1. Home
  2. Bürger & Verwaltung
  3. AKW Mühleberg: Ein Spiel auf Zeit

AKW MühlebergEin Spiel auf Zeit

Der Kernmantel hat Risse, und niemand weiss, ob das AKW Mühleberg einem Erdbeben oder einem Flugzeugabsturz standhalten würde. Dennoch gibt das Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) grünes Licht. Die Betreiberfirma BKW freuts – auch wegen der Rendite.

Seit 42 Jahren in Betrieb: Das AKW Mühleberg.
von

Medienkonferenzen an der Industriestrasse 19 in Brugg haben etwas Vorhersehbares: Die Journalistinnen und Journalisten wissen, dass zwar Schwerwiegendes, aber nichts Überraschendes verkündet wird. Die anwesende Führungscrew des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) wiederum weiss, dass dazu kritische Fragen gestellt werden, und verbietet deshalb den ebenfalls routinemässig anwesenden Vertretern von atomkritischen ­Organisationen gleich zu Beginn, sich zu Wort zu melden.

So überraschte es denn Ende Ja­nuar niemanden, als Ensi-Direktor Hans Wanner verkündete, dass das AKW Mühleberg bis zum vorgesehenen Betriebsende im Jahr 2019 weiterlaufen dürfe und die Aufsichtsbehörde im Gegenzug bloss in vier Punkten Verbesserungen an der Sicherheit verlange. Seit der Katastrophe im praktisch baugleichen Reaktor in Fukushima im März 2011 sind immer wieder kleine Massnahmen verfügt worden, die die Sicherheit des AKWs westlich von Bern verbessern sollen – praktisch alle mit grosszügigen Fristen, die die Betreiberin, die BKW Energie AG, mehr oder weniger problemlos einhalten konnte.

Und seit die BKW angekündigt hat, dass sie Mühleberg im Jahr 2019 aus wirtschaftlichen Gründen stilllegen wolle, gelten sowieso andere Mass­stäbe. Das sei «eine neue Situation», erklärt Ensi-Direktor Hans Wanner. Mühleberg muss nun nicht mehr die Sicherheitsbedingungen für einen unbeschränkten Langzeitbetrieb erfüllen, sondern nur noch für die verbleibenden knapp fünf Jahre sicher sein.

Plötzlich reichen 15 Millionen Franken

In seinen neusten Erlassen macht das Ensi der BKW deshalb verschie­dene Zugeständnisse:

Es gehört auch zu den Ritualen der Medienkonferenzen an der Industriestras­se 19 in Brugg, dass die Vertreter atomkritischer Organisationen sich danach bereitwillig den Fragen der Journalistinnen und Journalisten stellen und dabei selbstverständlich keinen guten Faden an den Bekanntmachungen des Ensi lassen. Weniger strenge Auflagen, weil die Anlage nur noch fünf Jahre laufe, das sei so, als dürfte man auf einer Quartierstrasse Tempo 120 fahren und auf der Autobahn 50, kriti­sierte etwa Jürg Joss von Fokus Anti-Atom in Brugg: «Aber nur weil die Quartier­strasse kürzer ist als die Autobahn, heisst das nicht, dass man weniger Menschen ­gefährdet, wenn man schneller fährt.»

Der Vergleich mag etwas schräg wirken, aber tatsächlich spielt die Kompo­nente Zeit eine wichtige Rolle beim AKW Mühleberg. Je weniger die BKW in der ­verbleibenden Laufzeit investieren muss, ­desto besser rentiert das AKW. Dank den nachsichtigen Auflagen des Ensi dürften so Investitionen von lediglich rund 15 Millionen Franken notwendig sein. Im August 2011, kurz nach Fukushima, ging die BKW noch von einem Nachrüstbedarf von mindestens 170 Millionen Franken aus. Und die Zeit läuft weiter für die BKW, denn zahlreiche offene Fragen rund um die ­Sicherheit der Schweizer AKWs werden erst in den kommenden Monaten oder gar Jahren entschieden.

