1. Home
  2. Bürger & Verwaltung
  3. AKW: Von Rissen darf keiner wissen

AKWVon Rissen darf keiner wissen

Von Rissen darf keiner wissen
Bild: Getty Images

Die Risse im Kernmantel des bald 40-jährigen AKW Mühleberg werden immer grösser. Trotzdem will man eine unbefristete Betriebsbewilligung – und hält die Sicherheitsberichte unter dem Deckel. Ein solcher Bericht enthält brisante Informationen. Genau darum publiziert ihn nun der Beobachter.

von Otto Hostettleraktualisiert am 2009 M02 06

Vertraulicher Bericht der BKW

Geht es um Sicherheitsberichte des AKW Mühleberg, wird die Betreiberfirma BKW Energie AG einsilbig. So wehrt sie sich mit allen juristischen Mitteln dagegen, dass ein umfassender Sicherheitsbericht (die sogenannte Periodische Sicherheitsüberprüfung, PSÜ) veröffentlicht wird. Dies obschon eine frühere Fassung Anfang der neunziger Jahre noch öffentlich war und die Sicherheitsberichte anderer Atomanlagen in der Schweiz ebenfalls öffentlich sind. Die BKW begründet ihre Geheimniskrämerei mit Gründen des Sabotageschutzes und weil die Dokumente dem Geschäftsgeheimnis unterliegen würden. Anwohner kämpfen nun vor Bundesverwaltungsgericht für die Einsicht in die Sicherheitsakten.

Auch den jährlichen Bericht über die Revisionsarbeiten im AKW hält die BKW unter Verschluss. Dieser Bericht liegt dem Beobachter jedoch vor: Er umfasst 157 Seiten und ist explizit mit «vertraulich» gekennzeichnet. Die BKW muss diesen Rechenschaftsbericht nach der Jahresrevision jeweils der Aufsichtsbehörde ENSI abliefern. Er gibt detailliert Auskunft über die umfangreichen Tests, Analysen und Flickarbeiten während der Jahresrevision.

Aus den Seiten 18 und 19 beispielsweise ist ersichtlich, wie sich die Risse an den Schweissnähten im Kernmantel vergrössert haben. Ebenfalls erwähnt sind im vertraulichen Bericht zur Jahresrevision 2007 die zwei Risse in der Kernsprühleitung, die erst 2006 entdeckt wurden (Seite 17 und 24). Offiziell wollte die BKW über die Details der Risse im Kernmantel und der Kernsprühleitung keine Auskunft geben.

Den vertraulichen Bericht können Sie hier als PDF herunterladen:

Kurzversion (Seiten 17 bis 24)

Vollständiger Bericht

Dieses Mal ist alles anders: Die halbstaatliche Betreiberfirma BKW will nicht öffentlich Rechenschaft ab­­legen über massgebliche Sicherheitsfragen des Atomkraftwerks Mühleberg. Obschon sie für das fast 40-jährige AKW derzeit vom Bund eine unbefristete Betriebsbewilligung verlangt, bleibt ein umfassender Sicherheits­bericht unter Verschluss. Eigenartig: Der letzte solche Bericht («SIB 89») war noch öffentlich, genauso wie die entsprechenden Berichte anderer Schweizer Atomanlagen.

Dabei birgt eine vertrauliche Expertise der BKW von 2007, die dem Beobachter vorliegt, brisante Details zu den Rissen an den Schweissnähten des Kernmantels. Diese waren vor bald 20 Jahren entdeckt worden. In einer aufwendigen Reparatur wurden Mitte der neunziger Jahre vier Zuganker als Klammern um den Kernmantel gebaut. Als die BKW vor zehn Jahren eine unbefristete Bewilligung verlangte (und nur eine befristete erhielt), liess Bundesrat Moritz Leuenberger bei der deutschen Prüfanstalt TÜV eine Expertise über mögliche Folgen der Risse erstellen. Der TÜV kam – damals – zum Schluss, die Risse seien kein Sicherheitsrisiko.

Den riesigen ­Klam­mern zum Trotz – der 157 Seiten starke vertrauliche BKW-Bericht belegt das Ausmass einer beunruhigenden Entwick­lung: Die am stärksten betroffene hori­zon­tale Schweissnaht Nummer elf weist inzwischen neun Risse auf, die sich gesamthaft über 2,4 Meter erstrecken – also fast über einen Viertel des Umfangs des Kernmantels.

Der längste dieser Risse misst 91 Zentimeter. Vor zehn Jahren war der längste noch 48 Zentimeter lang, die Gesamtlänge aller Risse nicht einmal halb so gross wie heute. Der tiefste Spalt misst gemäss der nie ver­öffentlichten Expertise 2,4 Zentimeter. Er durchdringt die 3,1 Zentimeter dicke Wand des Kernmantels um mehr als zwei Drittel.

