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AKW MühlebergListe von Versäumnissen

Der Bericht internationaler Gutachter zum AKW Mühleberg wirft ein schlechtes Licht auf den Betreiber und das Nuklearsicherheitsinspektorat. Bekannte Mängel wurden jahrelang nicht behoben.

«Vorfälle zu spät untersucht»: Reaktor im Atomkraftwerk Mühleberg
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Als am 25. Oktober 2012 die 15 Inspektoren des Operational Safety Review Team (Osart) nach knapp drei Wochen aus dem AKW Mühleberg abzogen, nutzten die Bernischen Kraftwerke (BKW) dies für ein beruhigendes Communiqué: «Betrieb­liche Sicherheit bestätigt».

Nun liegt der Osart-Bericht vor. Die Experten der Internationalen Atomenergie-Agentur benennen darin zwar zehn «good practices», also betrieb­liche Abläufe, die in Mühleberg gut funktionieren. Daneben formulieren sie aber auch elf «Vorschläge» und zehn «Empfehlungen». Die Aussagen, obwohl in diplomatische Worte gekleidet, sind klar: Um die betrieb­liche Sicherheit in Mühleberg steht es längst nicht so gut, wie die BKW der Öffentlichkeit weismachen wollten.

Problemfeld Strahlenschutz

Das Management sei zu wenig vor Ort, befanden die Experten etwa, die betriebliche Weiterbildung werde vernachlässigt, Dokumentationen würden nicht nachgeführt, und die werkeigenen Feuerwehrleute seien nicht in allen Schichten anwesend. «Der Bericht ist eine einzige Auflistung erschreckender Managementfehler», stellt denn auch der Mühleberg-Kritiker Jürg Joss von Fokus Anti-Atom fest.

Das AKW Mühleberg war schon im Jahr 2000 von einer Osart-Mission unter die ­Lupe genommen worden. Brisant daran ist: Die damals geäusserten Kritikpunkte decken sich über weite Strecken mit den jetzt publizierten. Die BKW haben die ­Kritik aus dem 2000er-Report zur Kenntnis genommen – und schubladisiert.

Schon im Jahr 2000 hatten die Osart-­Inspektoren etwa kritisiert, dass Vorfälle im AKW zu spät untersucht würden. Der Befund im Jahr 2012: «Die Analyse von Ereignissen wird nicht innert nützlicher Frist und mit der notwendigen Detailtreue durchgeführt. Ursachen, menschliche Faktoren und Korrekturen werden nicht immer in einer messbaren Art spezifiziert.»

Auch um den Strahlenschutz steht es im AKW Mühleberg nicht zum Besten. Die Mitarbeiter seien einer höheren Strahlenbelastung ausgesetzt als in anderen Atomkraftwerken mit Siedewasserreaktoren, schreiben die Inspektoren: «Die durch­geführten Kontrollen sind nicht in allen Fällen geeignet, um die Strahlenbelastung der Mitarbeiter zu minimieren.» Allein im September 2012 wurden in Mühleberg 40 Fälle radioaktiver Verstrahlung festgestellt. Längst nicht bei allen Kontaminationen würden die ­Gründe analysiert, heisst es im Bericht – ein Versäumnis, das schon im Jahr 2000 kritisiert worden war. Damals gelobten die AKW-Verantwortlichen Besserung: Diese seien «zum Schluss gekommen, dass die Situation verbessert werden muss», schrieben die Inspektoren. Passiert ist seither jedoch kaum etwas, im Gegenteil: Die Mängelliste beim Strahlenschutz ist länger geworden.

«Sicherheit ausgewiesen»

Wie schon im Jahr 2000 kritisierten die Experten im letzten Herbst auch die ungenügenden Massnahmen zur Absperrung von kontaminierten Zonen innerhalb des Atomkraftwerks: Einige Zonen mit einer hohen Verstrahlung könnten nicht abgeschlossen werden, zu anderen so­genannten Hochdosis-Zonen hätten bis zu 200 Personen mit einem eigenen Schlüssel Zugang.

Die BKW nehmen zu den kritisierten Punkten nur sehr allgemein Stellung. «Wenn in Mühleberg relevante Mängel vorhanden wären, könnten wir die Anlage gar nicht betreiben», sagt Mediensprecher Antonio Sommavilla zur Kritik der ­Osart-Experten. Deren Vorschläge und Empfehlungen seien «Optimierungsmöglichkeiten in einem Werk, dessen betrieb­liche Sicherheit ausgewiesen ist».

Auch das Ensi, das für die Kontrolle der betrieblichen und nuklearen Sicherheit in Mühleberg zuständig ist, nahm bis Redaktionsschluss zu konkreten Fragen des Beobachters nicht Stellung. Auf der Ensi-Website erklärte der stellvertretende Direktor Georg Schwarz, der Bericht sei «eine Bestätigung der Arbeit des Ensi». Man erwarte, dass die Empfehlungen umgesetzt würden. Eine «Empfehlung» ist übrigens die schärfste Form von Kritik, die eine ­Osart-Mission aussprechen kann.

Veröffentlicht am 19. Februar 2013