Bis am 5. Mai 1999 sind 694’840 Kosovo-Flüchtlinge in benachbarte Regionen geflüchtet:

  • 404’200 nach Albanien
  • 211’340 nach Mazedonien
  • 61’700 nach Montenegro
  • 17’600 nach Bosnien

Die Flugkabine zittert, als wir die Wolkendecke durchstossen. Dann fällt der Blick auf eine sanft gewellte Landschaft: grüne Wiesen, Felder, ockerbraune Berghänge und langgezogene Strassen; dazwischen zwei dunkelblaue Flussläufe. Nur kleinere Siedlungen sind auszumachen, etwas weiter weg die Küste – kein Schiff ist zu sehen. Eine friedliche Miniaturwelt: Albanien aus der Luft.

Am Boden läuft die Kriegsmaschinerie auf Hochtouren. Dreimal muss der Pilot der Albanian Airlines über dem Flughafen kreisen, ehe er zur Landung ansetzen darf. Vorrang haben Nato-Jets und Militärhelikopter, darunter die gefürchteten US-Apaches. Im Kontrollturm dirigieren amerikanische Fluglotsen den Luftverkehr.

Hinter der Landepiste ragt eine Zeltstadt der US-Army aus dem Morast, umgeben von getarnten Flugabwehrgeschützen. Inmitten dieser Militärbasis ist der Zivilflughafen von Tirana eingeklemmt. Was die schwere Iljuschin aus der Ukraine hier zu suchen hat, bleibt ein Rätsel, denn Osttouristen besuchen diesen armen Winkel Europas ebensowenig wie Westreisende.

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Dafür sind die Soldaten des mächtigsten Militärbündnisses der Welt im Zwergstaat an der Adria willkommen. Das gilt auch für die vielen Hilfswerkvertreter und Medienleute. Sie bringen nicht nur Schutz und Hilfe, sondern auch dringend benötigte Devisen. Und sie lenken das Interesse der Weltöffentlichkeit zumindest für ein paar Wochen auf das vernachlässigte Bergland im südlichen Balkan.

Die 50 Kilometer lange Fahrt in die nordalbanische Stadt Lezhë dauert anderthalb Stunden und führt über eine löchrige, seit Jahrzehnten nicht mehr geflickte Asphaltstrasse. Vorbei an zerfallenen Industrieanlagen mit eingestürzten Dächern, vorbei an kaputten Eisenbahngleisen und ärmlichen Wohnhäusern. In den Gärten und auf den Feldern ragen Einmann-Betonbunker aus dem Boden, die der kommunistische Diktator Enver Hoxha (1946 bis 1985) einst gegen allfällige «Aggressoren» aus West und Ost errichten liess.

Heute liegt die albanische Wirtschaft am Boden, und die Bevölkerung ist demoralisiert. Wer clever ist und über die nötigen Mittel verfügt, sucht Zuflucht in Westeuropa oder in Ubersee. Wenn’s geht, legal als Gastarbeiter – sonst als Asylbewerber oder Illegaler. Jetzt hat das Land selbst ein Asylproblem.

Grösstes Asylzentrum der Welt
Die Hochebene von Kukës an der Nordgrenze zu Jugoslawien beherbergt das grösste Flüchtlingslager der Welt. Rund 18'000 Vertriebene aus dem Kosovo leben in «regulären» Camps des Roten Kreuzes, von SOS International, Caritas Albanien und anderen Hilfswerken. Sie erhalten Unterkunft, Verpflegung, medizinische Hilfe und sauberes Wasser.

Uber 50'000 weitere Flüchtlinge leben «wild» in der Stadt und im Umland: unter aufgespannten Plastikblachen, auf mitgeführten Planwagen und Traktoren. Sie kochen selbst, können aber von den zahlreich anwesenden Hilfswerken Nahrungsmittel beziehen. Uberall türmen sich riesige Abfallberge. Es stinkt grässlich. Und wegen der fehlenden sanitären Einrichtungen drohen Krankheiten und Seuchen.

Im italienischen Rotkreuzlager Kukës1 finden wir Faik Morina, 53. Er wurde mit seiner Familie aus dem Kosovo vertrieben. «Fünf serbische Polizisten stürmten in mein Haus und schrien: Ihr seid immer noch da? Raus!»

