grundwasser

Dennoch hat sich das Engagement gelohnt, findet die 63-Jährige. Die ganze Ökobewegung habe vieles bewirkt – etwa, dass Basel als Vorreiter zu einem griffigen Umweltgesetz kam. Das Sicherheitsmanagement der Chemieindustrie ist inzwischen um Welten professioneller als 1986 – wobei allerdings die Gefahr in Basel auch aufgrund der zunehmenden Verlagerung der Produktion ins Ausland abgenommen hat.

Dennoch lässt Schweizerhalle Katja Hugenschmidt bis heute nicht los. Sie hat erfahren, dass der Brandplatz noch immer eine Umweltbedrohung darstellt, da mehr Schadstoffe als ursprünglich vereinbart ins Grundwasser gelangen. Kritiker monieren, dass die Behörden und Novartis als Nachfolgerin von Sandoz die damals getroffenen Vereinbarungen bis heute nicht umgesetzt haben. «Ein Skandal», findet Hugenschmidt, und ihre Stimme wird noch einmal laut. Sie wird dabei sein, wenn am 1. November 2011 ein Grüppchen in Basel zum 25. Mal der Katastrophe gedenkt.