Ein Blechteil fällt in den Reaktorkern

Über die Risse möchte die BKW am liebsten gar nicht sprechen. Gegenüber dem Beobach­ter heisst es nur, die am stärksten betroffene Schweissnaht sei zu «72 Prozent intakt». Sprich: Sie ist zu mehr als einem Viertel nicht «intakt». Irritierend: Die Aufsichtsbehörde Ensi ­(Eidgenössi­sches Nuklearsicherheitsinspektorat) hält in ihrem Jahresbericht summarisch fest, die Risse hätten «keinen Ein­fluss auf den sicheren Betrieb der Anlage».

Doch im AKW Mühleberg gibt es noch andere Probleme. Auch an der Kernsprüh­leitung sind Risse aufgetaucht. Und aus der Pendenzenliste der Aufsichts­behörde geht hervor, dass sogar der Ablauf der Morgen­sitzung im AKW zu wünschen übrig lässt.

Die Hintergründe der Vorfälle im AKW muss man sich aus den verschiedenen Publikationen der Aufsichtsbehörde zusammentragen: So ereignete sich beispielsweise während der Jahresrevision im August 2007 bei der sogenannten Brennelement-Wechselmaschine (einer Art Kran im Reaktorgebäude) eine denkwürdige Panne. Bei einem Test öffnete sich fälschlicherweise ein Greifer, so dass ein Kasten mit gebrauchten Brennelementen auf den Boden des Brennelement­beckens «abrutschte». Im Aufsichtsbericht heisst es dazu lapidar, zwei Luftschläuche seien vertauscht angeschlossen – und das Versehen bei der Funktionskontrolle über­sehen worden.

Wenige Tage später Phase zwei im Wechselmaschinendebakel: Das frisch sanierte Gerät wird über dem offenen Reaktor ausprobiert. Just zum Zeitpunkt, da mit dem Kran die Brennelemente in den Reaktorkern eingesetzt werden, löst sich ein Blechteil von der Maschine – das gute Stück entschwindet im Reaktorkern. Im Aufsichtsbericht heisst es beschwichtigend: «Das Teil konnte nicht geborgen werden. Es wurde jedoch nach­gewiesen, dass der Verlust dieses Kleinteils die Sicherheit der Anlage nicht gefährdet.»

Sabotageschutz und andere Geheimnisse

Über die Sicherheit von Mühleberg ist ausser den gebetsmühlenartigen Äusserungen, das Werk erfülle alle sicherheitsrelevanten Anforderungen, wenig zu erfahren. Die sogenannte periodische Sicherheits­überprüfung (PSÜ), die eine sicherheitstechnische Gesamtschau über das AKW aufzeigen soll und die die BKW auf Geheiss der Aufsichtsbehörde für das Bewilligungsverfahren schon vor drei Jahren erstellen musste, rückt die BKW nicht heraus – angeblich aus Gründen des Sabotageschutzes. «Zudem unterliegen diese Dokumente dem Geschäfts- und Fabrikationsgeheimnis», behauptet BKW-Sprecher Sebastian Vogler.

Anwohner des AKW verlangen nun vor Bundesverwaltungsgericht die Herausgabe der Akten. Jürg Joss, Aktivist von Fokus Anti-Atom und unermüdlicher Kritiker von Mühle­berg: «Es ist offensichtlich, dass die BKW mit Investitionen in die Sicherheit zuwartet, weil sie nicht weiss, wie lange Mühleberg noch betrieben werden kann. Ich finde diese ökonomische Abwägung angesichts des Risikos fatal.» Der Basler SP-Nationalrat und Atomkritiker Rudolf Rechsteiner doppelt nach: «Ich finde diese Geheimniskrämerei angesichts der Risiken vollkommen verfehlt.»

Während der Sicherheitsbericht vorderhand unter dem Deckel bleibt, ist die Stellungnahme der Aufsichtsbehörde Ensi dazu im Internet nachzulesen. Gemäss dieser muss die BKW eine ganze Reihe sicherheitstechnischer Analysen und Konzepte nachliefern, um die Folgen möglicher Hochwasser, Brände, Erdbeben oder Flugzeugabstürze abzuschätzen.

Zu spät für den Entscheid des Bundes

Etliche dieser Hausaufgaben muss die BKW erst Ende 2009 oder noch später erledigen. Das Sicherheitskonzept für den rissigen Kernmantel etwa muss sie erst bis Ende 2010 überarbeiten. Eigenartig: Bis die Betreiberin damit ihren Sicherheitsbericht vervollständigt hat, dürfte der Bund die Betriebsbewilligung längst erneuert haben. Entscheiden wird das Bundesamt für Energie nämlich bereits in den kommenden Monaten.