Zu Fuss wurde die Familie Morina mit vielen Dorfbewohnern von Mitrovica auf den 170 Kilometer langen Weg nach Prizren geschickt. «Doch plötzlich, etwa zehn Stunden nach dem Abmarsch, stoppten die Serben unsere Kolonne.

Sie nahmen meinen Bruder, seine zwei Söhne und meinen eigenen Sohn heraus», sagt Faik Morina mit Tränen in den Augen. «Dann hiess es: Schnell, schnell – und wir mussten weitergehen. Seither haben wir die vier nicht mehr gesehen.» Nach sechs Tagen Marsch traf die Gruppe erschöpft an der albanischen Grenze ein.

Jetzt wartet Morina mit einem Enkel, der Schwester, der Schwägerin, drei Töchtern und einer Schwiegertochter auf die verschleppten Angehörigen. Keine Frage, dass er zurück in das Kosovo will: «Sobald es irgendwie geht.»

Anderer Meinung ist die 27jährige Fatmira, die ihre seit Geburt behinderte 19-jährige Schwester Mimoza betreut. Flehend fragt sie: «Können Sie uns nicht helfen?» Sie möchte in die Schweiz oder nach Deutschland reisen, «bis es im Kosovo wieder ruhig ist». Der Vater sagt nur: «Es ist besser, in seinem Land zu sein, auch wenn es schwierig ist.»

Genauso sieht es der 48jährige Riza Krasnici, den wir mit seiner 19köpfigen Familie in einem «wilden» Camp treffen. Der einzige Mann inmitten von fünf Frauen und 13 Kindern hat seine vier Brüder und einen Sohn freiwillig im Kosovo zurückgelassen: Sie alle haben sich der Befreiungsarmee UCK angeschlossen. «Nur ich, der Grossvater, bin da.»

Mindestens ein Mann pro Grossfamilie muss bei Frauen, Kindern und Alten bleiben und für sie sorgen. «So ist unsere Mentalität im Kosovo», sagt ein anderer Flüchtling, der mit zwölf Frauen und Kindern da ist.

Gnadenlose Gewalt regiert
Riza Krasnici spricht gebrochen schweizerdeutsch. Neun Jahre arbeitete er als Maurer bei Baden. Sein Chef wollte die Jahresbewilligung verlängern. «Aber ich bin 1997 zurückgekehrt. Meine Familie lebte im Kosovo. Ihr habe ich immer alles Geld geschickt.»

Vor zwei Jahren hat Riza hier ein Haus und eine kleine Werkstatt für Balkongeländer gebaut. «Jetzt ist alles kaputt.» Das Haus sei in Flammen aufgegangen, als sie fliehen mussten. Das war am 28. März, fünf Tage nach Kriegsbeginn. Die serbische Miliz kam in Krasnicis Dorf, stahl ihm 3000 Franken und alles, was wertvoll aussah: «Ein schönes Auto, ein Lastwagen – alles weg.»

Nur der alte Traktor und ein Anhänger blieben Riza. Damit fuhr er die 18 Familienangehörigen drei Tage und zwei Nächte lang Richtung albanische Grenze. «Es war schrecklich, die Kinder hatten kein Essen.»

Während Fotograf Sigi Tischler und ich entsetzt zuhören, bringt uns Rizas Nachbar zwei Tassen starken türkischen Kaffee. Vor seinem Zelt steht ein grosser Holzkochherd, den er auf die Flucht mitgenommen hat. Unglaublich und bewegend zugleich: Selbst in grösster Not gewähren die Flüchtlinge den Fremden Gastfreundschaft.

Nachdenklich verlassen wir den Ort. Da tritt mir ein alter Mann in den Weg und sagt ebenfalls auf deutsch: «Was passiert mit uns? Warum vertreibt man uns schon wieder? Helfen Sie, bitte!»

Das Lager von Caritas Albanien, erfahren wir, muss auf Befehl der Polizei innert 24 Stunden geräumt werden. «Sicherheitsanordnung der Nato», heisst die offizielle Begründung, das Lager liege zu nahe an der Grenze.

Die Folge: Erneut wird sich ein Flüchtlingstreck nach Westen bewegen, der sich in die grösseren albanischen Ortschaften und an die Küste ergiesst. Dorthin, wo heute schon über 300000 Kosovarinnen und Kosovaren geflohen sind. Und erneut werden sich die dreckigen Lagerplätze von Kukës mit neuen Nachzüglern aus dem Kriegsgebiet füllen – ob dies die Nato und die albanische Polizei erlauben oder nicht.