Erdbebensicherheit: Sie steht in den Sternen

Seit 1999 wird geforscht und darüber diskutiert, mit welchen Erdbeben in der Umgebung von Schweizer AKWs gerechnet werden muss. Eine erste Studie mit dem Namen Pegasos wurde 2004 publiziert. Die Werte wiesen jedoch nach Ansicht der AKW-Betreiber zu hohe Unsicherheiten auf und wurden deshalb von der Vor­gängerorganisation des Ensi im Jahr 2006 ­um 20 Prozent reduziert. 2008 startete schliesslich das «Pegasos Refinement Project», eine ursprünglich auf viereinhalb Jahre angelegte wissenschaftliche Studie, die vom Branchenverband Swissnuclear bezahlt und vom Ensi eng begleitet wurde. Nach mehrfachen Verzögerungen liegen die Resultate nun seit rund einem Jahr beim Ensi auf dem Tisch. Mittlerweile will sich die Atomaufsicht nicht einmal mehr auf einen verbindlichen Termin für die Publikation festlegen. Das Ensi nehme «im Verlauf dieses Jahres» zu den Daten Stellung, sagt Direktor Hans Wanner: «Es handelt sich um ein sehr komplexes Projekt.»

Flugzeugabstürze: Bitte warten

Ebenfalls Zeit lässt sich das Ensi mit der Frage, ob die Schweizer AKWs bei einer Terrorattacke einem gezielten Flugzeugabsturz standhalten würden. Die AKW-Betreiber mussten dazu bis Ende 2014 einen Bericht einreichen; nun prüft man in Brugg. Bis zu dieser offiziellen Stellungnahme bleibt die Erkenntnis des pensionierten Linienpiloten und Fluginstruktors Max Tobler der einzige Anhaltspunkt darüber, wie es um die Sicherheit des AKWs Mühleberg im Hinblick auf einen gezielten Absturz eines Linien- oder Kampfflugzeugs steht: «Es ist problemlos möglich, einen Airbus 380 in ein AKW zu steuern», erklärte er gegenüber dem Beobachter bereits im Herbst 2013. Das Ensi will sich «frühestens Ende 2015» dazu äussern.

Wasserstoffexplosionen: Falsch gerechnet

Nur wenige Tage vor der Publikation des Mühleberg-Berichts kritisierte das Ensi die BKW wegen der Gefahr von Wasserstoffexplosionen in Mühleberg – für einmal in ungewohnt deutlichen Worten: ­Unter anderem habe die BKW die Summe des Wasserstoffs, der in das Reaktor­gebäude strömen und dort in Verbindung mit ­Sauerstoff explodieren könnte, nicht richtig berechnet. Ausserdem sei die ­BKW fälschlicherweise davon ausgegangen, dass sich der Wasserstoff bei einem Störfall gleichmässig im Reaktorgebäude verteile. Und zudem habe man den maximalen Druck, den dieses bei einer Explo­sion aushalte – den «Versagensdruck» – um das Anderthalbfache zu hoch angegeben.

Die BKW muss nun nachrechnen. Bis Mitte 2015 will das Ensi die Antwort haben. Dann wird es diese prüfen und allenfalls Nachbesserungen verlangen – und dafür wiederum eine Frist ansetzen.

Protokolle sollen geheim bleiben

Die Führungsetagen des Ensi und der Mühleberg-Betreiberin BKW treffen sich jährlich. Was besprechen sie dabei jeweils? Der Beobachter ­wollte es genau wissen und verlangte im April 2013 ­gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz die Protokolle all dieser Meetings seit 2008.

Die Antwort des Ensi: Die Protokolle allein kosteten ­1000 Franken, die Protokolle samt Beilagen kämen auf 8800 Franken zu stehen.

Der Beobachter war damit nicht einverstanden. Im November 2014 urteilte der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeits­beauftrag­te (Edöb), selbst die in der Zwischenzeit vom Ensi um die Hälfte reduzierten ­Beträge (500 respektive 4400 Franken) seien exzessiv und kämen einer Einsichts­verweigerung gleich.

Der Edöb forderte das Nuklearsicherheitsinspektorat deshalb auf, die Gebühren noch einmal zu überdenken.

Die neuste «Offerte» des Ensi: für die reinen Protokolle 420 Franken, für die Proto­kolle inklusive Beilagen 2265 Franken. Der Beobachter liess auch diese Zahlen vom Edöb beurteilen. Dessen Antwort: Auch diese Beträge seien «exzessiv» und kämen einer Einsichtsverweigerung gleich. Der Beobachter wartet nun gespannt auf das nächste Angebot des Ensi.

Veröffentlicht am 03. Februar 2015