Unabhängig davon führt die Aufsichts­behörde ihre Pendenzenliste weiter. Was die BKW noch nicht erledigt hat, war darin bisher mit  «offen» bezeichnet. Neuerdings hat die Kontrollbehörde für diese Rubrik aber eine neue Bezeichnung gefunden: Sie heisst jetzt «in Bearbeitung» – was nicht ganz so nachlässig klingt.

Das AKW im Überblick

  • Standort: 17 Kilometer westlich von Bern
  • Typ: Siedewasserreaktor
  • Inbetriebnahme: 1972
  • Leistung: 355 Megawatt
  • Jährliche Produktion: rund drei Milliarden Kilowattstunden

  1. Wechselmaschine: Mit dieser Apparatur werden die abgebrannten Brennelemente ausgewechselt.

  2. Brennelementbecken: Hier kühlen die verbrauchten Brennelemente ab, bis sie transportfähig sind.

  3. Sicherheitsbehälter: Er muss im Störfall garantieren, dass keine Radioaktivität entweichen kann.

  4. Reaktor-Druckbehälter: Er ist etwa zu zwei Dritteln mit Wasser gefüllt, das sich durch die Kernspaltung erhitzt.

  5. Kernsprühleitung: Sie dient bei einem Störfall zur Kühlung des Reaktorkerns und zur Druckentlastung des Druck­behälters. Sie weist Risse auf.

  6. Kernmantel: Der Stahlzylinder umhüllt den Reaktorkern. Im Störfall sorgt er dafür, dass die Brennstäbe weiterhin im Wasser gekühlt werden. Seit 18 Jahren bestehen Risse entlang der horizontalen Schweiss­nähte. 1997 wurden sie mit Klammern stabilisiert.

  7. Brennelemente: Sie enthalten das für die Energieerzeugung notwendige Uran.


Quellen: BKW/Energy Forum; Infografik: Beobachter/dr.
Die Darstellung ist stark vereinfacht.

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

5 Kommentare

Sortieren nach:Neuste zuerst
Zurbuchen
Es ist erschütternd fest zustellen, wie wenig man aus Chernobyl gerlernt hat... Ich hoffe und bete darum,dass ein solches Unglück sich nicht wiederholt. Nichts demzu trotz, die Verantwortlichen sollen härtere Massnahmen ergreifen und die Betreiber dieses AKW`s kräftig ermahnen und die Forderungen nach den Sicherheitspunkten nicht auf Jahre hinaus schieben lassen. Der Zeitpunkt zum Handeln ist nicht morgen sondern HEUTE! Hätte ich die Möglichkeit hier etwas zu entscheiden, würde ich dieses Kraftwerk sofort schliessen bis alle sogenannten " Hausaufgaben" gemacht sind und dass AKW wieder sicher ist und sämtliche Risse fachmännisch repariert sind.
Thomas Schaerer
Es zeigt halt ein weiteres Mal, dass immer dort wo Politik, Macht und Geld im Spiel ist, ein Maximum an Mistrauen angebracht ist, - immer!
Tiziana Q
Es ist beschämend, wenn man heutzutage solche Unwahrheiten in einer Zeitschrift lesen muss! Was noch trauriger ist, ist die Tatsache, dass viele Bürgerinnen und Bürgen nicht die geringste Ahnung von einem Atomkraftwerk haben, wodurch sie dann durch solche Artikel ins falsche Licht gelenkt werden. Ich bin ein Einwohner von Mühleberg und hatte noch nie Bedenken. Und Aussagen wie "In Mühleberg will ich kein zweites Tschernobyl!" sind utopisch. Im Bericht hätte man lesen können, dass Mühleberg völlig anders aufgebaut ist als das Kraftwerk in Russland!
Max
Ja es ist absolut richtig dass man Misstrauen zeigen muss. Zitat: Die Hintergründe der Vorfälle im AKW muss man sich aus den verschiedenen Publikationen der Aufsichtsbehörde zusammentragen: …. Bei einem Test öffnete sich fälschlicherweise ein Greifer, so dass ein Kasten mit gebrauchten Brennelementen auf den Boden des Brennelementbeckens «abrutschte» .Ende Fast alles was in diesem Bericht „verwertet“ wird stammt aus einem Bericht der HSK (jetzt ENSI). Ich verstehe nicht, warum der Autor dieses zusammentragen musste. Noch schlimmer wenn man den Originalbericht der HSK liest. http://www.ensi.ch/uploads/media/aufsib07d.pdf Seite 41