«Was ist jetzt? Was tun Sie?» Der alte Mann weicht nicht von meiner Seite. Ratlos suche ich eine Antwort – sie wird ihn nicht befriedigen. Ich verspreche ihm, über das Gesehene zu berichten: «Wir vergessen Sie nicht.» Darauf drückt er mir die Hand und sagt: «Faleminderit.» Auf deutsch: Danke.

Auf der Rückfahrt im Caritas-Jeep von Kukës nach Lezhë kreuzen wir zahlreiche Hilfskonvois. Mit 30 Kilometern pro Stunde tuckern die Lastwagen auf der schmalen Buckelpiste bergwärts. Zwei schwere Fahrzeuge aus den Arabischen Emiraten werden von dunkelhäutigen Chauffeuren mit Turban auf dem Kopf gesteuert. Neben den modernen EU-Lastzügen mit Blaulichtbegleitung quälen sich auch russgeschwängerte Dieselschwarten aus der Slowakei und der Türkei die enge Passstrasse hinauf.

Hilfsflüge rund um die Uhr
Elegant schweben dagegen die drei Schweizer Super-Pumas mit dem riesigen UNHCR-Schriftzug über die Hügel. Sie transportieren Menschen und Güter von Kukës nach Tirana – und zurück.

Ihre Starts und Landungen bieten den Flüchtlingskindern jeweils ein willkommenes Schauspiel: Kaum hat der Pilot aufgesetzt, wird die Türe aufgerissen. Wie auf Kommando springen zwei Festungswächter heraus und sichern mit Maschinenpistolen den Platz ab.

Jetzt stellt sich ein Soldat breitbeinig auf den Platz und überwacht den Auslad. Mit fachmännischem Blick prüft er die Ausweise der neuzusteigenden Passagiere. Bald dröhnen die Rotoren wieder – und weg braust der schwere Stahlvogel. Nicht ohne den Zaungästen nochmals kräftig die Haare durcheinanderzuwirbeln.

In dieser grossen Not funktioniert immerhin die internationale Solidarität. Hunderte von Tonnen Lebensmittel, Medikamente, Decken und Hygieneartikel werden täglich aus aller Welt in die Flüchtlingslager an der albanischen Grenze gebracht. «Wir erhalten hier genug zu essen», bestätigen Faik Morina und Riza Krasnici: «Faleminderit.»

Dramatisch ist dagegen die Situation in Lezhë. Die nordalbanische Kleinstadt platzt aus allen Nähten. Nacht für Nacht kommen neue Flüchtlinge an. Niemand kann sie zählen, niemand weiss sie unterzubringen.

Wir betreten ein stillgelegtes Fabrikareal im Zentrum. In einer hässlichen, dunklen, kalten Halle drängen sich Hunderte von Vertriebenen – eingepfercht wie Tiere. Einige sitzen apathisch herum, andere drücken sich den Wänden entlang.

Nachdem sich die Augen an die Finsternis gewöhnt haben, sehe ich ein Lumpenbündel am Boden: Ein alter Mensch, wohl eine Frau, liegt versteckt unter Kleidern – erschöpft, krank. Ein paar Kinder mit dreckigen Gesichtern mustern verschreckt die Besucher.

Eine schwangere Ärztin hilft
Erschüttert gehen wir ins Freie. Dort spricht uns eine Frau im weissen Kittel an. Mybera Ferizi, hochschwanger, ist Ärztin und selbst Vertriebene. Ihren Mann hat sie auf der Flucht verloren. «Meine Handtasche habe ich mitgenommen – und meine drei Kinder», sagt sie und zeigt auf ihren Bauch: «Und hier kommt das vierte.»

Ruhig erzählt sie von ihrer Arbeit als Dermatologie-Assistentin an der Universität Pristina und über die Flucht. Sogar die Lippen hat sie geschminkt. Und sie lächelt, als sie schildert, wie sie den Arztstempel vor den Häschern rettete.

Wichtig ist ihr jetzt aber etwas anderes: Sie will mit einer jüngeren Kollegin die medizinische Betreuung ihrer Landsleute organisieren. «Ich kann nicht herumsitzen, ich muss etwas tun.» Bereits hat sie begonnen, den Gesundheitszustand der über 1000 Geflohenen zu erfassen. Durchfall, Uberanstrengung und Psychosen seien die häufigsten Diagnosen.

Beeindruckend: Menschen wie Mybera erfüllen selbst unter widrigsten Umständen ihre Pflicht und helfen jenen, denen es noch schlechter geht als ihnen.

Ein Hilfswerk hat der Frau ein «Doctor-Kit», eine Mini-Ärzteausrüstung, zur Verfügung gestellt. «Jetzt fehlt noch ein Behandlungsraum. Oder sollen sich die Patientinnen vor den herumstehenden Männern ausziehen?» fragt Mybera. Da greift Erich Ruppen von Caritas Schweiz zum Handy und verspricht: «Wir werden Ihnen helfen.»

Auf ähnlich katastrophale Zustände stossen wir in einer zweiten ausgedienten Fabrik am Stadtrand von Lezhë. Hunderte von Kosovarinnen und Kosovaren vegetieren hier unter erbärmlichen Bedingungen dahin. Für die Caritas-Mitarbeiter und für den Beobachter-Vertreter ist klar: Hier müssen wir helfen – und zwar rasch. Mit Lebensmitteln, Kleidern, Decken, Betten und medizinischer Pflege.

Einer, der in Lezhë bereits hilft, ist Don Dodë. Der katholische Pfarrer aus einem Nachbardorf ist Leiter des Kolping-Familiendienstes. Seit Ende März, als die Stadt von Vertriebenen überrannt wurde, führt er in zwei Schulhäusern ein Flüchtlingszentrum für 1100 Personen. Ihm zur Seite stehen 14 einheimische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. «Wir betreuen zum ersten Mal Flüchtlinge – aber es klappt», sagt er bescheiden.

Don Dodës Schützlinge erhalten täglich zwei warme Mahlzeiten, werden medizinisch betreut und haben Matratzen zum Schlafen. «In einer zweiten Phase müssen wir die Leute irgendwie beschäftigen», sagt der Priester. Schon jetzt gebe es Anzeichen von Unfrieden und Spannungen. Seine Leute bereiten auch eine psychosoziale Betreuung vor.

Letzter Szenenwechsel: «Wir sind schlimmer dran als die Kosovo-Flüchtlinge. Für sie sorgt der Staat, für uns niemand.» Fordernd steht der 39jährige Llesh Pal Ndoj vor uns. «Ich verdiene 200 Lek am Tag. Doch nur, wenn ich Arbeit finde.» Der Taglöhner muss eine achtköpfige Familie ernähren – mit ein bis zwei Franken pro Tag. Das ist selbst in Albanien eine Unmöglichkeit!

Um Llesh Pal Ndoj sammeln sich weitere Männer mit ernsten Gesichtern. Sie gehören zu jenen Hunderten verarmter Albaner, die vor sechs Jahren aus dem Norden ins Schwemmland von Shënkoll gezogen sind. Hier hat ihnen die Stadt Lezhë ein Stück Land angeboten: zuwenig zum Leben, zuviel zum Sterben.

«Darum gehen wir in die Stadt und wollen auch Lebensmittel.» Und was passiert dort? «Manchmal bekommen wir etwas zu essen. Aber meistens schickt man uns einfach wieder weg.»

Noch einmal wird klar: In diesem armen Land leiden nicht nur die Flüchtlinge aus dem Kosovo. Auch viele Einheimische leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Das birgt sozialen Zündstoff.

Der Beobachter hilft vor Ort
Mir kommen die Worte des deutschen Hilfswerkberaters Eberhard Walde in den Sinn, den wir in Tirana getroffen haben: «Man kommt hierher, um Flüchtlingen zu helfen. Doch ständig sieht man, was man zuerst im Land verbessern müsste. Es ist zum Verzweifeln.»

Verzweifeln? Nein, der Beobachter will helfen. Kolping Albanien und Caritas Schweiz haben den Anfang gemacht. Mit Ihrer Spende, liebe Leserinnen und Leser, können unsere vertrauenswürdigen Partnerorganisationen vor Ort rasch und wirksam helfen. Die Kosovo-Flüchtlinge und die albanische Bevölkerung werden es Ihnen danken: «Faleminderit!»